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Artikel 4636
Martin Bahr

Pflichtwerk für Rechtsreferendare und junge Rechtsanwälte

Eine Rezension zu:

Egon Schneider

Die Klage im Zivilprozess

Taktik - Praxis - Muster

ZAP-Verlag, Berlin u.a. 2000, 528 Seiten, 66,- €
ISBN 3-89655-042-X

http://www.zap-verlag.de


"Nicht das materielle Recht, sondern allein das Prozessrecht ermöglicht es dem Anwalt, gestaltend in das gerichtliche Verfahren einzugreifen."

Mit diesem Satz beginnt Schneider, einer der bekanntesten Zivilprozessrechtler, dieses Werk. Und so will der Autor den Band auch verstanden wissen: Wie setze ich meinen materiell-rechtlichen Anspruch prozessual am besten durch?

Das Buch ist wie das wirkliche Rechtsanwalts-Leben gestrickt: Es beginnt mit dem vorprozessualen Bereich (Anwalt, Mandant, Dritte) und endet mit der Erhebung der Klage.

Für Referendare oder junge Rechtsanwälte gehört dieser Band zum Pflichtwerk: Was hier auf den über 500 Seiten geboten wird, sucht wahrlich seinesgleichen. Die bis dato publizierte Literatur zu diesem Themenkreis füllt bekanntermaßen inzwischen ganze Bibliotheken. Schneider ragt hier in außerordentlicher Weise hervor. Seinen Schreibstil und seine Wortwahl könnte man fast plauderhaft nennen. Hier erzählt jemand, der bereit ist sein Wissen zu vermitteln, ohne von oben herabzublicken. Und deswegen hört man gerne zu - und lernt entsprechend viel.

Der Band ist nicht lehrbuchmäßig aufgebaut, sondern widmet sich ausschließlich praxisbezogenen Fragestellungen und Problemen.

Gerade im vorprozessualen Bereich, in dem die jetzige Referendar-Ausbildung mehr oder minder mit "katastrophal" bezeichnet werden kann, ist der Band ein Stein der Weisen. Sicher, manche Punkte, die Schneider anführt, sind Binsenweisheiten, aber dennoch werden sie in der Praxis, auch von älteren, erfahreneren Praktikern, häufig nicht berücksichtigt. Viele weitere Bereiche, die er anführt, haben mir die Augen geöffnet.

Ein paar Beispiele: Als Referendar bzw. junger Rechtsanwalt hört man immer wieder, dass es sinnvoll ist, einen Vorschuss zu verlangen. Aber wann und wie? Bei welchen Gelegenheiten ist es sinnvoll? Wann sollte ich es am besten vermeiden? Auf diese Fragen gibt Schneider klare Antworten.

Oder die Ausführungen zur Mandatsbeendigung: Wie genau verfasse ich diese Kündigung? Welche Pflichten treffen mich auch nach Beendigung?

Was muss ich bei der Wahl der Parteien beachten? Wie komme ich dennoch legal zum Landgericht, obwohl der Streitgegenstand nur 5.000,- € ist? Gibt es taktische Überlegungen bei der Gerichtswahl und der örtlichen Zuständigkeit? Was mache ich, wenn der Richter willkürlich ein vereinfachtes Verfahren nach § 495a ZPO anordnet, obwohl ein solches objektiv nicht vorliegt?

Ein erheblicher Teil ist dem Streitwertrecht gewidmet. Für den Rechtsanwalt das A und O seiner Vergütung, bemisst sich sein Honorar doch aus dem festgesetzten Streitwert. Hier werden zunächst die Grundlagen und dann die Methodik der Wertermittlung dargestellt. Auch an dieser Stelle bleibt der Autor nicht im wissenschaftlichen Elfenbeinturm sitzen, sondern zeigt durch zahlreiche Beispiele wie denn nun wirklich in der Praxis abgerechnet wird. Es schließt sich der Teil an, der sich mit der Streitwertbeschwerde beschäftigt: Wann es sinnvoll ist, diese zu erheben und wann nicht.

Es folgt der Teil zu den Überlegungen zum richtigen prozessualen Vorgehen: Wahl des Verfahrens (selbständiges Beweisverfahren, Mahnverfahren, PKH usw.), Wahl der Verfahrenseinleitung (Klage, Hilfsanträge). Schneider lässt in diesem Bereich nichts unerörtert. Zahlreiche Formulierungsbeispiele erfüllen seine Ausführungen mit Leben und veranschaulichen seine Darstellung.

Ebenso grandios sind seine Erörterungen zu den vorbereitenden Schriftsätzen: Welchen Stil sollte ich auf am besten wählen? Welche Ausdrucksweisen sollte ich auf jeden Fall vermeiden? Und dann öffnet er für den Referendar und den jungen Rechtsanwalt die black box: Was gilt es bei der Zulässigkeit der Klage neben den allgemeinen Voraussetzungen zu beachten? Schneider erörtert hier jede noch so scheinbare Kleinigkeit, die sich später im Prozess fatal auswirken kann. Gerade dem Referendar, der in der Ausbildungsliteratur diesen, mit "Zweckmäßigkeit" überschriebenen Teil häufig nur sehr oberflächlich dargestellt wiedergefunden hat, fallen hier wahre Schuppen von den Augen! Endlich wird ersichtlich, was den wirklich guten Rechtsanwalt von anderen unterscheidet.

Großen Wert legt der Autor auch auf die Klageschrift und den exakten Klageantrag. Auch hier bringt er zahlreiche Beispiel, die der Berufsanfänger fast 1:1 übernehmen kann. Schade nur, dass keine Diskette oder CD-ROM mit beiliegt, auf der die Texte schon erfasst sind. So bedarf es eines mühevollen und zeitintensiven Abtippens der Beispiele. Das sollte in der 2. Auflage, die hoffentlich recht bald erscheinen wird, unbedingt nachgeholt werden.

Ebenso lehrreiche Ausführungen finden sich zum Bereich der Substantiierungspflicht und der Beweisführung.

Gesamteindruck:
Jede Person, die später rechtsberatend tätig sein will, sollte dieses Buch einmal in die Hand genommen haben. Von der Zielgruppe her ist es eher auf Referendare und junge Rechtsanwälte ausgerichtet. Für diese ist es eine echte Offenbarung! Aber auch ältere, erfahrenere Kollegen können noch so manches lernen.





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