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Ralf Hansen

Montaigne als Jurist und Rechtsphilosoph

Eine Rezension zu:

JUSTITIAS MACHT UND OHNMACHT

Montaigne für Juristen


Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Hans Stilett

Frankfurt: Eichborn-Verlag, 2000, 156 S.
ISBN 3-8218-3496-X

http://www.eichborn.de


Michel de Montaigne ist in erster Linie als skeptischer Existenzphilosoph bekannt, der im Ausgang der französischen Renaissance lebend (AD 1533-1592), "moderne" Denkhaltungen vorweggenommen hat und dessen Werk ungebrochen "aktuell" ist. Sein Hauptwerk sind die weltberühmten "Essais", in drei Bänden erschienen, in denen er die Kunst zu leben, kritisch, überaus kritisch reflektiert. Rückgriffe auf antike Skepsis und Stoa sind dabei nicht selten. Der Herausgeber dieses Auswahlbandes hat sie vor einigen Jahren - im gleichen Verlag - vorzüglich neu ins Deutsche übersetzt. Lesenswert sind sie auch in der "Postmoderne" allemal. Nicht zuletzt im Werk von Montaigne wird die moderne Subjektivität als solche entbunden. Montaigne reflektiert als einer der ersten humanistisch gebildeten Literaten die Lebenswelt aus der Perspektive des mit sich selbst und der Lebenswelt kommunzierenden "Ichs", das die europäische Literatur erst ab dem 18. Jahrhundert beherrschen sollte. Die Beschäftigung mit Montaigne erlaubt Reflexivität in jeder Hinsicht, wird doch durch die Lektüre Montaignes die kritische Selbstreflexion der Gegenwart im Spiegelbild der frühen Moderne ermöglicht, ohne die eine kritische Betrachtung der Gegenwart nicht möglich ist.

Nicht ganz so bekannt wie als Verfasser der "Essais" ist Montaigne als Jurist, der er von seiner Profession her war, mit einer Biographie, die ihn in höchste Ämter der Justiz führte. Als Nachfolger seines Vaters begann seine Karriere beim Steuergericht in Périgueaux und endete 1570 mit der Aufgabe des Sitzes im Parlament von Bordeaux, dem seinerzeitigen königlichen Gerichtshof als oberster Berufsinstanz. Mehrfach wurde Montaigne zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt. Daß er gern Jurist war, läßt sich den Essais nicht entnehmen. Jene Teile, die sich auf Recht und Justiz beziehen, sind überaus kritisch und auch heute noch lesenswert, trotz des Kontextes der Zeitumstände, die von den Hugenottenverfolgungen und dem Aufstand der Fronde gekennzeichnet waren. Hans Stilett hat für seine Auswahl jene Teile der Essais ausgewählt, die sich auf Recht und Justiz beziehen. Kaum jemand hat zu seiner Zeit das Spannungsverhältnis von Recht und Gerechtigkeit klarer reflektiert. Der Existenzphilosoph von Bordeaux hatte immerhin in einem höfischen Staat - aus durchaus konservativer Grundhaltung heraus - Zivilcourage genug, um eine schemenhafte, jeder Gerechtigkeit hohnsprechende Rechtsprechung zu brandmarken und sie ihrer ideologischen Aura in ideologiekritischer Absicht zu entkleiden, in einer beinahe dekonstruktiven Betrachtungsweise, für die heute insbesondere Jacques Derrida steht. Den Kontext stellt der Herausgeber in einer kurzen, aber sehr lesenswerten Einleitung auch für jene Leser her, die sich mit Montaigne und seiner Zeit noch nicht näher beschäftigt haben. Dem hochgebildeten Humanisten läßt sich jedenfalls in der besserwisserischen Ferne der Nachgeborenen nicht nachsagen, er hätte das Recht nur aus der Perspektive eines abgehobenen Aristokraten betrachtet, wie ein hier abgedruckter, überaus kritischer Brief an König Heinrich IV zeigt, in dem Montaigne die Gleichheit der Besteuerung unter angemessener Beteiligung der reichen Stände zum Nutzen des Gemeinwohles forderte. Die ausgewählten Textstellen weisen denn auch auf eine Reflexion der Dialektik von Recht und Gerechtigkeit im Denken Montaignes hin, das sich der Anerkennung dieser Spannung im Ist-Zustand sperrt. Das jeweilige Recht ist in der Tat nie gerecht. In acht Paragraphen werden die herausgelösten Fragmente "systematisiert". Wer sich mit Montaigne vertieft beschäftigen will, muß das Ganze lesen, unbedingt und ohne Zweifel. Manche Stellen erschließen sich vollends erst in diesem Kontext, manche erst auch durch Inbezugnahme der antiken Quellen auf die Montaigne sich stützt. Der Herausgeber hat sehr schöne, lesenswerte Stellen ausgewählt. Auch wurde das Buch mit schönen alten Stichen sorgfältig illustriert.

Ideale Staatsformen verwirft Montaigne mit der ihm eigenen, feinen Ironie, die indessen mit der Übersetzung nur unvollkommen kenntlich gemacht werden kann, so brillant sie ist. Sein Abscheu vor gewaltsamen Neuerungen paßt gut auch noch in unsere Zeit. Eine alte Weisheit ist so aktuell, daß sie immer wieder in Vergessenheit zu geraten scheint: "Doch nicht für die Rechtsprechenden ist die Rechtsprechung da, sondern für den, dem Recht gesprochen werden soll", denn: "Gleichheit ist der Grundpfeiler der Gerechtigkeit". Auch den geringen Nutzen scharfer Generalprävention durch hohe Strafen hatte Montaigne bereits durchschaut, wissend, daß hohe Strafen die Lust auf Laster nicht zu zügeln geeignet sind: "...eines weiß ich aus Erfahrung: daß noch nie ein Gemeinwesen durch Strafen verbessert worden ist. Um Sitte und Ordnung zu gewährleisten, bedarf es anderer Mittel". Nämlich einer soliden Wirtschaftspolitik als bester Sozialpolitik. Früh setzte sich Montaigne auch für die Rechte von Frauen ein, wollte Ihnen auch ein Scheidungsrecht zubilligen, wobei er die römischen Quellen etwas überschätzt, was der guten Absicht aber nichts von ihrem Wert nimmt. Eine Idee deren Umsetzung noch ins 21. Jahrhundert fortdauert, global betrachtet. Seine Auslassungen über die Unmenschlichkeit der Folter, seine recht deutliche Ablehnung der Todesstrafe, jeglicher Grausamkeiten ohnehin, sind auch heute noch ungebrochen aktuell, wenn auch glücklicherweise nicht in seiner europäischen Heimat, denn "wen man henkt, den bessert man nicht". Problematisch sind dabei jene Fälle, die man nicht bessern kann. Ein Montaigne hätte der Philosophie der Aufklärung gut angestanden - er lebte indessen wohl zu früh! Nicht gut weg kommt die Anwaltschaft: "Ihr legt einem Advokaten eure Sache in schlichten Worten vor, und er antwortet euch halbherzig und ohne sich festzulegen; ihr spürt, daß es ihm einerlei ist, ob er für die eine oder die andere Partei die Verteidigung übernimmt. Sobald ihr ihn aber ordentlich bezahlt habt, auf das sein Interesse geweckt werde und er anbeiße - beginnt da nicht sein Herz für euer Anliegen Feuer zu fangen? Und gleichzeitig fängt auch sein Verstand samt Sachkenntnis Feuer: Jetzt zeigt sich seinem prüfenden Blick eine offenkundige, eine unbezweifelbare Wahrheit, jetzt sieht er die Sache in einem völlig neuen Licht, jetzt ist er völlig von ihrer Richtigkeit überzeugt - jedenfalls redet er sich's ein".

Ein schöner Auswahlband für Mußestunden einer angenehmen Lektüre mit äußerst lesenswerten Texten!
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