Patrick Mensel
13.12.2009
Cityboys Enthüllungsbuch
Eine Rezension zu:
Geraint Anderson
Cityboy
Börsenmedien AG, Kulmbach 2009, 281 Seiten, 24,90 €
ISBN 978-3938350881
http://www.boersenmedien.de
Die Londoner City ist ein Magnet, der junge Arbeitnehmer aus aller Welt anzieht, die im Finanzwesen Fuß fassen wollen. Die Nummer Zwei nach der Wall Street steht ihrem
großen Bruder in nichts nach: Nach außen hin sieht die Londoner Bankenmeile wie eine professionelle Branche mit hoher Seriosität aus, die ihren eigenen Regeln und Gesetzen
folgt. Ein Bild, das so gar nicht zu dem Enthüllungsbuch „Cityboy“ passen will, das ein ehemaliger Analyst der Dresdner Kleinwort verfasst hat. Der
Ex-Investmentbanker Geraint Anderson hat den Schweigecode der City gebrochen und dafür viel Empörung und Gegenwind geerntet. Seine 12 Jahre in der Londoner
Finanzwelt lassen sich – wie er selbst zugibt – in drei Wörtern zusammenfassen: Partys, Drogen und Millionen-Deals.
Natürlich sind alle Namen von Personen wie Banken frei erfunden, aber der Fachmann kann leicht die wahren Hintergründe erkennen. Anderson, der jahrelang von den
Früchten der Londoner City profitiert hat, hat sich nun zu einem glühenden Verfechter einer neuer Finanz-Moral aufgeschwungen. Sein Ziel ist es, der Londoner City einen
Spiegel vorzuhalten und ihr aufzuzeigen, wie sehr sich die Haltung der Finanzbranche zum Schlechten hin gewandelt hat. So sind auch Insiderhandel und Steuerhinterziehung
Thema und natürlich das allseits präsente Konkurrenzgebaren der Kollegen, das die City zu einem übergroßen Haifischbecken werden lässt.
Kritiker Andersons werfen ihm harsche Polemik vor. Er wird als Nestbeschmutzer angesehen, der einzelne Exzesse als tagtägliche Tatsachen zu etablieren versucht. Und
so gibt Anderson selbst zu, dass er das Buch an vielen Stellen ausgeschmückt habe, aber nur um sich auch das Interesse der Finanzbranche zu sichern, das von
Skandalen eher angezogen wird als von der bloßen Aneinanderreihung von Banalitäten. Und doch scheint Anderson mit seinem Buch einen wunden Punkt der City erwischt zu haben.
Die vielen Leser und die heftigen Reaktionen, teilweise sogar Zustimmungen aus der Finanzwelt, geben ihm Recht. Er selbst sieht sich als Täter, aber auch als Opfer der City,
das zur falschen Zeit am falschen Ort war und wohl einen der extremsten Zeitabschnitte der Londoner Finanzwelt miterlebt hat.
Gesamteindruck:
Andersons Buch vermischt gekonnt Elemente der Belletristik und des Fachbuches. Das macht das Buch so lesenswert und anschaulich. Aber darin liegt auch eine gewisse
Spur der Übertreibung, die Zweifel beim Leser hinterlässt. Es ist eine Skandalgeschichte entstanden, die jedes Klischee gekonnt bedient und sich allzu oft an Vorurteilen
aufhängt. Wenn allerdings wieder die neuesten Schreckensnachrichten aus der Finanzbranche hereinbrechen, merkt der Leser, dass der wahre Kern der Geschichte groß ist und
stimmen muss. Trotz all der gegenseitigen Anfeindungen hat Anderson immerhin sein Ziel erreicht: Die Finanzbranche hat seine Botschaft registriert. Umdenken muss
jeder alleine.
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