Jurawelt

Artikel 9033
RA Jaroslaw Grycz
06.04.2004

Zugang zum "Steuerchaos" auch für den Laien

Eine Rezension zu:

Manfred Rose

Vom Steuerchaos zur Einfachsteuer

Der Wegweiser durch die Steuerdebatte

Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2003, 304 Seiten, 24,95 €
ISBN 3-7910-2240-7

http://www.schaeffer-poeschel.de


Nach der Reform ist vor der Reform
"Einfachsteuer" steht nicht nur im Titel des Buches, sondern ist vor allem die Idee und zugleich das Programm der Steuervereinfachung, welches Herr Prof. Rose bereits entwickelt und im Ausland umgesetzt hat.

Deutschland hat in den letzten 50 Jahren eine Steuerindustrie entwickelt, an der mittlerweile tausende Richter, Finanzbeamte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Steuerratgeberautoren und natürlich auch Verlage prächtig verdienen. So ergehen jährlich 65.000 Gerichtsurteile in Steuersachen, die Verlage geben regelmäßig neue Ratgeber bzw. die alten in einer Auflage heraus (Konz: 84. Auflage!) und das Heer der rund 60.000 Steuerberater kämpft gegen die Verwaltung und Justiz. Es ist inzwischen zum Volkssport geworden, bedenkenlos den Staat um die eigene Steuerschuld zu prellen. Beispiele gibt es auch auf höherer Ebene genug. Ob man jetzt den Vater von Steffi Graf, Peter Graf, den Tennisstar Boris Becker oder die Fernseh-Moderatorin Frau Schreinemakers nimmt, alle hatten keine Bedenken, "Steuersparmodelle" zu entwickeln.

In diesem Kampf rüsten aber beide Seiten auf. Der Staat geht mit EDV-Sonderkommandos der Steuerbehörden gegen die Steuersünder vor, der Bürger versucht auf die eine oder andere Weise sein Geld dem Fiskus vorzuenthalten. Die Frage, die sich stellt lautet jedoch – ist das alles notwendig? Es kostet doch beide Seiten viel Zeit, Kraft und fuhrt dadurch auch Produktivitätsverlust. Das alles ist bekannt, aber wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?

Das Buch von Prof. Rose ist keine weitere Anleitung zum Thema "Steuernsparen", sondern eine unterhaltsame Darstellung der "Systematik" der Steuerkrise in Deutschland. Der Autor ist ein sehr prominenter Steuerexperte, Jahrgang 1938, in der Zeit 1969-1971 Dozent für das Grundstudium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, und seit 1971 Dozent für Finanzwissenschaft an der Universität Heidelberg, wo er das sog. Heidelberger Model der Einfachsteuer entwickelt hat. Seine Forschungen zur Entwicklung eines neuen Steuerrechts der Steuerverteilung auf Gebietskörperschaften auf der Grundlage von Simulationsrechnungen mit Steuerdaten wurden bereits in Kroatien implementiert.

Im ersten Teil der "Bestandsaufnahme" begibt sich der interessierte Leser auf die Reise in die "Geschichte" der Lösungsansätze. So untersucht der Autor das einleuchtende Steuerprinzip "Partnerschaft zwischen Steuerzahlern und Staat" in den vergangenen Jahrzehnten und skizziert sehr anschaulich die Grundlagen der Steuerlehre und des deutschen Steuersystems, welches er als "Alt-Leitbild" bezeichnet.

Der zweite Teil – Ursache und Therapie – "deckt schonungslos auf, dass mit dem Alt-Leitbild der Einkommensbesteuerung ein wahrhaft fiskalisches Raubrittertum an Sparern und Investoren betrieben wird." Herr Prof. Rose stellt die ökonomischen Mechanismen des Wirtschaftswachstums ("Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Sparen und Investieren und dem Wachstum") vor und gleichzeitig zeigt er mit dem Beispiel der Verzinsung/Anlage, d.h. Sparen und der sofortigen Ausgabe/Konsum des Verdienten die Sinnlosigkeit für die Investitionen des bestehenden Steuersystems auf. Nach seiner Auffassung "verlangt das traditionelle System der Einkommensbesteuerung zusätzlich auch noch eine volle Besteuerung der anfallenden Zinsen! Obwohl diese schon (...) steuerlich belastet sind". Damit ist gemeint, dass erst das Geld, welches bereits besteuert wurde, angelegt werden kann und somit Zinsen abwirft, welche wiederum der Zinsabschlagsteuer unterliegen. Weiterhin kritisiert er die heutige unattraktive Kapitalabfindungspraxis und geht gegen "die Lüge der Jahresgerechtigkeit" im deutschen Steuersystem vor, welche er als "Hauptursache der Steuerkrise" entlarvt. Schließlich zeigt er die "Methoden (…), die eine faire und zugleich auch marktwirtschaftlich verträgliche Einkommensbesteuerung sicherstellen" auf. "Im Kern zielen diese Methoden darauf ab, Einkommen aus lebenszeitlicher Perspektive zu betrachten und steuerlich nur einmal zu belasten."

Im 3. Teil – Einfach besser: Die Einfachsteuer für Deutschland – kommt Prof. Rose zu den konkreten Lösungsvorschlägen. Sein Programm lautet:
  • "Einfachheit heißt dabei zuerst, dass (…) Bürger die verschiedenen Einkünfte ebenso wie das letztlich zu versteuernde Einkommen eindeutig und ohne viel Aufwand ermitteln können."
  • "Einfachheit heißt weiter, dass Steuerpflichtige und ebenso Arbeitgeber klare Regeln vorfinden, die sie ohne größeren Zeit-, Personal- und Sachaufwand befolgen können."
  • "Schließlich muss auch die Abwicklung der Steuererhebung in den Finanzämtern so wenig wie möglich kosten."
Die Einkunftsarten werden nach seinem, dem Heidelberger Model, nur drei Einkunftsarten: Einkünfte aus nichtselbständiger, aus selbständiger Arbeit und Versorgungseinkünfte. Es gibt auch besondere Abzugsposten: Ausgaben für berufliche Bildung, Verlustvortrag, und im beschränkten Umfang Finanzierung des existenziellen Lebensbedarfs. Der Steuersatz ist gleich und beträgt 25%. Bei den Unternehmen wird auch 25% der sog. Gewinnsteuer erhoben.

Das besonders Interessante an dem Model ist die Praxisnähe. Prof. Rose hat Konzepte einer marktorientierten Ausrichtung des Gesamtsteuersystems, einen Entwurf neuer Steuergesetze, Durchführungsverordnungen, Steuerformulare, in den ehemals sozialistischen Ländern des Ostblocks (Estland, Kroatien, Lettland, Polen, Rumänien, Ungarn, Turkmenistan) vorgestellt. Der Entwurf der Steuerreform wurde bereits am 01.01.1994 in die Praxis umgesetzt und ist zur Grundlage des marktbasierten Systems der Einkommen- und Gewinnbesteuerung in Kroatien geworden.

Gesamteindruck:
Der Autor bedient sich einer klaren Ausdrucksweise und bietet dem Leser eine verständliche Einführung in das Steuersystem der Bundesrepublik. Die dort geäußerte Kritik an bestehendem Zustand ist sehr anschaulich und nachvollziehbar, zumal diese anhand von verständlichen Beispielen dargestellt wird. Der Autor führt den Leser durch klare Strukturen zur Lösung des "Rätsels" – einem Einfach-Steuersystem. Besonders in der Zeit von hitzigen Debatten, sowohl im Parlament als auch auf der Straße, ist das Buch eine große Hilfe, um die verschiedenen Lösungsansätze, ob März-Model, SPD-Reform oder die CDU-Lösung, nachvollziehen zu können. Dem Autor ist es gelungen, die sehr komplizierte Materie "Jedermann" zugänglich zu machen.





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