Dr. Martin Bahr
Die Gesichter der New Economy
Eine Rezension zu:
Meike Hebestreit / Andrew Gowers
101 Köpfe der New Economy
Wer die deutsche Wirtschaft in die Zukunft führt
Financial Times Prentice Hall, München 2001, 320 S., 24,95 €
ISBN 3-8272-7070-7
http://www.ftd.de
Zwischen Oktober 2000 und März 2001 hat die Financial Times Deutschland herausragende, unkonventionelle oder zu Unrecht wenig bekannte Entscheidungsträger, Macher, Erfinder,
Denker und Finanziers porträtiert.
Neben der außerordentlich, z.T. auch sehr privaten Schilderung der Lebensläufe und Geschäftsziele der einzelnen Personen, auf die noch weiter unten einzugehen sein wird,
überzeugt das Buch vor allem durch die Tatsache, dass die Herausgeber sich bewusst entschieden haben, an den Porträts nachträglich keine Änderungen vorzunehmen, sondern die
Beschreibung auf dem damaligen Stand des Interviews zu lassen. Daher wird man als Leser nicht jeden Beitrag heute mit dem gleichen Gefühl lesen wie zu seinem Erscheinen.
Gerade aber dieses Nicht-Retuschieren ist ein besonderer Reiz des Bandes.
Die Bandbreite der berücksichtigten Personen ist überwältigend. Natürlich ist eine derartige Auswahl immer subjektiv. Den Herausgebern ist jedoch eine recht gute Abbildung
der tatsächlichen Lage im Bereich der New Economy gelungen. Das belegt schon die Tatsache, das die älteste interviewte Person 64 Jahre, die jüngste 19 Jahre alt ist.
Ein Porträt setzt sich aus jeweils 4 - 6 Seiten zusammen. Jede Darstellung beginnt mit einem Foto der betreffenden Person. Meist wird kurz über den privaten und beruflichen
Werdegang berichtet, um dann konkret und - soweit es der Platz zulässt - doch sehr detailliert die Idee, das Vorhaben oder das Engangement vorzustellen. Zum Schluss werden
die wichtigsten Fakten noch einmal in einem grafisch hervorgehobenen Kasten aufgelistet.
Wie schon oben angedeutet, spiegeln die ausgewählten Personen das Kaleidoskop der New Economy sehr schön wieder. So finden sich so bekannte politische Personen wie Andy
Müller-Maguhn (CCC-Sprecher und ICANN-Vorstandsmitglied) oder Jörg Tauss (SPD, Vorsitzender d. Ausschusses Neue Medien) wieder. Beim Bericht über Tauss
wird noch einmal augenzwinkernd Helmut Kohl durch den Kakao gezogen, der "Datenhighways" ja bekanntermaßen für Autobahnen hielt. Wie locker und doch zugleich
informativ der Stil und die Sprache ist, zeigt sich an sich vielen Stellen der vielen Porträts. Hier wird eine Nuance persönlicher Erlebnisse wiedergegeben, dort werden
harte Fakten geboten.
Die Mehrheit der dargestellten Leute wird dem Durschnitts-Nutzer namentlich unbekannt sein. Er wird jedoch viele Produkte und Dienstleistungen kennen und sich daher ein
"Aha!" nicht verkneifen können, wird er jetzt doch wissen, wer hinter Plattform X oder Portal Y steht. Natürlich finden sich auch Wirtschaftsgrößen wieder, die auch der
Allgemeinheit bekannt. Hier sind Ron Sommer (Ex-Telekom-Chef), Lothar Späth (JENA-Optik) oder Dieter Gorny (VIVA-Chef) zu nennen. Aber selbst bei diesen
Personen gelingt es den Autoren, eine sehr persönliche Einschätzung der jeweiligen Charaktere zu treffen und demnach dem Leser diese Menschen von einer neuen Seite zu
präsentieren.
Das Buch ist aber nicht nur aufgrund der Darstellung der unterschiedlichen Persönlichkeiten außerordentlich interessant, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass hier
praktisch in aller Kürze 101 Geschäftsmodelle aufgezeigt werden. Natürlich kann sich der Leser nicht eines Schmunzelns erwähren, wenn einzelne Personen von
Zukunftstechnologien sprechen, die angeblich "den Markt von Grund auf revolutionieren" werden und eben diese Technologien inzwischen längst vom Markt verschwunden sind. Dies
macht - wie schon oben beschrieben - noch einen weiteren Reiz dieses Bandes aus. Dank der nachträglich nicht überarbeiteten Fassung ist jeder Bericht zugleich auch ein
zeitgeschichtliches Porträt der Erwartungen und der Stimmung in der New Economy.
Gesamteindruck:
Ein überaus gelungenes Buch, das auf der ganzen Linie überzeugt. Es bietet neben einem jeweils sehr privaten Einblick auch die Möglichkeit, die unterschiedlichen Facetten
und die ganze Bandbreite der New Economy kennenzulernen. Derartige informative und zugleich unterhaltsame Bücher wünscht sich der Leser häufiger.
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