Die Verwaltungsstation an der DHV Speyer
Anmerkungen ... nach dem bestandenen Examen
Dr. Eike Michael Frenzel, Augsburg/Karlsruhe
Angesichts der fortgesetzten Verkürzung der Referendardienstes und des gedrängten Ausbildungsprogramms mag ein dreimonatiger Aufenthalt an der Deutschen Hochschule für
Verwaltungswissenschaften in Speyer wie ein Anachronismus erscheinen. Ich hatte mich dennoch entschieden, diese Chance wahrzunehmen, und habe im Sinne des Sprichwortes
„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ mit einem Bericht über die Verwaltungsstation an der DHV im Sommer 2002 gewartet – nach dem Examen ist man
klüger und vermag vielleicht besser einzuschätzen, ob man trotz oder gerade wegen der Zeit in Speyer so und nicht anders abgeschnitten hat.
Das Vorspiel
Warnungen vor dem Speyer-Semester hatte es viele gegeben, allerdings vor allem von Personen, die selbst überhaupt nicht in Speyer gewesen waren; jedenfalls hatte man nicht
nur Gutes gehört. Dies ist insoweit verständlich, als man doch davon ausgehen kann, dass in der Außendarstellung vornehmlich die (märchenhaften) Exzesse verwertet werden und
es gilt, eine Begründung bereitzuhalten, warum man verhältnismäßig kurz vor dem Examen nicht das gewohnte Umfeld verlässt und den Blick über die Landesgrenzen hinaus wagt.
Dabei war der über das Internet-Angebot (
www.dhv-speyer.de) selbst verschaffte erste Eindruck vielversprechend und
wurde durch wenige Gespräche mit ehemaligen Hörern bestätigt, so dass der Entschluss bald gefasst war, die letzten drei Monate der Verwaltungsstation in Speyer zu
absolvieren (wobei hinsichtlich des Zeitpunktes zwischenzeitlich Modifikationen zu beachten sind) – und mit mir immerhin sechs weitere Kollegen aus den Augsburger
Arbeitsgemeinschaften. Es winkte eine willkommene Abwechslung zum Alltag in der Arbeitsgemeinschaft und beim Praktiker, dem man sich zu Ausbildungszwecken bisweilen
regelrecht aufdrängen musste. Nach der nicht von Förmlichkeiten geprägten Abgabe des Antrags auf Zuweisung war angesichts der zurückhaltenden Nachfrage von Anfang an mit
einer positiven Rückmeldung zu rechnen.
Es ist soweit...
Nach einer verhältnismäßig unkomplizierten Wohnungssuche (wobei die Qualität der Unterkünfte stark schwankte und die Mieten zum Teil nicht mehr als preiswert bezeichnet
werden konnten) packte man seine (vor allem juristischen) Sachen und zog Ende April in Richtung Speyer, wo den postgraduierten Erstsemestern ein durchwachsener Empfang
bereitet wurde: An der Hochschule ein allseitig herzliches Willkommen, nicht nur auf der Semester-Opening-Party, die am Vorabend der ersten Lehrveranstaltungen respektive
der Orientierungsphase stattfand und fast ausschließlich von „Erstis“ besucht wurde (nur wenige HörerInnen absolvieren mehr als ein Semester, etwa um einen
Magister abzulegen), in der Stadt selbst auch erste Abwehrreaktionen („... die kommen jedes Jahr wie die Schmeißfliegen“, die Großkopferten), aber das mag auch
am Ruf der Speyerlinge liegen, um den es aufgrund der Kurzfristigkeit des Aufenthaltes und der Exzess-Mythen nicht allzu gut bestellt war. Der Hinweis des Rektors auf die
während des Semesters „neu zu knüpfenden Beziehungen“ im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung komplettierte das Bild von der „wahrscheinlich längsten
Klassenfahrt der Welt“ – sollte sich das bewahrheiten?
Der Alltag an der DHV
Mitnichten. Natürlich fanden neben den Veranstaltungen der Hochschule auch Freizeitaktivitäten und Feste statt, was jedoch gewissen Grundsätzen entsprechend (mens sana in
corpore sano) auch sinnvoll war. Faktoren des unterschiedlichen Umgangs mit der Gestaltung des Studiums und insbesondere der Freizeit waren nicht nur das individuelle
Naturell und die Herkunft, sondern auch der zeitliche Abstand zum schriftlichen Examen, der in den einzelnen Bundesländern stark variieren kann; zudem besteht die
Möglichkeit, das Semester in Speyer in der Pflichtwahlstation zu absolvieren. Doch zunächst zur Pflicht.
Das Programm im engeren Sinne
Zunächst galt es, sich auf der Grundlage des Vorlesungsverzeichnisses und der Vorstellung der einzelnen Dozenten in der Orientierungsphase ein Programm mit mindestens 20 bis
22 Semesterwochenstunden zusammenzustellen. Neben Seminar und projektbezogener Arbeitsgemeinschaft, für die man sich teilweise bereits vorzeitig im Wege eines
Exposé-Verfahrens hatte bewerben können, boten sich dazu weitere Vorlesungen und Kolloquien – insbesondere zum Verwaltungsrecht –, aber auch die zivil- und
strafrechtliche Übung sowie in einem kleinen Umfang fachspezifische Sprachenkurse für Französisch und Englisch und Computerkurse an; die verwaltungsrechtliche AG für das
jeweilige Landesrecht war obligatorisch. Schwerpunkte waren für die meisten das Seminar, die projektbezogene AG und die Landesübung.
Die Themen der Seminare boten ein weites Spektrum: Von klassischen (50 Jahre Bundesverfassungsgericht) und spezifischen Fragestellungen (etwa des Verwaltungsprozess- und des
Kommunalrechtsrechts) über Sondermaterien (Haushaltsrecht, Liberalisierung der Gas- und Strommärkte) bis hin zu geschichtlichen Themen („500 Jahre Bundschuh“)
reichte das Programm. Für das gewählte Seminar war eine schriftliche Arbeit zu fertigen, die gewonnenen Erkenntnisse waren im Rahmen eines Referats vorzutragen. Der
Teilnehmendenkreis war grundsätzlich auf 20 beschränkt, je nach vermeintlicher Beliebtheit eines Themas schwankten die Zahlen stark; so besuchten das von mir gewählte
Seminar zu der Geschichte der „Staaten im Staat“ gerade einmal sieben weitere Hörer, was zu einem optimalen Betreuungsverhältnis und dazu führte, dass zeitlich
kein Druck bestand, Diskussionen abzukürzen oder zu überziehen. Ähnliches galt für die projektbezogenen Arbeitsgemeinschaften, wobei der Schwerpunkt hier regelmäßig auf der
praktischen Arbeit in der Gruppe lag und so versucht wurde, die Verbindung zwischen wissenschaftlichem Arbeiten und der Praxis herzustellen; als Beispiele seien die Themen
„Rechtsetzung als diskursiver Prozess“, Personalmanagement, Bilanzanalyse, Vergaberecht und Mediation genannt.
Seminar und AG ermöglichten es, sich wissenschaftlich mit einem bestimmten Thema auseinander zu setzen, damit über den Tellerrand zu blicken und ein wenig Abstand zu dem
Examensstoff zu gewinnen, was zumeist sowohl als erholsam als auch als ertragreich angesehen wurde.
Erwähnenswert ist, dass für die Examensvorbereitung nicht nur die staats- und verwaltungsrechtlichen Vorlesungen und Kolloquien (z.B. Finanzwirtschaft, Baurecht und
Verwaltungsprozessrecht in höchstrichterlicher Rechtsprechung) vorgesehen waren, sondern durch die Übung im Zivil- und Strafrecht auch diese wichtigen Gebiete der
Referendarausbildung bedient wurden: Es wurden fast ausschließlich Examensklausuren besprochen, wofür die Sachverhalte eine Woche im Voraus ausgeteilt wurden; der
wöchentlich aus Aschaffenburg anreisende leitende Oberstaatsanwalt Becker vermochte es, uns die Lösungen didaktisch hervorragend aufbereitet und mit dem nötigen Humor näher
zu bringen.
Überhaupt merkte man den ordentlichen Professoren wie den weiteren Lehrbeauftragten den Enthusiasmus und das Interesse an unserer Ausbildung an. Dies mag zum einen durch die
Sonderstellung der DHV Speyer und die Tatsache begründet sein, dass man bei 450 Hörerinnen und Hörern pro Semester keinesfalls von einem Massenbetrieb sprechen kann, der zum
Verschleiß der Kräfte beitragen könnte; zudem läuft der Vorlesungsbetrieb nur während dreier Monate pro Halbjahr, so dass es sechs Monate im Jahr deutlich ruhiger ist. Zum
anderen bietet der vielzitierte Geist von Speyer eine Erklärung – womit auch das Programm im weiteren Sinne angesprochen ist.
Das Programm im weiteren Sinne
Wöchentlich fand eine Fete statt, die ab Mitte Mai von je einer Landesgruppe oder – sollte diese aufgrund ihrer Größe dem organisatorischen Aufwand nicht gewachsen
sein – von einem Länderverbund durchgeführt wurde. Dabei war ein gewisser Konkurrenzkampf festzustellen, jedenfalls ließen sich die Gruppen immer etwas Neues
einfallen: So wählte jede Gruppe ein eigenes Motto („Nordisch by Nature“, „Die goldenen Zwanziger“, „Love, Peace and Harmony“) und
versuchte, dieses in Gestalt der Dekoration oder der (landesspezifischen) Spiele umzusetzen. Dazu wurden heimatliche Sponsoren gewonnen, und auch das weitere Angebot war
teilweise regional geprägt.
Im Laufe des Semesters wurde auch die „Bierbar“ eingeweiht, die aufgrund der Umbaumaßnahmen im alten Wohnheim an eine andere Stelle verlegt worden war. Hier kam
man in gemütlicher Runde zusammen; Publikumsmagneten waren das Kickerturnier und die allerletzte Fete am Ende des Semesters.
Auch für die sonstige körperliche Ertüchtigung wurde im Wege eines bewundernswerten Prozesses der Selbstorganisation gesorgt: Von jeglichen Ballsportarten über Lauf- und
Inlinertreffs bis zur regelmäßig angebotenen Tanzstunde, welche auf den großen Ball im Juli vorbereiten sollte, reichte das Spektrum. Dem Weltgeschehen angemessen –
die Spiele der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea wurden regelmäßig auf der Großbildleinwand im Audimax gezeigt – erregten
insbesondere die Freundschaftsspiele zwischen den Mannschaften der DHV und der ENA, dem französischen Vorbild für die DHV, Aufmerksamkeit.
Einen letzten Höhepunkt des Semesters bot die Theater-AG mit der Aufführung „Geliebt, gehasst, gemeuchelt“ und der anschließenden Premierenfeier in einem Club in
der Speyerer Innenstadt an. Das ganze Semester über hatte die AG geprobt und neun Szenen aus Klassikern – von „Romeo und Julia“ über den
„Reigen“ bis „Psycho“ – zu einem Potpourri zusammengestellt, welches das Publikum im ausverkauften Audimax zu Begeisterungsstürmen veranlasste;
sogar in der Presse wurde ausführlich darüber berichtet, die Kritiken waren sehr positiv.
Ergänzt wurde das Bild durch die Stadt Speyer mit ihren zahlreichen Kulturstätten, zum Beispiel dem Dom, dem Judenbad und dem Technikmuseum, die im Rahmen der langen Nacht
der Museen zum verbilligten Preis zu sehen waren. Außerdem lud die wunderschöne Umgebung zwischen Rhein und Pfälzer Wald zu Fahrradtouren ein, von denen man dank der
Spargel- und Erdbeerzeit nicht mit leeren Händen zurückkehrte.
Zwischenzeitlich wartete die Frankfurter Allgemeine Zeitung mitten im Semester mit einem Artikel auf, der einerseits die Image-Alarmglocken der Hochschule ringen ließ und
andererseits bei den HörerInnen Heiterkeitsbekundungen hervorrief. Unter dem Titel „Bierbar und Sittlichkeit“ wurde zu einem Rundumschlag gegen das Leben an der
Hochschule ausgeholt, gleichzeitig aber die Vielfalt der Lehre und die hervorragende Ausstattung der Bibliothek betont; die Ökonomie der Aufmerksamkeit zeitigte auch hier
ihre Wirkung. Der allzu gefälligen Bemerkung, dass in Speyer „mehr Ehen gebrochen als versprochen“ würden, konnte ebenfalls nicht beigepflichtet werden –
alles eine Frage der Wahrnehmung.
Fazit
Die sieben Referendare aus Augsburg, die nach Speyer gegangen waren, haben zum einen ihren Aufenthalt in Speyer nicht bereut – auch nach Bekanntgabe der Ergebnisse des
schriftlichen Examens. Ganz im Gegenteil: Soweit im Vergleich zum ersten Staatsexamen eine Verschlechterung eingetreten war, wurde dies keinesfalls auf die Abordnung
zurückgeführt, vielmehr überwog das Gefühl einer hervorragenden Betreuung und insbesondere die Stärkung der Kompetenz im öffentlichen Recht, in welchem die Klausuren
regelmäßig unterdurchschnittlich ausfallen. Dementsprechend gestalteten sich auch die Rückmeldungen der Kolleginnen und Kollegen, die in Augsburg geblieben waren: Wir hatten
in Speyer nichts verpasst, sondern viel gewonnen, und werden uns gerne an die Zeit erinnern.