Jurawelt

Kurzer Bericht über einen Aufenthalt in Chicago für angehende deutsche Juristen
Alexander Snejko
Chicago/Universität Bonn


Für viele Studierenden der Rechtswissenschaft wie Referendare stellen die USA ungeachtet der politischen Entwicklung auf der Weltbühne immer noch ein begehrenswertes Ziel dar. Dass das internationale, insbesondere das amerikanische Recht, und die Erfahrung im Ausland zu den Basics bei jeder vernünftigen Bewerbung gehören, bedarf nach meiner Überzeugung keiner detaillierten Ausführungen.

Meistens kommt bei der Wahl des Aufenthaltsortes in den USA eine Großstadt in Betracht, sei es für die Ableistung der Wahlstation oder für ein Praktikum während des Studiums. Nicht ohne Grund, schließlich fällt dabei sowohl das Einleben in die amerikanische Realität als auch das "Rahmenprogramm" in der Regel reichhaltiger aus. Natürlich kommen dabei in erster Linie "die großen Drei" in Betracht. New York und Los Angeles als unumstrittene Weltzentren bedürfen, glaube ich, keiner allzu nahen zusätzlichen Vorstellung. Hingegen könnte Chicago als ein durchaus reizvolles Ziel für angehende Juristen vielleicht eine kurze Erläuterung vertragen.

Das Prinzip, daß der erste Eindruck meist der richtige ist, findet in Chicago seine volle Bestätigung. Die Stadt ist groß, modern und daher gegensätzlich. Wunderbare Parkanlagen, insbesondere der Grant Park und Lincoln Park, kilometerlange Seeufer und herrliche Museen (besonders erwähnenswert das Shedd Aquarium) und die Armut, Eintönigkeit und Gefährlichkeit der im Süden und Westen gelegenen Stadtteile schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich in einer ganz eigentümlichen, in Deutschland nicht verständlichen Weise. Die weltweit bekannte Architektur der Stadt und die freundlichen, meist junge Menschen auf den Strassen runden das Bild einer "living city" ab, die jedoch auch ihrem Beinamen als "Windy City" alle Ehre macht. Kalt ist es nicht sehr oft, allerdings stellte dieses Jahr eine große Ausnahme dar. Und wenn es warm ist, ist der Wind eher angenehm als lästig. Der Frühling in Chicago ist extrem kurz, daher erfolgt der Übergang von kühl zu warm dementsprechend sehr abrupt, insofern empfindet man den Wind fast nie als unangenehm.

Die Zeit des Aufenthaltes kann natürlich nur vom Studenten oder Referendar selbst bestimt werden. Ein LL.M. Programm ist eine Chance, die viele in Betracht ziehen während sie an einen Aufenthalt in den USA denken; es ist jedoch bei weitem nicht die einzige.

Abgesehen von dem im Studium unerläßlichen Anwaltspraktikum und der Wahlstation, die relativ klare Konturen für die allermeisten stud. iur. bzw. cand. iur. besitzen, sei im Rahmen dieser Übersicht auf eine zusätzliche Möglichkeit verwiesen � die Möglichkeit, die Wartezeit zwischen dem ersten Examen und dem Erhalt des Referendarsplatzes durch einen USA � Aufenthalt sinnvoll zu nutzen.

Die Möglichkeiten, einen Praktikumsplatz zu entdecken, sind allerdings nicht besonders zahlreich und das ist wirklich durchaus bedauerlich, schließlich genießen die meisten, die es doch nach Amerika schaffen, eine schlichtweg unvergessliche Zeit. Einige Plätze bietet die Deutsch - Amerikanische Handelskammer in Chicago (zu finden unter www.gaccom.org): Zu empfehlen, wenn man Wert auf Kontakt zu deutschsprachigen Kollegen legt und sich vielleicht in der Zukunft vorstellen kann, im Business-Bereich tätig zu sein.

Nach meinem Eindruck führt der gängigste Weg jedoch durch die Deutsch - Amerikanische Juristenvereinigung in Bonn (DAJV e.V. - zu finden unter www.dajv.de). Ihre Webseite bietet umfangreiche Informationen für alle Etappen des Praktikums - von der Suche nach der passenden Firma oder Kanzlei bis zu den Kleidungsvorschriften. Eine Liste der Firmen, die deutsche Juristen nehmen, muss allerdings käuflich erworben werden - es sei denn, man beantragt die Mitgliedschaft in der DAJV. Dabei sollte man unbedingt auch die Broschüre mitbestellen, um das Ganze in Ruhe durchzulesen und zu analysieren.

Allerdings muß die Bewerbung um einen Praktikumsplatz bekanntermaßen bereits ein halbes Jahr bis 8 Monate vor dem Beginn des geplanten Praktikums vorbereitet und abgeschickt werden. Einen Platz zu finden wird angesichts des ehrgeizigen Unterfangens zwar nicht leicht, jedoch nicht unmöglich. Das Wichtigste dabei ist, zweifellos, nicht an den Absagen zu verzweifeln, die nicht selten 5 bis 6 Monate brauchen, um den Suchenden zu erreichen. Man muss buchstäblich hunderte von Firmen anschreiben oder anrufen, um den Erfolg verbuchen zu können. Die Zusagen (und das ist wirklich das Erfreuliche bei der ganzen deprimierenden Plackerei - es gibt ein Licht am Ende des Tunnels!) können in der Regel und paradoxerweise schneller erfolgen.

Ein richtiges Problem stellt jedoch dann die Suche nach einem geeigneten Wohnort dar. Viele Firmen helfen bei der Suche nach einer Wohnung, indem sie die zukünftigen Praktikanten mit Kontaktadressen der Apartmenthäuser ausstatten. Die 12- bis 25-stöckigen Apartmenthäuser stellen praktisch die einzige Wohnalternative für Chicago dar, die meisten davon jedoch ziemlich teuer und mit Mietfristen von mindestens 6 Monaten. Um eine vernünftige Bleibe zu finden, muß man daher nicht nur das Glück, sondern auch ein gewisses Verhandlungsgeschick gepachtet haben. Eine für hiesige Verhältnisse günstige Variante sind "Canterbury Court" und "The Elms" - ältere, aber relativ gut erhaltene Apartmentgebäude (einfach mit der Suchmaschine versuchen, leider gibt es keine Homepage für eigene Suche, wenn man sich nicht an einen kommerziellen Anbieter binden möchte).

In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Möglichkeit hinweisen, die bei der Wohnungssuche in Deutschland von vielen jungen Menschen als letzte in Betracht gezogen wird. Hier ist der Makler (am. Rialtor) oft eine bessere Lösung. Es gibt relativ viele Maklerbüros und sie sind meistens außerordentlich hilfreich, schließlich wissen sie am meisten über die situation am Wohnungsmarkt. Man sollte also keine Angst oder Vorbehalte haben, sich an eine entsprechende Firma zu wenden. Allein suchen kann man schließlich immernoch!

Wenn der Arbeitsplatz in der sog. "Loop" - Zone liegt (Stadtzentrum mit lauter Office -Gebäuden), dann hat der Praktikant meistens die Wahl zwischen der sog. Gold Coast Zone im Norden (Wohnort der Reichen, sehr sicher, schön und sauber, leider teuer) und der höchst abenteuerlichen Suche nach etwas annehmbaren im Süden oder Westen. Es sei an dieser Stelle dringendst angeraten, die erste Variante vorzuziehen. Zwar ist die zweite Variante ungleich spannender und man fühlt sich wie Columbus beim Anblick des Festlandes, wenn man sich vorstellt, richtig authentisch "amerikanisch" (sprich in etwas einfacheren Verhältnissen!) zu wohnen.

Aber: ganz abgesehen davon, dass die Koexistenz mit Nagern oder Insekten nicht Jedermanns Sache ist, ist der südliche und westliche Teil von Chicago ist einfach gefährlich, und das schon am hellichten Tage! Und die Grenze zwischen den Stadtteilen muß erst entdeckt werden. Hier ist das Problem der Bandenkriminalität leider noch sehr aktuell. Ich wurde mehrfach vor Spaziergängen in den mir unbekannten Stadtgebieten gewarnt und kann diesen Rat nur weitergeben. Der Fußweg, der von Gold Coast bis zur "Loop" ca. 30-40 Min. in Anspruch nimmt, ist angenehm und nicht ermüdend und die Busse fahren mit einer für Deutschland bewundernswerten Häufigkeit.

Die zukünftigen "Chicagoans" seien daher gleich gewarnt, nicht bei den Preisen von 800 bis 1000 US$ im Monat für ein Zimmer oder kleines Apartment zu erblassen oder das Bewußtsein zu verlieren. Leider muß man damit leben! Chicago ist teuer und wird es wahrscheinlich immer bleiben. Ich persönlich hatte das Gefühl, in einem der besten Apartmenthäuser der Stadt zu wohnen (die N.Dearborn Street hat den Ruf, einige von dieser Sorte zu beherbergen), das hatte jedoch auch seinen Preis. Wichtig ist auch, dass die allermeisten Wohnungen unmöbliert sind. Ich setze voraus, dass die, die nach mir kommen, jedoch mehr Glück haben werden und etwas Möbliertes finden. Sollte dieses Glück ausbleiben, so kann man Möbel mieten - z.B. bei Cort (www.cort1.com oder 22 Ontario Street, beim Hard Rock Cafe). Die Miete für eine relativ komplette Einrichtung (sogar mit Staubsauger!) betrug 200 US$ im Monat. Die Häuser verfügen alle über eine Küche mit Kühlschrank, es gibt Waschmaschinen für alle Mieter und den Fernseher bekommt man im Normalfall von der Firma, die meistens einen kleinen Vorrat an Sachen für Praktikanten bereithält.

Das Nachtleben in Chicago umfaßt verschiedenste Cafes, Bars und feine Restaurants in Hülle und Fülle. Ob man Jazz, Rock, Blues, Hip Hop, Theater oder Sport mag, man wird unschwer fündig, und zwar in den meisten Fällen schon in einem Umkreis von einer Meile von Zuhause. Die meiste Zeit verbringt man jedoch, wie es sich auch gehört, auf der Arbeit.

Die Firmen sind meistens klein bis mittelgroß, die Anzahl der Anwälte kann dabei variieren von 4 bis zu 30. Eins kann man mit Sicherheit sagen: man wird sehr herzlich und aufgeschlossen empfangen. Detaillierte Kenntnisse des amerikanischen oder auch des deutschen Rechts werden nicht abverlangt, geschätzt wird jedoch die Bereitschaft zur Übernahme auch nicht besonders ehrenvoller Aufgaben wie Kurierdienste und aktiver Mitarbeit. Davon, dass man die Zeit mit niederen Tätigkeiten totschlägt, kann jedoch nicht die Rede sein. Man wird zur Übersetzung juristischer Texte eingesetzt (flüssiges Englisch ist immens wichtig und erstrebenswert), bei den Gerichtsterminen eingebunden und in die Mandantenangelegenheiten eingeweiht. Die normale Arbeitszeit ist von 9 bis 17 Uhr, wobei auch der Urlaub meistens widerspruchslos gewährt wird. Üblicherweise kümmert sich die Kanzlei (in begrenztem Rahmen) auch um die Freizeitgestaltung der Mitarbeiter � insbesondere Sonderwünsche, wie z.B. die Karten zu einem Basketball- oder Baseballspiel können oft helfen, einen noch besseren Kontakt zu den Kollegen zu finden.

Bei der Arbeit finden insbesondere die Computerkenntnisse genauere Beachtung.

In den USA ist die PC-gestützte juristische Recherche oft das beste und einzige Mittel, an die gesuchten Informationen zu kommen. Dabei lassen sich insbesondere vier juristische Internetportale herausheben:

- www.findlaw.com � eine etwas einfacher konzipierte, jedoch teilweise unübersichtliche Seite, mit freiem Zugriff auf ausgewählte Bestimmungen des state law und federal law nebst einigen Zusammenfassungen

- die .org Seiten verschiedener juristischer Verbände und Organisationen, die oft sehr nützliche Informationen zu den konkreten Fällen erhalten und sich ohne lange Einarbeitung erschließen. Genannt werden soll vor allem die Homepage des Anwaltsverbandes von Illinois www.isba.org

- schließlich www.westlaw.com und www.lexis.com � große und großartige Sammlungen des case law teilweise vom Beginn des common law bis zu den aktuellsten Entscheidungen des US Supreme Court oder eines der Courts of Appeals. Diese Seiten enthalten Millionen von Dokumenten und erfordern einen gesonderten Zugang, der jedoch gebührenpflichtig ist und oft Kanzleianwälten vorbehalten bleibt. Im Falle des äußersten Bedarfs dürfte es jedoch möglich sein, diese zu bitten, die Karte mit dem begehrten Zugangscode für kurze Zeit zu überlassen.

Alles in allem gestalten sich die (meistens 3 bis 5) Monate in Chicago abwechslungsreich und lehrreich. Insbesondere der Kontakt zu den Amerikanern ist meistens unkompliziert und auf gegenseitiger Sympathie aufgebaut, ungeachtet der Vorbehalte, die man aus Deutschland mitbringen mag. Insbesondere während der Wartezeit, die man bei der Bewerbung um einen Referendariatsplatz zumindest für die Großstädte unweigerlich einkalkuliert, eine unverzichtbare juristische und menschliche Erfahrung!
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