Ronald Moosburner
Praktikum bei exilio e.V, Lindau/Bodensee
Hilfe für Flüchtlinge und Folterüberlebende e.V.
http://www.exilio.de
Für mich sieht Herr G. nicht so aus, wie ich mir ein Folteropfer vorstellte. Er sitzt ruhig in einem breiten Lehnstuhl und wartet auch dann noch geduldig ab, wenn der
Dolmetscher versucht, dem Therapeuten minutenlang die sinngemäße Bedeutung seiner Aussagen verständlich zu machen. Auf Fragen antwortet er langsam aber konzentriert und
fragt nach, wenn er sie nicht verstanden hat. Sein Gesicht ist dabei verschlossen, strahlt aber nicht weniger Kraft aus, als das anderer Mitdreißiger.
Herr G. befindet sich im Haus des Vereins exilio in Lindau. Seit mittlerweile 6 Jahren hilft dieser mit ganz wenigen hauptamtlichen und vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern
Flüchtlingen aus aller Welt, die in der Bodensee-Region gelandet sind oder von anderen Institutionen in Deutschland dorthin vermittelt werden.
Zum “Service“ gehören Psychotherapie, Schmerztherapie, fachpsychologische und medizinische Gutachten, sozialpädagogische Betreuung, Kinderbetreuung, ein
Rechtshilfefonds und nicht zuletzt ganz viel Alltagshilfen aller Art für die Menschen, die häufig des Deutschen kaum mächtig sind und für die schon ein einfacher
Behördengang zur unüberwindlichen Hürde geraten kann.
Mein Entschluss zu einem Praktikum bei exilio kam eigentlich recht spontan im Winter, als ich durch ein Plakat vor der Unibibliothek auf die Stelle aufmerksam wurde. Das war
für mich geradezu ein Glücksfall, denn hier hatte ich die Möglichkeit, „Fälle“ nicht nur aus juristischer sondern gleich auch noch aus fachübergreifender
Perspektive mit den notwendigen medizinischen und psychologischen Hintergrundinformationen kennen zu lernen.
Der Mann, der Herrn G. befragt, ist Axel von Maltitz, Traumatherapeut und ehrenamtlicher Mitarbeiter bei exilio. Er wird ihn in den nächsten Stunden ausführlich seine
Geschichte erzählen lassen, wird ihr gezielt auf den Grund gehen, wird behutsam auch schmerzhafte Punkte ansteuern. Anschließend wird er entscheidende Passagen
niederschreiben und auf ihre Glaubhaftigkeit begutachten. Außerdem wird er eine Diagnose über posttraumatische Belastungsstörungen abgeben und entscheiden, ob ein Arzt oder
Traumatologen der Universität Konstanz eingeschaltet werden.
Das Gutachten wird Herr G. vorlegen, wenn es um die Entscheidung über seinen Asylfolgeantrag geht. Es kann ihm helfen, seine Glaubwürdigkeit zu stützen. Und wenn sich seine
Traumatisierung als erheblich erweist, kann sich daraus unter Umständen auch ein Abschiebehindernis ergeben, weil eine Behandlung im Heimatland entweder nicht möglich ist,
oder aufgrund der Konfrontation mit den fluchtauslösenden Ereignissen dort eine Retraumatisierung droht.
Axel von Maltitz und seine Frau Gisela sind die wichtigsten Stützen von exilio. Neben ihrer Privatwohnung und ihrer psychotherapeutischen Praxis fand auch der Verein
Unterkunft unter dem Dach ihres Hauses. Die Räumlichkeiten teilen sie sich dabei mit Ed Boda, Hans-Dampf in allen finanziellen Angelegenheiten, Öffentlichkeitsarbeit und
Kontakte sowie eine schwankende Zahl unentgeltlich tätiger Praktikanten.
Extern arbeiten das Team eng mit dem Fachaufsichtführenden Diplom-Psychologen Karl Schoppe und dem Facharzt für Schmerztherapie, Michael Schlaadt, zusammen. Zu ihrem
Klientenstamm zählen jährlich über 200 Personen.
Herr G. erzählt inzwischen von seinem Leben als Angehöriger einer schlecht gelittenen Minderheit in seinem Heimatland. Neben gezielter Diskriminierung in verschiedenen
Lebensbereichen hatte er darunter zu leiden, dass er Brüder in der Untergrundopposition hatte. Deswegen wurde er wiederholt von der Polizei und Militär für mehrere Tage
verschleppt und unter Schlägen und Elektroschocks über die Aktivitäten seiner Brüder verhört. Als man ihm mit dem Tode drohte, begann er, seine Flucht nach Deutschland über
Schlepper zu organisieren.
Das einfache Zuhören bei solchen Leidensgeschichten ist für mich, der ich mich durch die Lektüre von Amnesty International Berichten für abgehärtet hielt, schockierender,
als ich es mir vorgestellt hatte. Das kommt sicherlich daher, dass es eben doch etwas anderes ist, dem Opfer gegenüber zu sitzen und den stockend mit gleichförmiger Stimme
vorgetragenen Bericht aus seinem Munde zu hören. Auch der Dolmetscher scheint deutlich beeindruckt.
Als Axel von Maltitz die nächste Pause anordnet, sieht man, dass Herr G. sie gut gebrauchen kann. Er hat soeben ausführlich die Geschichten zweier mehrtägiger
Foltererlebnisse erzählt und sein Gesicht ist mittlerweile aschfahl. Ohnehin hat sich inzwischen herausgestellt, dass der vermeintliche Mitdreißiger in Wirklichkeit erst
Anfang zwanzig ist. In den Jahren wiederholter Folter ist sein Gesicht schnell gealtert, oder wie Herr G. es ausdrückt: „Nur wenn man etwas erlebt hat, hat man auch
die Erfahrung. Diese Erfahrung sieht man im Gesicht.“ Er beruhigt sich erst einmal mit einer Zigarette.
Herr G. hat trotz der äußerst hohen (und zum Teil irrealen) Anforderungen, die Behörden und Gerichte an Folterberichte stellen, gewisse Chancen, dass seine Geschichte
anerkannt wird, da die Misshandlungen körperliche Spuren hinterlassen haben. Sein gebrochener Arm ist schief verwachsen und Zeugen berichten, dass er im Schlaf laut schreit.
Wie weit auch sexuelle Folter im Spiel war, erfahre ich nicht - viele Folteropfer offenbaren das noch nicht einmal der eigenen Familie. Deshalb wird auch bei der ersten
Anhörung aus Scham vieles verschwiegen, ein Schweigen, das oftmals in späteren Verfahren gegen die Betroffenen verwendet wird.
Auch hier setzt die Arbeit von exilio an, denn das Zeugnis von Psychotherapeuten und Medizinern lässt sich weit weniger leicht vom Tisch wischen als die später ergänzte
Aussage eines Opfers, und das hat schon viele vor der sicheren Ausreise bewahrt.
Aber ich komme während meines Praktikums nicht nur mit ausländerrechtlichen Sachverhalten in Kontakt (exilio arbeitet mit verschiedenen Rechtsanwaltskanzleien eng zusammen),
auch durchaus schwierige Probleme des Rechtsberatungsgesetzes sowie aus dem Staatshaftungsbereich stellen sich. Über mangelnden juristischen Anspruch meiner Tätigkeit kann
ich also wirklich nicht klagen! Und die zahlreichen menschlichen Schicksale, mit denen ich während der Arbeit ganz direkt konfrontiert werde, geben mir einen sehr viel
authentischeren Einblick in den Sinn aber auch in die Folgen juristischen Vorgehens, sowohl von staatlicher wie auch von privater Seite. Das schärft einerseits die
Sensibilität für den Umgang mit Klienten und Behörden, andererseits eröffnet sich über die offensichtlich engen Grenzen hinaus, die einem kleinen Verein in seiner Arbeit
notwendigerweise gesetzt sind, auch immer wieder der eine oder andere optimistische Blick in eine bessere Zukunft für den einen oder anderen Klienten. Und auch für den
Verein, wenn seine Arbeit wieder einmal durch eine öffentliche Förderzusage ausdrückliche Anerkennung erfährt.
Herrn G. empfiehlt Axel von Maltitz jedenfalls eine weitere psychotherapeutische Behandlung, wenn einmal sein Aufenthaltsstatus geklärt ist. Immerhin besteht so die
Hoffnung, dass er den Umgang mit seinen Foltererlebnissen mit der Zeit verarbeitet und damit leben kann.