Ronald Moosburner
02.02.2005
Depression im Bergdorf
Eine Rezension zu:
Matthias Edlinger / Jörg Steinleitner
Hirschfänger
Lagrev-Verlag, München/Bruckmühl 2004, 269 Seiten, 11,- €
ISBN 3-929879-09-3
http://www.lagrev.de
Das Autorenduo Matthias Edlinger und Jörg Steinleitner hat vor wenigen Jahren mit seinem Debutroman 205.293 Zeichen zahlreiche gute Kritiken geerntet und ist in der Folge
auch als Herausgeber von Kurzgeschichtensammlungen in Erscheinung getreten. Beide Autoren sind daneben noch mit eigenen Projekten am Start, deren bekanntestes unter
Jurastudenten wohl Steinleitners Kolumne "Voll, der Jurist" in einer Repetitoriumszeitschrift darstellt. Mit "Hirschfänger" bringen sie nun ihren zweiten Roman heraus, der
sich schwer einem bestimmten Genre zuordnen lässt. Irgendwo zwischen Heimatsatire, Krimi und modernem Märchen ist diese Erzählung, die aus wahren Begebenheiten heraus
entwickelt wurde, wohl zu Hause.
Im Mittelpunkt der Handlung steht ein bayerisches Bergdorf, in dem in einer Serie von Ereignissen die über Jahre hin stabile Ordnung gehörig aus den Fugen gerät. Nicht nur,
dass ein Fremder einzieht, dessen Kommen sich niemand so recht erklären kann. Fast zur gleichen Zeit beginnen im Bergwald Wildereien, die seit Jahren nicht mehr vorgekommen
sind. Und darüber hinaus sorgt auch noch der reichste Bauer mit einer radikalen Bürgerinitiative für Rabatz, die ihn mit der Forderung nach mehr Sicherheit und
alkoholseligen Wahlveranstaltungen ins Bürgermeisteramt befördern soll. In dieser verworrenen Konstellation ist nicht nur dem geheimnisvollen Gesundbeter Rossknecht schnell
klar, dass das dörfliche Gleichgewicht in Gefahr ist.
Die Handlung entwickelt sich allerdings ein wenig umständlich, weil es einerseits gilt, sehr viele Personen einzuführen, und andererseits keiner von diesen eine wirkliche
Hauptrolle zukommt. Nimmt man den Faktor hinzu, dass die meisten Beteiligten mit (jedenfalls für bayerische Verhältnisse) Allerweltsnamen versehen werden, so benötigt man
als Leser relativ lange, um einen gewissen Überblick zu gewinnen. Das wird auch dadurch erschwert, dass man von den meisten Personen nicht viel mehr als ihren Beruf und ihre
sexuellen und soziopathischen Besonderheiten erfährt. Es mag sein, dass sich diese Faktoren erfahrungsgemäß am einfachsten an den Leser bringen lassen, für eine einprägsame
Charakterisierung der Handelnden genügen sie am Ende aber doch nicht, dafür treten in der Erzählung einfach zu viele Personen auf.
Das Milieu des einsamen Bergdorfes beschreibt die Erzählung jedoch dennoch sehr treffend, wenn auch stets mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Während die jungen Leute der
strukturschwachen Region längst entflohen sind, machen sich jetzt alle, die den Absprung verpasst haben oder in dieser gottverlassenen Gegend gestrandet sind, gegenseitig
das Leben schwer. Selbst der Pfarrer scheint bereits das Weite gesucht zu haben, stattdessen suchen die Einwohner lieber einen obskuren Gesundbeter mit visionären
Fähigkeiten auf. Über all dem stehen ein, zwei reiche Bauern und der Revierförster, die im Dorf das Sagen haben. Aber auch die Quotenausländer aus Kroatien und Vietnam, die
zu Hilfsdiensten der verschiedensten Art herangezogen werden, dürfen in der Geschichte nicht fehlen. Die beherrschende Stimmung ist demnach ganz klar die Depression, die
durch die äußeren Umstände noch gesteigert wird, weil über die gesamte Geschichte der Regen von einem grauen Himmel prasselt. Da mag man sich nicht wundern, dass in einem
Klima ständig steigender Gereiztheit die Handlung auf Mord und Totschlag zusteuert.
Gesamteindruck:
Insgesamt lässt sich festhalten, dass "Hirschfänger" sich nach einem sehr zögerlichen Beginn und einem ebenfalls nicht einfachen Mittelteil gegen Ende hin noch steigert. Mit
einer stärkeren Akzentuierung einzelner Charaktere und einer plausibleren Entwicklung hätte man die Erzählung um einiges flotter gestalten können. Als Parabel auf die große
Depression in der Einsamkeit der Berge taugt der Roman aber trotzdem recht gut, hier wird der satirefreundliche Leser in jedem Fall auf seine Kosten kommen.
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