Andrea Bindig
Europa gestalten – EU verwalten
I. Idee
Unter vielen europabegeisterten Jurastudenten gilt der Arbeitsplatz Brüssel als einer der begehrtesten. Während des Studiums kristallisiert sich zunehmend der Weg zur
Arbeitgeberin EU als eher mühevoll und steinig heraus, hohe Erwartungen und Qualitätsnachweise matern potentielle Kandidaten, und nicht zuletzt haftet doch demgegenüber
jeder Institution immer wieder der Ruf einer bloßen verwaltungsorganisatorischen Aufgabe an. Lohnt sich da die Mühe und der Weg hinein in die Institution?
Für mich war nach dem vierten rechtswissenschaftlichen Semester an der Universität Göttingen klar, dass ich unbedingt einen Tapetenwechsel brauchte: Egal wie, nur raus aus
dem deutschen Jurastudium! Ich entschied mich für einen ERASMUS-Auslandsaufenthalt an der Katholischen Universität in Leuven, eine altehrwürdige und traditionsreiche Alma
Mater in unmittelbarer Nähe zur Hauptstadt Belgiens. In diesem Semester, so war bereits vor meiner Abreise aus Deutschland deutlich, würde ich die europarechtliche und
internationale Bühne in rechtswissenschaftlicher und persönlicher Sicht genießen können. Und da war der Sprung zum Praktikum nach Brüssel nicht mehr weit entfernt.
II. Umsetzung
Die erste entscheidende Frage lautete: Bei welcher Institution ist überhaupt ein Praktikum für eine Jurastudentin möglich? Von einigen Mitstudenten hatte ich gehört, dass
ein Praktikum im Europäischen Parlament möglich sei. Auf den Internetseiten des Parlaments fand ich dann einen entsprechenden Hinweis zum
offiziellen
Bewerbungsverfahren (
http://www.europarl.eu.int/stages/default.htm), dennoch entschied ich
mich, da mir dieser erste Weg zur formal und unpersönlich erschien, für eine
Direktbewerbung bei einem Abgeordneten meines Heimatortes. Wer "seinen"
Europaabgeordneten nicht kennen sollte, kann erste Informationen über
http://www.europarl.de erhalten oder sich direkt
über die Seiten des Europäischen Parlaments über die bisher noch 99 deutschen Abgeordneten informieren. Ich bewarb mich in traditioneller Art mit Lebenslauf, Lichtbild,
Abiturzeugnis, den Nachweisen über die drei kleinen Scheine im Straf-, Zivil- und Staatsrecht, Sprachnachweisen und dem Hinweis auf das bevorstehende Auslandssemester.
Während meines Praktikums sah ich, dass den persönlichen Assistenten der Abgeordneten auch Initiativbewerbungen via Email gefallen, zumal es auch sinnvoll erscheint, im
voraus nachzufragen, inwieweit der persönlich anvisierte
Praktikumszeitraum nicht bereits schon vergeben ist. Für Jurastudenten gibt es so nur ein mögliches
Zeitfenster: die Frühjahrssemesterferien. Während der
Parlamentsferien, die von Juli bis Mitte September reichen, werden generell keine Praktikanten
aufgenommen.
Die
persönlichen Assistenten der Abgeordneten, die meist selbst gerade erst ihre universitäre Ausbildung abgeschlossen haben und ihre Tätigkeit als eine Art
Sprungbrett hinein in die Institution EU nutzen, helfen bei Anfragen. Für eine erlebnisreiche Praktikumszeit ist es nicht unerheblich zu wissen, welche
Aufgaben und
Erwartungen aus Perspektive des Assistenten erfüllt werden sollen. Immerhin wird der Abgeordnete selbst aufgrund seiner terminlichen Verpflichtungen kaum den ständig
wechselnden Praktikanten eine Begleitung bieten; das übernehmen fast ausschließlich die Assistenten. Und deshalb ist es auch wichtig zu wissen,
wie viele Praktikanten
gleichzeitig ein Praktikum absolvieren. Ich war in der Zeit meines Praktikums als einzelne Praktikantin beschäftigt, hatte so einen eigenen Schreibtisch und Computer
sowie Telefon zur Verfügung. Für andere Praktikanten sah es da bedeutend schlechter aus: Zu fünft mussten sich manche ein Zimmer zusammen mit dem Assistenten teilen, ihre
Aufgabe bestand tagelang nur darin, abrufbereit auf der Fensterbank Kaffee zu schlürfen, bis sie ein dringender Rechercheauftrag ereilte.
Für eine erfolgreiche Bewerbung ist die
regionale Nähe zum Abgeordneten ein nicht zu unterschätzendes Auswahlkriterium: Manche Parlamentarier achten insbesondere
darauf, dass potentielle Praktikanten aus “ihrem Wahlkreis“ stammen.
Nach erfolgreicher Bewerbung stellte sich ein weiteres Problem: Wo wohnen? Für Praktika, die nur wenige Wochen dauern, ist es sehr schwer, in Brüssel einen geeigneten und
günstigen Wohnraum zu bekommen. Über das Büro des Abgeordneten ist eine
Adressenliste erhältlich, deren Aktualität aber meist zweifelhaft ist. Insbesondere ist es
schwierig das Preis-Leistungs-Verhältnis aus der Ferne zu bewerten; für einen kurzen Zeitraum ist aber auch ein qualitativ fragwürdiges Etablissement besser als keines. Ein
Freund hat beispielsweise auch den Service der
Jugendherbergen in Brüssel genutzt, und sich dort für sechs Wochen einquartiert. Bei der Wohnraumsuche sollte aber
unbedingt Augenmerk auf den
Stadtbezirk gelegt werden. Gerade Brüssel ist unter den Parlamentariern und Mitarbeitern bekannt für seine hohe
Kriminalitätsrate.
Am ersten Tag meines Praktikums wurde ich schon mit den schwarzen Seiten der EU-Hauptstadt bekannt gemacht, glücklicherweise habe ich derartige Erlebnisse nicht selbst
erfahren müssen! Für ein Zimmer müssen Wohnkosten zwischen € 270 und 400 eingerechnet werden, wobei zu beachten ist, dass ein Praktikum nicht selbstverständlicherweise
bezahlt wird.
Was die
Kleidungsvorschriften anbelangt, so galt in der Zeit von Montag bis Donnerstag, der Anwesenheit der meisten Abgeordneten: Je konservativer die Partei, desto
schicker und adretter die Kleidung. Viel wichtiger aber ist, und das sollte man gerade als Praktikant nicht vergessen, durch seine Art und Arbeitsweise angenehm aufzufallen.
Deshalb: Niemand braucht sich gleich drei Anzüge oder Kostüme zuzulegen! Diese Erwartung hatte auch meine Assistentin nicht.
III. Aufgabe
Um ganz ehrlich zu sein: Eine richtige Vorstellung, welche Aufgaben mich als Praktikantin erwarteten, hatte ich nicht. Natürlich geisterten Szenarien von stundenlanger
Kopierarbeit oder das berühmte Bedienen der Kaffeemaschine durch meinen Kopf. Dies alles trat aber nicht ein!
Ein Praktikumstag begann gegen 9 Uhr am Vormittag. Zu diesem Zeitpunkt starteten entweder fraktionsabhängige Koordinierungskreise der deutschen Gruppen, fanden
Fraktionssitzungen statt oder tagten Ausschüsse. Den Vormittag war ich deshalb ganz oft als Zuhörerin in einem der Sitzungsräume unterwegs und konnte die Interessenbildung
auf Ebene der deutschen Gruppe einer Fraktion, das Hineintragen des gemeinschaftlich gebildeten Willens in die Fraktionssitzung bis zur endgültigen Beschlussfassung und
Interessenbildung auf Fraktionsebene mitverfolgen. Am Anfang war aber vor allem eines spannend: Mit Kopfhörern bewaffnet, schaltete ich mich nach und nach durch die elf
Arbeitssprachen, während die Abgeordneten heftigst über Richtlinienvorschläge der Kommission debattierten. Diskussionen fanden aber auch während der Ausschusswoche statt,
obwohl hier der Charakter eines Arbeits- statt eines Redeparlaments offenbar wurde: Einzelne Berichterstatter trugen nur noch vor, was in den letzten Wochen bereits
erarbeitet wurde, ohne dass sich an einen Bericht eine großartige Abschlussdiskussion anschloss. Spannendstes Erlebnis war aber sicherlich die Tagung des Konvents zur
Schaffung einer europäischen Verfassung. Hier konnte ich richtig spüren, dass Europa nicht nur mit gesetzgeberischer Verwaltung, sondern auch Schöpfung zusammenhing, Europa
gestaltet wurde.
Den späteren Vormittag verbrachte ich mit Einzelaufträgen: Im Mittelpunkt der Arbeit des Büros eines Abgeordneten steht die Beantwortung von
Bürgeranfragen als Teil der
Öffentlichkeitsarbeit. Diese Aufgabe erscheint oft als ziemlich lästig, da alle Anfragen, und seien sie noch so unbeantwortbar, abgearbeitet werden müssen. An dieser
Stelle wurde deutlich, dass ein Abgeordneter nicht nur Stimmenbeschaffer der Mehrheit ist; gerade, was seinen Auftritt in der Öffentlichkeit anbelangt und seine politisch
ebenso wichtige Aufgabe, inhaltlich zu arbeiten, dh. an Gesetzgebungsvorhaben effektiv mitzuwirken, ist er zeitlich kaum zu schaffen in der Lage. Und das ist auch die
eigentliche Schwäche des Parlaments, dem nach Nizza ja entscheidende legislative Funktionen im Rahmen des Mitentscheidungsverfahrens übertragen worden sind: Gegenüber der
fachlichen und organisatorischen Kompetenz des Beamtenapparates der Kommission und des Ministerrates, kann der einzelne Parlamentarier nur auf die Ressource Büro und
Fraktion zurückgreifen, noch nicht einmal auf den juristischen Dienst des Parlamentes, den ich bei einer Rechercheaufgabe erfolglos aufsuchte.
Glücklicherweise behandelten die meisten Bürgeranfragen Probleme, die im Zusammenhang mit der Auslegung von EU-Recht entstanden. Hierbei war die Grenze der Erteilung von
Rechtsauskünften undeutlich. Der Ruf des Abgeordneten in seiner Region als scheinbar allwissender Ansprechpartner deutet für mich eher darauf hin, dass das Thema
„EU“ vor Ort zwar diskutiert, die Arbeit und das Wissen des Abgeordneten aber verkannt wird.
Die Bearbeitung von
Rechercheaufträgen und Bürgeranfragen konnte ich selbstständig gestalten. Und dabei war ganz besonders spannend, inhaltlich mit den zuständigen
Beamten auf Kommissionsebene, mit deutschen Bundesbehörden und Forschungseinrichtungen zu telefonieren, um die Aufgaben angemessen zu bearbeiten.
Ein ganz besonders schönes Erlebnis war die Teilnahme an der
Straßburg-Woche. Straßburg als offizieller Sitz des Parlaments laut EG-Vertrag ist monatlich Schauplatz
der Plenarsitzungen aller Abgeordneten. Hier tagt das Parlament und stimmt über Gesetzgebungsvorhaben ab.
IV. Fazit
Ein Praktikum beim Europäischen Parlament eröffnet eine echte Möglichkeit, hinter die Kulissen der Parlamentsarbeit zu schauen, das europarechtliche Interesse durch die
faktische Umsetzung oder Ausarbeitung in der Gesetzgebungspraxis zu komplettieren. Ein derartiges Praktikum würde ich immer wieder absolvieren wollen; dennoch schlägt mein
Herz für Europa auf eine andere Weise, sodass ich die Faszination der EU als Arbeitgeberin nicht ausschließen, aber hinterfragen möchte: Denn das Herz Europas schlägt mit
all seinen Unterschieden, Ideen und Interessen immer noch bei den Menschen, in den Nationalstaaten.