Jurawelt

Artikel 3975
Ronald Moosburner

Auseinandersetzung mit Demokratie

Eine Rezension zu:

Friedrich Schorlemmer

Absturz in die Freiheit

Was uns die Demokratie abverlangt

Aufbau Taschenbuch Verlag, Preis: 8,50 Euro
ISBN 3-7466-7029-2

http://www.aufbau-taschenbuch.de


Friedrich Schorlemmer, Evangelischer Theologe und inzwischen einer der höchstdekorierten Vertreter der ehemaligen DDR-Opposition (P.E.N.-Zentrum der Bundesrepublik, Carl-von-Ossietzky-Medaille, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels), hat dieses Buch im Jahr 2000 herausgebracht. Um die zahlreichen Verweise auf aktuellste politische Ereignisse richtig einordnen zu können, empfiehlt es sich, diesen Stand des Buches stets im Hinterkopf zu behalten.

Erklärtes Ziel des Buches ist es, Defizite und Fehlentwicklungen der gesamtdeutschen Republik offenzulegen und Menschen im Osten wie im Westen zu demokratischem Engagement zu animieren. Jedoch darf getrost vorweggenommen werden, daß Schorlemmer rasch diese selbst gesteckten Grenzen sprengt. So nimmt schon nach exakt 77 Seiten eine in dieser Form seltene Tour de Force ihren Lauf, welche den Leser durch Globalisierungskritik, hinweg über Fragen ziviler Konfliktlösung und über das moderne Verständnis der Menschenrechte zu einem mutigen aber nicht utopischen Ausblick führt, auf die Zukunft der Demokratie und insbesondere der deutschen Demokratie.

Ein ganz zentrales Motiv dieser ab dem zweiten Teil des Buches auf der Ebene globaler gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen stattfindenden Reise, ist das Dogma der gewaltlosen Konfliktlösung. Der ganze gewaltige und in seiner Schärfe durchaus reizvolle Gegensatz der Konfliktlösungskonzepte erscheint eindrucksvoll, wenn man einmal die zahlreichen Seitenhiebe gegen die Militäreinsätze im früheren Jugoslawien und vor allem gegen den zum Zeitpunkt der Niederschrift stattfindenden NATO-Einsatz in Zeiten der Kosovo Revue passieren läßt. Es scheint dabei ein armseliger Prophet zu sein, wer im Brustton der Überzeugung behauptet hat, die Herrschaft Milosevic’ werde durch die Militärschläge nicht im Mindesten beeinträchtigt werden. Und die Kritik mag nach der Zerschlagung des Talibanregimes auch hierzulande noch pointierter ausfallen (in den USA wäre Schorlemmer derzeit mit solchen Thesen ohnehin der ständigen Gefahr ausgeliefert, als Terrorist eingestuft zu werden).

Nun ist es auch nicht von der Hand zu weisen, daß die nach dem Zerfall des Ostblocks vermehrt angewandte Praxis des militärischen Eingreifens zur Lösung mehr oder weniger internationaler Konflikte, überwiegend auf erstaunliche Erfolge verweisen kann. Und die oft einer Farce gleichenden Verhandlungsversuche, die dem militärischen Eingreifen jeweils vorangingen, zeigten in den meisten Fällen auch deutlich auf, daß man es hier mit Staatsführern zu tun hatte, die sich einer anderen Sprache als Gewalt konsequent verschlossen haben. Im Falle der Taliban mag man sogar überwiegend davon ausgehen dürfen, daß sie tatsächlich keine andere Sprache gekannt haben. Hier liegt eine erhebliche Schwäche des Konzepts von Gewaltfreiheit – denn was nutzt es schon, diese Idee mit den schönsten und klügsten Worten vorzutragen und ganze Bücher darüber zu schreiben, wenn der Gegner den Worten wegen fehlender Bildung nicht folgen, ja zumeist noch nicht einmal besonders gut lesen kann?

Und dennoch verdienen die in diesem Buch vorgeschlagenen Lösungen allergrößte Beachtung. Denn man darf nicht vergessen, daß daraus die Erfahrung von Jahrzehnten in der Oppositionsbewegung der DDR und anderer Ostblockstaaten spricht. Diese, häufig in einem aus Überzeugung christlichen und humanistischen Milieu tief verwurzelte Bewegung setzte konsequent auf gewaltlosen Widerstand und hat mit der “samtenen” Revolution von 1989 doch die wohl größte Breitenwirkung der Geschichte erzielt. Da sollte es dem nicht unerheblichen Teil der Weltgemeinschaft, der sich in der glücklichen Lage eines über Talibanniveau anzusiedelnden Bildungsstands befindet, doch gut zu Gesicht stehen, von den Erfahrungen der Väter dieses einzigartigen Erfolgs, dieser Vertreter eines zivilisierten und gewaltlosen Konfliktlösungskonzeptes profitieren zu wollen.

Friedrich Schorlemmer ist hierfür sicherlich ein exzellenter Ansprechpartner. Dies zeigt insbesondere noch einmal der erste Teil des Buches, in dem er sich ganz konkret mit den Befindlichkeiten der gesamtdeutschen Demokratie auseinandersetzt. Es ist offensichtlich, daß hier einer spricht, der die Probleme der Menschen kennt, der selbst mit ihnen kämpft. Gerade spezifisch ostdeutsche Ängste sind selten mit solch einem tiefen Verständnis formuliert worden. Doch niemals darf das Problem zur Entschuldigung seiner nicht vorhandenen Lösung dienen! Immer wieder scheucht Schorlemmer die Menschen förmlich auf, sich nicht zu verstecken, sondern mutig nach der Lösung zu suchen, keine Mühen zu scheuen und gelegentliche offene wie versteckte Schrammen wegzustecken – ein Indianer kennt keinen Schmerz! Hier ist er streng, doch nicht stur; engagiert, doch nicht wichtigtuerisch; stark, doch nicht gefühllos.

Dieser Mann will es nicht besser wissen, sondern besser machen. Und er versteht es exzellent, diese Motivation weiterzugeben. Das Buch sollte man gelesen haben.
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