Ronald Moosburner
05.01.2005
Ganz großes Wortkino
Eine Rezension zu:
Sven Regener
Neue Vahr Süd
Eichborn, Berlin 2004, 582 Seiten, 24,90 €
ISBN 3-8218-0743-1
http://www.eichborn.de
Nachdem der im Berlin von 1989 angesiedelte Roman "Herr Lehmann" beim deutschen Publikum einen großartigen Erfolg landete, der ihm sogar zu einer nicht minder beliebter
Kinoverfilmung verhalf, hat Sven Regener nicht lange gezögert und die Geschichte von Frank Lehmann weitergesponnen. Wer nun befürchtet hatte, ihm werde lediglich ein Aufguss
der ersten Geschichte vorgesetzt, der hat sich gründlich getäuscht, wird darob aber kaum traurig sein. "Neue Vahr Süd", benannt nach einem wenig ansehlichen Wohnviertel
Bremens, nimmt im Vergleich zum Vorgänger noch einmal deutlich Fahrt auf und liefert eine schwungvolle, mit leichter Hand hingezeichnete Komödie aus der norddeutschen
Stadtprovinz, wie sie vor gut 20 Jahren aussah.
Mit der Wahl dieses Plots hat Sven Regener nicht nur der Versuchung widerstanden, auf "Herrn Lehmann" jetzt den von vielen beschworenen großen Berlin-Roman über die 90er
Jahre folgen zu lassen. An den überzogenen Erwartungen, die mit einem solchen Unternehmen verbunden sind, hätte er fast zwangsläufig scheitern müssen. Hinzu kommt, dass der
Autor ganz richtig erkannt hat, dass es viel interessanter ist, herauszufinden, wo eigentlich die Wurzeln des phlegmatischen Lebenskünstlers liegen, den wir im ersten Teil
kennen gelernt haben. Das alte deutsche Lob der Provinz bewährt sich einmal mehr, wobei Sven Regener mit meisterhaftem Einsatz von Dialogen und innerem Monolog zu einem
satirisch verzerrten Blick auf eine eben so orientierungslose wie behäbige Jugendszene im Bremen der frühen 80er gelangt.
Die groben Züge der Handlung sind schnell wiedergegeben. Frank Lehmann hat es nach Abschluss seiner Ausbildung zum Speditionskaufmann verschlafen, rechtzeitig zu verweigern
und findet sich folglich mit einem Einberufungsbefehl und einigem Frust in seinem alten Opel Kadett sitzend wieder. "Irgendwas ist schiefgelaufen." Das altbekannte Motiv
taucht schon auf der zweiten Seite auf. Und doch ist es eindeutig ein flotterer Frank Lehmann, der uns hier begegnet, einer der nicht so schnell aufgibt, der mit gut
getarnter Leidenschaft den Tücken der Wirklichkeit strategisch begegnet. Zwar hegt er im tiefsten Inneren bereits jetzt die Überzeugung, dass man nur so lange glücklich sein
kann, wie man sich aus allem heraushält. Doch so ambitionslos kann man nun doch nicht in das eigene junge Leben starten, das sieht auch Frank schnell ein. Deshalb nutzt er
den ersten kleinen Streit zum Auszug aus dem elterlichen Haushalt und landet in einer frisch gegründeten WG, deren ständig wechselnder Menschenbestand zu einem eleganten
Hintergrund für weite Teile der Handlung gerät. Der Rest spielt in der Ausbildung der Bundeswehr, deren Beschreibung ganz notwendig zum Klamauk einlädt. Doch dankbar
registriert der Leser hier, dass keinerlei plumpe Bilder bedient werden, im Gegenteil, die Vorgesetzten werden auf eine grandiose tragikomische Art präsentiert, die sie eher
in die Nähe großer Clowns rückt, als in die herrische Atmosphäre einer Armee. Clowns sind nie freiwillig komisch und auch Frank Lehmann analysiert mit bekannter
Gewissenhaftigkeit noch jeden Schreikrampf eines Hauptmanns und jede stupide Handlung seiner Kameraden und teilt die Ergebnisse ausführlich mit. "Sie meinen es nicht so, sie
meinen überhaupt nichts irgendwie, sie sind einfach nur da, das ist das Problem."
Im Grunde gibt es in diesem Dasein nur zwei verheissungsvolle Streifen am Horizont. Zum einen verirrt sich bald auch das eine oder andere Mädchen in Franks Gesellschaft. Das
lässt er sich gefallen, ohne recht zu wissen, was eigentlich passiert. Aber was soll's auch, denn "am Ende verliebt man sich noch und dann wird alles erst extra traurig."
Den anderen Silberstreif bildet die lockende Großstadt, das ferne Berlin, in das sich der Bruder als Künstler abgesetzt hat. Allerdings kommt Berlin als allererstes einmal
in Gestalt eines dubiosen Bruder-Begleiters in die Provinz, der nur einen einzigen Spruch braucht, um den Gegensatz der Städte auf den Punkt zu bringen und ganz nebenbei
literarische Unsterblichkeit zu erlangen: "Mein Gott (...), wenn ich das einem erzähle, dass man dich hier Manni nennt, Freddie, das glaubt mir ja kein Schwein."
Gesamteindruck:
Alles in allem ist "Neue Vahr Süd" ein überaus witziger Roman, der von herrlichen Erlebnissen einer etwas verwöhnten Jugend beim Umgang mit dem Leben als fiesestem Gegner
überhaupt handelt. Die Allzweckwaffe sind in diesem Fight ererbte Weisheiten, die mit stoischer Ruhe vorgetragen, diskutiert und ausprobiert werden. Bevor man unter die
Räder kommt, sollte man das eigene Schicksal wenigstens darauf hingewiesen haben, dass man über Anwesende nicht in der dritten Person spricht. Und auch seine gelegentlichen
Slapstick-Einlagen verzeiht man dem Buch gerne, weil man ohnehin alle paar Seiten vor Lachen vom Stuhl fällt. Wer also Lust auf eine eben so komische wie gescheite
Auseinandersetzung mit dem Deutschland der beginnenden 80er Jahre hat, kommt an diesem Werk gar nicht vorbei. Es hat jede Empfehlung verdient.
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