Ronald Moosburner
09.03.2004
Ein Kessel buntes Schwarz-Rot-Gold
Eine Rezension zu:
Axel Hacke
Deutschlandalbum
Verlag Antje Kunstmann, Heidelberg 2004, 256 Seiten, 19,90 €
ISBN 3-88897-347-3
http://www.kunstmann.de
Axel Hacke ist ein netter Kerl und über die Jahre ist er uns richtig ans Herz gewachsen. Er kommt einmal in der Woche vorbei und erzählt eine Geschichte, auf die wir uns
schon lange vorher freuen, auch wenn sie leise beginnt und nur ganz selten als echter Schenkelklopfer endet. Während er dann fast schon wieder weg ist, klingen seine
Geschichten in uns nach, leise und schön, so dass wir immer noch lächeln, wenn wir mit dem Kreuzworträtsel anfangen. Und so sind gute Freunde doch eigentlich, wir können uns
auf sie verlassen, sie drängen sich nicht auf und geben uns trotzdem das Gefühl, dass sie ganz für uns da sind.
Allerdings hat unser Freund Axel Hacke zuletzt ein Buch herausgebracht, bei dem wir erst mal ein bisschen skeptisch waren. Er sagt, er habe Deutschland durchstöbert und von
der Reise dann ein Album gebastelt, mit Fotos und Texten darin. Fotoalben und Dia-Vorführungen gehören aber zweifellos zu den Dingen, wo man auch bei wirklich guten Freunden
schon mal ins Grübeln kommt. Wo man zugeben muss, dass man sich schon manchmal gedrückt hat, den wirklich guten Freund am Arm genommen und gefragt hat, ob nicht das
Fußballspiel gleich losgeht, so in zwei Stunden, und ob es nicht Zeit wäre, schon mal ein Bier zu trinken oder drei.
Axel Hacke gehört nun eher zu der Sorte Freunde, die sich nicht so leicht abwimmeln lässt. Das weiß man spätestens, wenn man ihn einmal live erlebt hat, diesen großen Mann
mit dem großen Kopf, der fast schüchtern fragt, was er lesen soll. Und dann kommen die Zurufe mit sehr viel "Bosch" und "Luis" und "Gorgonzola GTI" natürlich, und jemand
hält ein Transparent hoch, wo Bad Tölz grüßen lässt, und dann lächelt das große Gesicht und liest etwas ganz anderes. Er mag ja einer sein, der schon einmal wochenlang von
falsch verstandenen Liedtexten berichtet, und das Publikum am Ende damit wahrscheinlich genau so sehr nervt, wie dessen massenhafte Zuschriften zuvor ihn selbst. Aber ab
einem gewissen Punkt will er immer noch selbst entscheiden, was er heute erzählen soll.
So ähnlich ist das auch mit dem "Deutschlandalbum", das mit der Unterstützung einer ganzen Menge großartiger Fotografen und ihrer Bilder zusammengestellt wurde. Der erste
Blick bestätigt noch unsere Erwartung, wie Axel Hacke sich da selbst präsentiert, vor so einem Krimskrams-mit-Schnaps-Kiosk, und wir denken, na ja, das ist tatsächlich
typisch Deutschland, aber das eine Bild reicht doch wirklich und den Rest kennen wir leider schon viel zu gut. Bloß hängt dann im Fenster des Kiosks, fein säuberlich in eine
Leitz-Klarsichtfolie gezwängt, ein Schild mit der Aufschrift "Das Trinken von alkoholischen Getränken ist im Sichtbereich des Kiosks strengstens verboten." Aber auch nur da.
Wahrscheinlich sollten wir doch genauer hinschauen.
Die Geschichten, die Axel Hacke dann aus Deutschland erzählt, oder vielleicht besser: die er von Menschen in Deutschland erzählt, die sind wie erwartet in eher leisem
Tonfall geschrieben. Sie sind sicher nicht dazu da, den Leser aufzurütteln, aber auch ihre Leichtigkeit ist nur eine vordergründige. Liest man manchen Satz ein zweites Mal,
dann spürt man immer mehr Widerhaken, und man merkt, dass da keiner am Werk war, der die Sorgen der Menschen mit einer guten Prise positiven Denkens einstäubt. Nur stößt er
uns nicht mit dem Holzhammer auf sie, und das ist in einem Land, in dem viel gejammert und kritisiert wird, eine wirklich angenehme Eigenart. Ein paar Mal freilich kommt die
Satire zum Zug und wir erfahren neues von der Pfandpflicht auf Altstoßstangen. Zwischendurch werden auch immer wieder die ganz großen Dinge des Lebens angesprochen, da wird
etwa von der Liebe in Deutschland erzählt, in einer wunderschönen Geschichte aus einer früheren Zeit, die das Land aber immer noch prägt. Oder vom Lachen, das man in Kursen
lernen kann. Oder von der Erinnerung an überaus lieb gewonnene – aber halt, das muss man selbst gesehen haben. Einige Erzählungen sind auch einfach nur traurig, das
ist wahr. Und manche sind sehr normal, so normal, dass es beinahe nervt, wenn Leute tun, was sie immer tun, obwohl es hätte anders kommen können, unter Umständen sogar was
ganz großes geworden wäre, aber was soll man machen?
Am Ende kann man jedenfalls mit einiger Bewunderung sagen, dass diese Geschichten nahezu perfekt gelingen, dass viele verschiedene Leute zu Wort kommen, und dass es völlig
gereicht hat, ihnen genau zuzuhören, um mehr über Deutschland zu lernen als im Alltag, obwohl wir all diese Leute eigentlich genau von da kennen. Und wenn die Fotos jetzt
noch farbig wären – so grau ist Deutschland ja wirklich nicht. Aber alles in allem ist dieses Album unseres Freundes Axel Hacke wirklich sehr, sehr schön geworden. Da
werden wir sicher oft hineinschauen, heute und später mal.
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