Stand:
01.12.2007
Warum gerade Atlanta/Georgia im Südosten der USA, und nicht die klassischen amerikanischen Wahlstationsmetropolen New York, Washington oder San Francisco? Nun, zum einen
kannte ich schon die gerade genannten Weltstädte aus Urlaubsbesuchen, zum anderen reizte mich diese Stadt mit ihrem warmen Klima, Austragungsort der Olympischen Sommerspiele
1996, Sitz von Weltfirmen wie Coca-Cola und CNN sowie "Kreuz des Südens" mit seinem Südstaatenflair – wo könnte man nicht besser das typische amerikanische Leben, den
sog. "American way of life", am eigenen Leib spüren als in Atlanta?
Die Kanzlei
Nelson Mullins Riley Scarborough LL.P. (
www.nmrs.com) ist eine alteingesessene Südstaatenkanzlei mit 300
Rechtsanwälten und acht Büros in North Carolina, South Carolina und Georgia, sowie als internationaler Standort in München. Über das Münchner Büro, dessen Adresse ich über
die Wahlstationsbroschüre des Bayrischen Referendarvereins (zu beziehen über
www.refv.de) bekam, fragte ich nach freien
Wahlstationsstellen in Atlanta an und stellte mich dort dann auch vor. (Weitere Ausbildungsstellen sind übrigens z.B. unter
www2.justiz.bayern.de/praktikum/cgi-shl/suche.cfm zu finden.)
Das Büro in Atlanta ist im 13. bis 15. Stockwerk in einem der vielen Wolkenkratzer an der Hauptverkehrsader "Peachtree Street" in der sog. "Midtown" gelegen, direkt
gegenüber dem Geburtshaus von Margaret Mitchell, Autorin des berühmten Südstaatenepos' "Vom Winde verweht" (nach der Bibel das am zweithäufigsten verkaufte Buch!). Zwei
Gehminuten entfernt befindet sich eine Station der U-Bahn "MARTA".
Die Referendare (die sog. "German interns") bekommen ein eigenes Zimmer mit Computer direkt neben den Büros der drei deutschen RA Dr. Christoph Rückel (Seniorpartner),
Carsten Alting, LL.M und Reinhard von Hennigs, LL.M. Zusammen mit ihren Sekretärinnen bilden sie die Abteilung "International Practice". Zu den Aufgabengebieten gehören u.a.
Visa-Angelegenheiten ("immigration"), Gesellschaftsrecht ("corporate") sowie (internationale) Prozeßführung ("litigation"). In den letzten Jahren ist auch das Internetrecht
und der e-commerce verstärkt hinzugekommen. Das Team betreut vor allem amerikanische Mandanten mit Geschäften und Interessen in Deutschland, sowie deutsche Mandanten, die in
den Vereinigten Staaten geschäftlich Fuß fassen wollen oder dort bereits tätig sind.
Zwar unterhält man sich innerhalb des International Teams auf deutsch, doch besteht auch reger Kontakt zu den amerikanischen Partnern und Angestellten und werden viele
Mandate in der Landessprache geführt, weshalb gute Englischkenntnisse vonnöten sind.
Ablauf und Schwerpunkte der Ausbildung
Die tägliche Arbeitszeit ist normalerweise von 9 Uhr bis ca. 17-18 Uhr. Die Referendare bekommen ihre Aufgaben in der Regel von den drei deutschen RA zugeteilt, wobei
gelegentlich auch ein amerikanischer Partner auf die interns zutritt und z.B. um Gutachten bittet. Die Aufgabengebiete sind dabei sehr unterschiedlich und interessant: Sie
reichen von der Klärung von Visumsfragen, Gutachten im Internationalen Privatrecht und Erstellungen von Gesellschaftsverträgen über die Vorbereitung und Organisation von
Konferenzen hin zur Erstellung von Klageschriften. Es besteht auch die Möglichkeit, mit den amerikanischen Litigation-Spezialisten an sog. "depositions" (vorgerichtliche
Fragetermine mit der Gegenpartei oder Zeugen) teilzunehmen und Gerichtsbehandlungen zu besuchen.
Jeden Dienstag morgen wird – begleitet von einem Frühstück – ein sog. "Conference Call" mit dem Münchner Büro geführt, an dem alle Rechtsanwälte, Mitarbeiter und
Referendare diesseits und jenseits des großen Teichs teilnehmen, und in dem die aktuellen Mandate und Entwicklungen besprochen werden.
Bemerkenswert ist vor allem das gute Klima und die hervorragende Zusammenarbeit mit den Anwälten, die sich stets viel Zeit für die Referendare nehmen, Hilfestellungen geben
– und auch immer wieder mal mit den interns mittags Essen gehen, wobei man u.a. Interessantesüber das (RA-)Leben in Amerika erfährt.
Eine schöne Besonderheit ist die von Nelson Mullins in einem Konferenzzimmer monatlich durchgeführte Veranstaltung "beer, chips and law", zu der alle deutschen Referendare
in Atlanta eingeladen sind und wo – wie der Name schon sagt – zu Getränken und Knabbereien ein Referent (i.d.R. einer der deutschen RA bei NMRS) über ein
juristisches Thema vorträgt, bevor der Abend gemütlich ausklingt.
Gelegenheit, die anderen deutschen Referendare und Praktikanten in Atlanta kennen zu lernen, besteht auch bei den monatlichen Treffen (mit üppigem Buffet), die die deutsche
Handelskammer alternierend in den Räumen der Großkanzleien der Stadt veranstaltet und zu denen, neben den deutschen Juristen, auch alle an Deutschland interessierten
amerikanischen Rechtsanwälte eingeladen sind.
Die Stadt
Das 1837 gegründete und damit recht junge Atlanta, Hauptstadt des Bundesstaats Georgia und Geburtsort von Martin Luther King, ist mit ca. vier Millionen Einwohnern die
größte Stadt im Südosten der USA und wegen des gigantischen Flughafens auch als "Kreuz des Südens" bekannt. Weltunternehmen wie Coca-Cola, CNN oder Delta Airlines haben hier
ihren Sitz. Aber auch das weltgrößte Messe- und Veranstaltungszentrum ist hier zu finden. 1996 fanden hier die Olympischen Sommerspiele statt, wobei heutzutage leider nur
noch der "Centennial Park" in Downtown daran erinnert. Bemerkenswert ist, daß Atlanta seit 1973 kontinuierlich von einem schwarzen Bürgermeister regiert wird und den
höchsten Anteil an Afroamerikaner aller amerikanischen Großstädte hat. Bezeichnenderweise sind die Gegensätze zwischen Arm und Reich deutlich sichtbar, betrachtet man die
Slums im Süden und Osten der Downtown und die Nobelgegend in nördlichen Stadtteil Buckhead rund um die Hauptstraße West Paces Ferry.
Atlanta, das zahlreiche Parks, bewaldete Hügelketten und Gärten inmitten des Stadtgebiets aufweist, bietet ein insgesamt mildes, gemäßigtes Klima; sehr selten gibt es Frost
oder Schnee, und die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt angenehme 17-20°C. Im Sommer kann es allerdings doch recht heiß werden, weshalb die optimale Aufenthaltszeit eher
im Frühling oder Herbst ist.
Wer sich ein gutes Bild von Stadt und Bewohnern machen möchte, dem ist die Lektüre des Romans "A Man in Full" von Tom Wolfe sehr zu empfehlen, der anschaulich die
gesellschaftliche Situation in dieser "Stadt voller Gegensätze" beschreibt.
Der Alltag
Bei der Unterkunftssuche ist die Kanzlei behilflich; es existiert eine Liste von Privatpersonen, die Zimmer an interns vermieten; in der Regel ist auch ein eigenes Bad/WC
vorhanden, sowie die Mitbenutzung von Küche und Waschmaschine gestattet. Die Preise liegen bei ca. 500 $ im Monat.
Dringend zu empfehlen ist es, sich für den Aufenthalt in Atlanta einen eigenen fahrbaren Untersatz zu besorgen – das öffentliche Nahverkehrssystem ist zwar für eine
amerikanische Stadt nicht schlecht, dennoch mit europäischen Verhältnissen nicht zu vergleichen. Weil die Wohngegenden relativ weit außerhalb des Zentrums liegen und
teilweise größere Wegstrecken zurückgelegt werden müssen, ist das Auto das sinnvollste Fortbewegungsmittel. Entweder mietet man sich einen Wagen und teilt sich die Kosten
mit Kollegen, oder man kauft ein gebrauchtes Auto, um es nach der Wahlstation wieder weiterzuverkaufen. Direkt neben dem Kanzleigebäude befindet sich übrigens ein Parkhaus,
das auch Abstellplätze für die Kanzlei vorhält.
Während man mittags sein Essen im in der Nähe der Kanzlei gelegenen "Food Court" holt oder in den umliegenden Restaurants zu sich nimmt, kann man abends in seiner Unterkunft
kochen, oft zusammen mit anderen Referendaren, mit denen man danach gemeinsam den Abend gestaltet, z.B. mit Kneipen- und Kinobesuchen in den Vergnügungs- und
Studentenviertel Virginia Highlands und Buckhead, oder mit Shopping in den großen Einkaufspassagen (sog. "Malls", in Atlanta z.B. die in Buckhead gelegenen "Lenox Mall" oder
"Phipps Plaza").
Freizeit
Atlanta bietet eine Menge Sehenswürdigkeiten: Sehenswert ist z.B. das Coca-Cola-Museum, wo die Geschichte des beliebtesten Erfrischungsgetränks der Welt dargestellt wird;
kostenlose Getränkeproben in allen möglichen Geschmacksrichtungen sind inbegriffen. Ganz in der Nähe liegt das Zentrum des Privatsenders CNN, durch das man eine interessante
Führung machen kann. Beeindruckend ist das "Martin Luther King Center", in dem das Leben dieses berühmten Kämpfers für die Gleichberechtigung zwischen Schwarz und Weiß
nachgezeichnet wird. Ebenfalls ein Besuch wert ist das "Atlanta History Center" in Buckhead, wo die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs sehr anschaulich erläutert
wird. Ein Highlight sind Besuche von Spielen der Sportmannschaften in Atlanta: In der Philips Arena messen sich in der NBA (Basketball) die Atlanta Hawks sowie in der NHL
(Eishockey) die Atlanta Thrashers mit ihren Gegnern, während im riesigen Georgia Dome die NFL-Mannschaft Atlanta Falcons (American Football) residiert. Sportlich am
erfolgreichsten ist aber das MLB-Baseballteam der Atlanta Braves, deren Heim das ehemalige Olympiastadion und nunmehr "Turner Stadium" ist, benannt nach dem Besitzer des
Teams sowie von CNN, Ted Turner. Eine der beliebtesten Attraktionen der Stadt ist außerdem der Stone Mountain Park, eine Mischung aus Erholungs- und historischem Park mit
dem Stone Mountain als Herzstück, der größte monolitische Granitfelsen der Welt (ca. 250 m hoch, 8 km Umfang).
Auf Reisen
Nachdem jeder Referendar von der Kanzlei eine Woche "Urlaub" bekommt, besteht die Möglichkeit, nicht nur die Sehenswürdigkeiten von Atlanta näher kennen zu lernen, sondern
auch benachbarte Städte und Bundesstaaten. Hierbei bieten sich zunächst die beiden kleinen typischen Südstaatenstädte Charleston und Savannah mit ihren Stadtvillen im
Kolonialstil an, aber auch ein Besuch in der Jack Daniels-Destillerie in Tennessee oder der Countrystadt Nashville. Etwas weiter entfernt ist Memphis mit Graceland, dem
berühmten Haus von "The King" Elvis Presley. Absolut empfehlenswert sind Besichtigungen der großen Plantagenhäuser in South Carolina und Lousiana, bekannt z.B. aus Filmen
wie "Vom Winde verweht" oder "Fackeln im Sturm". Trotz einiger Fahrkilometer gut an einem verlängerten Wochenende zu bewältigen ist eine Tour nach Florida, wo man
Disneyworld in Orlando oder das Kennedy Space Center auf Cape Canaveral mit zahlreichen Raketenrampen und dem "Apollo"-Museum rund um die Mondlandung besuchen kann.
Schließlich ist auch ein Besuch in der "europäischten Stadt der USA" am Mississippi, New Orleans, mit dem French Quarter und der Bourbon Street sowie Ausspannen an den
traumhaften Stränden in Destin, Florida zu empfehlen.
Fazit
Aufgrund der interessanten Arbeit und dem freundlichen Team in der Kanzlei sowie den vielen Sehenswürdigkeiten verging die Zeit wie im Fluge – der Aufenthalt in
Atlanta bzw. im Südosten der USA kann deshalb jedem vorbehaltslos empfohlen werden, der das amerikanische Recht in vielen Facetten sowie auch einmal eine nicht ganz so
bekannte Ecke der Vereinigten Staaten kennen lernen möchte!
Informationen
- Allgemeine Informationen/Visa: Ausführliche Informationen lassen sich auf der Homepage der amerikanischen Botschaft in Deutschland unter
www.usembassy.de/travel/dindex.htm finden.
- Bewerbung: Herr RA Dr. Christoph Rückel, First Union Plaza, Suite 1400, 999 Peachtree Street, NE, Atlanta, Georgia 30309-3964, Phone: 001-404.817.6000, Fax:
001-404.817.6050
- Bewerbungsunterlagen: Das Anschreiben kann auch auf Deutsch sein; Lebenslauf und Zeugnisse.
- Bewerbungsfrist: Man sollte sich zeitig bewerben, denn die Referendarplätze sind beliebt und oft weit im Voraus bereits belegt; am besten mind. ein Jahr vor
Stationsantritt.
- Ausbildungsdauer: Mindestens drei Monate, besser vier Monate.
- Ausbildungsschwerpunkte: Gesellschaftsrecht, Internetrecht, Ausländerrecht
- Sprachkenntnisse: Gute Englischkenntnisse
- Unterkunft: Die Kanzlei ist behilflich, eine Unterkunft zu finden
- Finanzen: Kaufkraftausgleich bei der Besoldungsstelle beantragen; Flug ca. € 500,-- (München-Atlanta-München direkt); monatlich sind je nach Lebensstil ca. $ 1000
– 1.200,-- einzukalkulieren.