Viola Matz
Praktikum bei der Sparkasse Dessau
Nachdem ich meine Scheine für das erste Staatsexamen in der Tasche hatte, wollte ich mich wieder den praktischen Seiten des Juristenlebens widmen. Ich hatte bereits zwei
Praktika von jeweils einem Monat beim Amtsgericht und beim Finanzamt absolviert, so dass ich mir nun die Frage stellte, wo ich denn diesmal meine praktischen Erfahrungen
sammeln wollte. Ein Praktikum in einer Kanzlei kam für mich nach einer 3-jährigen Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten nicht in Frage, da mein damaliger ausbildender
Anwalt von meinen Studienplänen wusste und mich schon in der letzten Zeit meiner Ausbildung sehr viel in die anwaltliche Tätigkeit integriert hat.
Obwohl ich während des Studiums noch nicht viel mit Bankrecht zu tun hatte, entschied ich mich für ein Praktikum bei einer Bank oder Sparkasse. Diese Entscheidung wurde
unter anderem dadurch beeinflusst, dass ich verschiedene juristische Tätigkeitsgebiete kennen lernen wollte. Mit einem Praktikum hat man die Chance, auch ohne ins Detail
gehende Kenntnisse seine Stärken oder Schwächen für diese Branche kennen zu lernen. Gesagt – getan, die Bewerbungen wurden geschrieben und verschickt.
Nach einigen Absagen erhielt ich die Einladung zu einem Gespräch in die Sparkasse Dessau. Bereits nach den eingangs üblichen Fragestellungen, warum ich mich für ein
Praktikum bei einer Sparkasse entschieden habe, erfolgte die Mitteilung, dass die Sparkasse bereit ist, mir die Plattform für ein bankrechtliches Praktikum zu bieten.
Mit Vorfreude und natürlich einiger Literatur vor Beginn des Praktikums startete ich in meinen ersten Arbeitstag bei der Sparkasse. Hier wurde ich vom Leiter der
Rechtsabteilung durch das gesamte Gebäude (außer dem Kundenbereich) geführt, um so die einzelnen Abteilungen der Sparkasse kennen zu lernen. Neben den einzelnen Abteilungen
gab es auch eine kleine Cafeteria, in der man gemütlich frühstücken oder zu Mittag essen konnte.
Ich muss dazu sagen, ich habe mir eine Hauptfiliale zur Ableistung des Praktikums ausgesucht, um recht viel und verschiedenes für mein späteres (Berufs-)Leben mitnehmen zu
können. Diese Hauptfiliale ist Zentrale von 14 kleineren Filialen im Stadtgebiet. Hier laufen die Fäden zusammen und alle Rechtsvorfälle werden hier bearbeitet. Ich selbst
war auch in der Rechtsabteilung tätig und hatte keinen Kontakt zu den Kunden. Nachdem ich nun allen Mitarbeitern einmal begegnet war, bekam ich meine ersten Aufgaben. Für
die Bearbeitung der mir zugeteilten Fälle konnte ich mich in ein mir zugeteiltes Zimmer begeben oder nach Wunsch auch zu Hause, in der Bibliothek oder an anderen geeigneten
Orten arbeiten. Meist habe ich am Tag, an dem ich die Fälle erhalten habe, mir einen Überblick darüber verschafft, Kopien gezogen und anhand der in der Sparkasse vorhandenen
Literatur und Rechtsprechung einen ersten Lösungsweg aufgezeigt. An den Folgetagen war ich entweder in der sehr gut ausgestatteten Bibliothek am Landgericht Dessau oder in
der Juristenbibliothek in Leipzig zu finden. Sofern ich Fragen zu den Fällen hatte oder weitere Unterlagen brauchte, fuhr ich zwischendrin in die Sparkasse, wo jeder der
Mitarbeiter der Rechtsabteilung ein offenes Ohr für mich hatte. Mit Übergabe der Akten vereinbarte der Leiter der Rechtsabteilung mit mir einen Besprechungstermin, an dem
ich ihm meine Lösungen vorstellte. Diese "festen" Termine fanden anfangs 3 mal, später dann 2 mal in der Woche statt, je nach Schwierigkeit der Sachlage.
Bei der Bearbeitung der Angelegenheiten steht keineswegs nur Bankrecht im Vordergrund. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel vieler rechtlicher Bereiche. So spielen
oftmals Erbrecht (Eintritt von Erben in das Giroverhältnis), Schadensersatzrecht (unberechtigte Geldabhebungen), Insolvenzrecht (Haftung des Insolvenzverwalters), aber auch
das Strafrecht (Anfertigen von Strafanzeigen) eine große Rolle. Natürlich ist sehr häufig das eigentliche Bankrecht mit dem Zahlungsverkehrsrecht und Kredit- und
Kreditsicherungsrecht Inhalt der zu lösenden Sachverhalte.
Oftmals von Schüler-Praktikanten als Strafarbeit verstanden, habe ich auch Loseblattsammlungen (Gesetze und Literatursammlungen) nachsortiert. Gerade Jura-Studenten wissen
von der Notwendigkeit der Aktualität der Gesetzestexte, so dass es für mich zu den eigentlich wichtigen Aufgaben gehört, die Sammlungen auf den aktuellen Stand zu bringen.
Und es gibt Schlimmeres, oder? Auch war ich einen Tag damit beschäftigt, die an ein Inkassounternehmen verkauften vollstreckbaren Titel aus den Akten zu heften, jeweils zu
kopieren und in geordneter Reihenfolge auf die Aktenpakete zu legen. Ebenfalls gehörte die Aktualisierung des Schuldnerverzeichnisses (beim Amtsgericht abgegebene
Eidesstattliche Versicherungen, Haftanordnungen oder Eröffnung von Insolvenzverfahren) zu meinen Aufgaben. So war es mir nicht nur möglich, juristische Theorie anhand von
Fällen in die Praxis umzusetzen, sondern auch wirklich praktische Aufgaben zu erledigen, was weitaus mehr bedeutet, als es sich vielleicht anhört. Ich habe alle Aufgaben
gern gemacht. Sicher die eine mehr und die andere weniger, aber eben alles gehört dazu, oder kann man zu Hause essen, ohne auch das Geschirr spülen zu müssen??? Vor allem
wurden mir alle Fragen beantwortet, die mir auf dem Herzen lagen. Ich wurde in das Team integriert und erhielt auch die Einladung, gern mal wieder vorbei zu schauen, wenn
ich Fragen habe.
Ich kann jedem nur empfehlen, nicht auf Praktika zurückzugreifen, deren Inhalt man erahnen kann bzw. bereits kennt. Vielmehr bieten diese Praktika einem die Chance, mal über
den bekannten Tellerrand zu sehen und auch mal in ein für sich selbst ungewisses Gebiet zu gehen. Man kann nur dazulernen. Ich verspreche Euch: Keiner beißt und fast jeder
Jurist, dem ich bisher begegnet bin, sagt, dass er/sie selbst Praktikant war und uns die Möglichkeit geben will, mal etwas anderes zu sehen, als die Theorie in Büchern.
Keiner wird Unmögliches verlangen. Selbst wenn man feststellt, dass gerade diese Richtung nichts für einen ist, hat man doch auch was aus dieser Zeit mitgenommen!
Viel Spaß beim Studieren und beim Praktikum!