Jurawelt

Artikel 114
Ralf Hansen

Alles Wissenswerte, in einem Band?

Eine Rezension zu:

Dietrich Schwanitz

BILDUNG
ALLES, WAS MAN WISSEN MUSS
 

Frankfurt/Main: Eichborn, 2000, 540 S., DM 49,-
ISBN 3-8218-0818-7

http://www.eichborn.de
 


I.

Das neue Buch des Hamburger Literaturwissenschaftlers und Bestsellerautors Dietrich Schwanitz hat scheinbar den Nerv der Zeit getroffen, jedenfalls aber den Geschmack eines breiten Publikums. Unter buchästhetischen Kriterien ist das Buch überdies schön gestaltet. In den Bestsellerlisten steht das Buch gegenwärtig ziemlich weit vorn, sicher zur Freude von Verlag und Autor, der mit seinen Thesen in Talkshows gegenwärtig oft präsent ist. Die Bildungsmisere, die Schwanitz konstatiert, ist ein altbekannter Bestandteil neokonservativer Zeitdiagnosen: Wir haben “Schiffbruch” erlitten, wie er sich ausdrückt, wohl nicht nur in dieser Hinsicht. Es gibt keinen - am humboldtschen Ideal orientierten - Konsens mehr darüber, was “Allgemeinbildung” ausmacht, geschweige denn, was zur “Durchschnittsbildung” gehört. Umfragen haben gezeigt, daß viele jüngere Menschen nicht einmal mit den Namen Goethe, Schiller, Heine oder Lessing etwas anfangen können, dafür aber um so mehr mit Wissen für das “Informationszeitalter”, dem die flüchtige Form mehr gilt, als ein dauerhafter Gehalt an tradierter Information, wie er noch durch “klassisches” Wissen symbolisiert wurde. Man braucht dieses Wissen nicht, um einen PC bedienen zu können und im Internet nach Informationen oder anderem surfen zu können. Mit der “technischen Realisation” geht eine geistige Entleerung einher, wie der alte Philosoph Gadamer erst kürzlich wieder konstatiert hat, die aber Teil einer kulturellen Entwicklung ist, und sich im Bildungssystem niederschlägt, ohne dort “therapiert” werden zu können. Das Bildungssystem kann gesellschaftliche “Fehlentwicklungen” immer nur sehr bedingt “korrigieren”, läuft doch insbesondere das schulische Bildungssystem den sozialen und wirtchaftlichen Entwicklungen meist hinterher.

Die von der Gesellschaft der Moderne, einer Weltgesellschaft, gegenüber ihrer Umwelt entwickelte Komplexität kann mit “Allgemeinbildung” allein nicht mehr bewältigt werden, da es immer häufiger auf problembezogenes Wissen ankommt, das nur noch kurzzeitig präsent sein muß, um dann neuem Wissen zu weichen. Der Raum für “Klassik” wird eng, verschiebt sich in den Bereich von “Freizeitinteressen”, wird zum “Hobby”. Komplexität zwingt zur Reduktion und zur Identifikation von problematischen Strukturen. Schwanitz versucht unter den geltenden Bedingungen eines von technischen Anforderungen geprägten Anwendungswissens vom Standort der “Informations- und Wissensgesellschaft” mit der kulturellen Überlieferung neu in das Gespräch zu kommen. Ein Versuch, der grundsätzlich zu begrüßen ist. Das Verstummen der Kommunikation mit der Vergangenheit hätte den Verlust von Zukunft zur Folge. Nicht alles, was alt scheint, ist “musealer Bildungsmüll”. Indessen bietet das Internet inzwischen gerade zum “klassischen” Bereich des Wissens erhebliche “Bildungsmöglichkeiten” außerhalb der institutionalisierten Bildungsökonomie. Der Kotau vor dem Zeitgeist sollte seine Grenzen haben, etwa indem “Modeerscheinungen” hemmungslos “dekonstruiert” und als solche vorgeführt werden. Der kritische Stachel ist bei Schwanitz indessen schwach ausgeprägt.

II.

Schwanitz versucht die Geschichte Europas als “große Erzählung” zu präsentieren und verzichtet auf jeden Versuch einer strukturalen Diskursanalyse. Rückbesinnung auf “Chronologie” soll demgegenüber strukturale Methoden ersetzen (S.29 f), die in der Geschichtswissenschaft seit Michelet und der “Annales-Bewegung” die Forschungsperspektiven erweitert haben und nicht erst von bildungsbeflissenen “Alt68ern” stammen, sondern bereits aus dem 19. Jahrhundert. Scheinbar macht Schwanitz den “Strukturalismus”- bei dem er sich methodisch unter der Hand eifrig bedient -  für unsere Bildungsmisere in einem neurechten Jargon der Undifferenziertheit en bloc verantwortlich und vertauscht damit lediglich die Perspektiven. Seine Darstellungsweise ist dabei von einer “postmodernen” Sicht der Dinge aus neokonservativer Warte wenigstens beeinflußt, wie die inflationäre Verwendung des auf Lyotard zurückgehenden Begriffs der “großen Erzählung” nahelegt, die nirgends präzisiert wird. Die “Erzählung” ist immer dem Mythos nahe und damit der Gefahr der Mythologisierung. Der Historiker indessen, ist der Annäherung an historische “Wahrheiten” verpflichtet, nicht aber eine Geschichte zu “erzählen”. Einflüße der kybernetisch operierenden Systemtheorie blicken allenthalben durch, scheinen aber ebensowenig reflektiert wie das “postmoderne Wissen”. Ob das Buch tatsächlich alles enthält, was man wissen muß, setzt einen Maßstab voraus, den es nicht (mehr?) gibt und im Grunde für eine Allgemeinheit nie gegeben hat. Jeder Mensch muß für sich selbst definieren, wieviel er wovon wissen muß, sofern er nicht gegebenenfalls Prüfungsanforderung (und damit Minimalanforderungen für bestimmte Lebenszeitsabschnitte) internalisiert und zum Angel- und Ausgangspunkt seines Denkens macht. Die schulische Bildung kann immer nur einen Mindestkanon bieten, einen  Ausgangspunkt,, von dem aus eigene Lernerfahrungen gemacht werden müssen. Das Lernen, in der Wissensgesellschaft ein lebenslanger Prozeß, findet heute längst auch in der Privatsphäre statt. Die Grenzen von öffentlichen und privatem Wissen verschwimmen. “Wissensnormierungen” durch “Curricula” bedürfen der “Auslegung” und bieten eine sichere Basis nur für die Ermessensbetätigung der “Erzieher”. Bildung hat seine Funktion heute deshalb noch, weil mit Wissen ein Freiheitsgewinn verbunden ist, auch dann, wenn es über berufsbezogenes Anwendungswissen hinausgeht, in einem Prozeß der theoretischen Neugierde, einer ultimativen Grenzerfahrung.

Im Grunde enthält das Buch lediglich Vorschläge für ein “Meta-Curriculum” vergangenheitsorientierten Zuschnitts, das die Informationsgesellschaft der Zukunft weitgehend außen vor läßt und auch nicht thematisiert wie die Zukunft der Wissensgesellschaft mit der Vergangenheit in ein “Gespräch” treten soll, wie es Gegenstand der Hermeneutik ist.

III.

Das Buch ist unterteilt in einen mit “Wissen” übertitelten ersten Teil und einem mit “Können” übertitelten zweiten Teil, nebst einem informativem Anhang mit einer Zeittafel und zwei Listen von lesenswerten Büchern (nach Auswahl des Verfassers). In der ersten Liste sind Bücher aufgeführt, die die Welt verändert haben. So finden sich dort etwa Namen wie Augustinus (De Civitate Dei) und Thomas von Aquin (Summa Theologica), aber es fehlen Namen wie Aristoteles, Platon, Cicero, William of Ockham, Newton oder Leibniz, von den großen Texten der Buchreligionen ganz zu schweigen, die aber im Wissensteil durchaus behandelt werden. Ein derartiges Vorgehen ist inkonsequent. In der anderen Liste sind Bücher aufgeführt, die zum Weiterlesen geeignet sind. Ob allerdings auch das Werk von Illig über das vermeintlich erfundene Mittelalter dazu gehört, kann mit Fug und Recht bezweifelt werden. Es erzählt eine Geschichte, die einem Romanautor alle Ehre gemacht hätte, die aber mangels Nachweisen in einem Sachbuch den Autor qua möglicher Falsifikation wissenschaftlicher Lächerlichkeit preisgeben. Manchen unbefangenen Leser dürfte aber manches dort genannte Buch, wie etwa das Werk von Luhmann über “Soziale Systeme” hart fordern. Luhmann hat übrigens mit “Die Gesellschaft der Gesellschaft” eine letzte Lesart seiner Systemtheorie vorgelegt, die von diesem ersten “allgemeinen Teil” seiner Soziologie partiell erheblich abweicht. Subjektiv sind solche Selektionen stets allemal. Niemand kann verläßlich festlegen, was “man” lesen muß, wenn gleichwohl konstatiert, daß dieses “man” mit der Auflösung der bürgerlichen Kultur in einer “postmodernen” Ordo der Beliebigkeit untergegangen ist.

“Man” kann nicht die eine Geschichte Europas erzählen. Derartige Kontinuität, die von einer Chronologie suggeriert wird, wird immer erst vom Erzähler hergestellt. Es gibt keine Chronologie von Ereignissen, da die damit hergestellte Kausalität (im Sinne einer Verknüpfung zwischen Grund und Folge) zwischen den genannten Ereignissen illusionär ist, auf Fiktionen beruht. Geschichte entwickelt sich keineswegs nur in den “langen Wellen” einer Ereignisgeschichte. Die diskursiven Formationen, ihre Strategien und Einheiten bedürfen zu ihrer Rekonstruktion des Denkens der Diskontinuität und der Reflexion auf Schwelle, Bruch, Einschnitt, Wechsel und Transformation. Kurze und lange Wellen überkreuzen, trennen, vereinigen sich. Schwanitz erzählt denn auch verschiedene Geschichten Europas, die Geschichte der europäischen Geschichte, die Geschichte der Kunstgeschichte, der Musikgeschichte, der Literaturgeschichte, der Philosophiegeschichte und auch eine Geschichte der Geschichte der Geschlechterdebatte, deren Diskurse verschränkt sind, ohne ineinander aufzugehen. Es handelt sich (in der Terminologie Max Webers) um ausdifferenzierte Wertsphären, die einander gegenseitig durchdringen, sich aber eigengesetzlich entwickeln, wobei gerade die Sphären der Kunst, Musik und Literatur eine Ungleichzeitigkeit aufweisen, die der Geschichte der gesellschaftlichen Entwicklung avantgardistisch vorauseilt.

Das Buch würde in Deutschland kaum jemand interessieren, enthielte es nicht zeitdiagnostische Elemente eines viel beschworenen Verfallsparadigmas. Allerdings ist die Kennzeichnung der ideologischen Bildungsblöcke zwischen CDU/CSU und SPD nicht mehr völlig aktuell, nachdem die SPD am vielgescholtenen Gesamtschulkonzept nicht mehr konsequent festhält, dessen Scheitern Schwanitz für die Bildungskatastrophe (in den betreffenden Ländern) maßgeblich verantwortlich macht, ohne über die Ursachen dieses Scheiterns Worte zu verlieren. Vielmehr scheint die SPD sich Bildungskonzepten anzunähern, die von der CDU vor 25 Jahren vertreten wurden. Ob ein Abiturient in NRW tatsächlich weniger leisten muß, als ein bayerischer Abiturient ist eine modische, sehr plakative These, die mit nichts belegt wird. Tatsächlich richten sich die Vorwürfe der Arbeitgeberverbände gegen die Struktur der Ausbildung insgesamt. Ob sie zutreffen - und wenn, warum sie zutreffen - steht soziologisch auf einem anderen Blatt, das Schwanitz keiner differenzierten Erörterung wert ist, da er die Entwicklung zur Wissensgesellschaft der reflexiven Moderne außen vor läßt. Auch der Zusammenbruch der schulischen Normensysteme (geeigneter Therapieansatz: Wiedereinführung von “Kopfnoten” zur Disziplinierung?) wird nur äußerst plakativ entwickelt. Manches entpuppt sich bei näherer Analyse als unbegründetes Vorurteil. Auch das System schulischer Sanktionen wird in einer Weise gesehen, die den Rückgang auf Strukturen preußischer Erziehungsanstalten wenigstens nahelegt, in der der “Insasse” eines “besonderen Gewaltverhältnisses” ohne Rechte und Beteiligungsmöglichkeiten blieb. Die diesbezüglichen Verwaltungsprozesse, die um entsprechende Sanktionen geführt werden, sprechen eine andere Sprache. Schwanitz beschwört das Bild der “Horrorschule” als Regel, ohne indessen die wichtige Thematik “Gewalt in Schulen” (und ihre Ursachen) auch nur anzuschneiden. Dem Thema “Rechtsextremismus in Schulen” geht er ohnehin elegant aus dem Weg. Seine “Rezeptur” besteht hauptsächlich aus Versatzstücken hinlänglich bekannter neokonservativer Zeitkritik und summt den Refrain altbekannter Verfallstopoi: Der Verlust des Maßstabes verlangt die Definition neuer Maßstäbe, um eine verfallene Ordnung neu begründen zu können, deren Verlust zur Degeneration einer sakrosankten Ordo geführt hat. Gewinnen will er den Maßstab anhand einer Besinnung auf den “Eros des Westens”, indem er den Blick auf die Verwestlichung Deutschlands, natürlich mit Blick auf die Markierung “1989” richtet, die aber schon lange vor dem Zerfall der Staaten des “realsozialistischen” Ostens eingesetzt hatte, deren Panoptismus durch Kommunikation aufgebrochen wurde. Was man wissen muß (und was nicht), hängt nicht zuletzt von den sozialen Rollen ab, die ein Mensch in der Gesellschaft einnimmt. Immerhin erfährt der Leser aber so wissenswerte “Tatsachen”, wie den Umstand, daß die “politische Linke” (was immer das noch sein mag) eher einen Hang zu Meinungsterror und Ketzerverfolgung aufweist, als die wesentlich tolerantere “politische Rechte”, die als militante Variante rechter Ideologie lieber gar nicht erst diskutiert und gleich lieber auf alles als “anders” Definierte einschlägt oder aber sich in neurechten Zirkel in Hinterzimmern isoliert. Die “Wahrheit” dürfte auch hier eher in der Mitte liegen. Manche Stellen der Buches erwecken den Eindruck, als wären sie ein Anwendungsfall der “Studien über Vorurteile”.

IV.

Der Einstieg ist “klassisch” angelegt, wenn auch unvollständig. Neben dem sog. “Alten Testament”, der Bibel der Israeliten (die auch den Koran ebenso nachhaltig beeinflußt hat, wie das neue Testament) wird als europäischer Kerntext das unter dem Namen Homer überlieferte Werk vorgestellt (“Ilias” und “Odysee”). Völlig vergessen wird ein Werk, das für die Antike mit Homer zusammengehörte: die “Theogonie” (und weitere Werke) des Hesiod (“Werke und Tage”), eine altgriechische “Genesis” von weitreichendem Einfluß. Doch nicht einmal der Name taucht im Stichwortregister auf. Wenn es anderswo heißt “Der Verfasser der Bibel war Gott”, erfolgt schlicht eine mythologische Aussage, da die Texte der Buchreligionen von Menschen niedergeschrieben wurden, die sich auf göttliche Inspirationen berufen haben (in der katholischen Theologie etwa ist diese Frage übrigens nicht ernsthaft umstritten). Wenn ausgeführt wird, “Wer sagt, ich glaube nicht an Gott, meint nicht Zeus, sondern IHN”, also den Gott der Bibel, ist dies arg vereinfacht, kann doch auch Allah gemeint sein oder Jave oder Schiwa, zumal man auch alle Metaphysik mit einem antimetaphysischen Gestus ablehnen kann. Ob dies sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Etwa der Gott der Stoa war sicherlich nicht Jave, aber der Gott der Christen hat viel vom Gott der Stoa. Die gegenseitigen Transformationsprozesse der antiken Religionen beiseite zu lassen, ist ein schwerer Mangel der Darstellung. Die Überkreuzungen der Buchreligionen in der Geschichte des Mittelmeeres, wie sie etwa Bultmann analysiert hat, werden schlicht ignoriert. Nicht zuletzt die Transformationen von Stoa und Neuplantonismus in christliche Ethiken bilden einen erheblichen Einfluß der früh- und hochmittelalterlichen Theologie. Was die Geschichte der Antike betrifft, werden die wesentlichen Punkte kurz angerissen, manchmal überfliegerhaft abgehandelt, oftmals arg oberflächlich dargestellt. Wer mit diesem angelesen Wissen irgendwo auffallen möchte, wird eher peinlich auf sich aufmerksam machen. Kaum jemand, der mit der antiken Literatur- und Philosophiegeschichte nicht vertraut ist (dann dürfte allerdings das Grauen im Leser heraufziehen), wird mit solchen “informativen” Sätzen zu Platon und der Fortentwicklung der “akademischen Philosophie” etwas anfangen können: “Mit dieser Teilung der Welt in Diesseits und Jenseits begründet Platon die Metaphysik (jenseits der Physik) und den Idealimus. Damit legt er für die kommende Philosophie fest, an welchen Problemen sie sich abarbeiten muß, und er ermöglicht - wenn auch erst durch die Wiederaufbereitungsanlage des Neu-Platonismus unter Aufsicht des Plotin (204 - 270) - eine Liebschaft zwischen Christentum und Philosophie während der Renaissance” (S.57). Unabhängig davon, daß diese “Liebschaft” ein Produkt bereits des hohen Mittelalters war, dürfte es am Rande philosophiehistorischer Verfälschung sein, den - in der Spätantike überaus einflußreichen - Neuplatonismus lediglich als “Wiederaufbereitungsanlage” zu bezeichnen, da er zahlreiche Differenzen mit der “alt-, mittel- und neuakademischen” Lesart der Werke Platons aufwies. Nicht umsonst war der Text des Boethius über den “Trost der Philosophie” einer der einflußreichsten Texte des Mittelalters und der frühen Neuzeit (gemessen auch an der Anzahl der überlieferten Handschriften), den zu erwähnen sicher unnötig war. Textwirkungen aber, lassen sich chronologisch kaum erfassen, da sie auf Anknüpfung angewiesen sind, die sich jenseits der diskursiven Strategie einer kontinuitiv verstandenen “lange Welle” bewegen. Wer Utopien unterstellt, sie hätten “von Anfang an” (also seit Platons “Staat”) einen totalitären Zug aufgewiesen, müßte über einen operationalisierbaren Begriff des “Totalitarismus” verfügen, der für die Antike verwendbar ist. Ironischerweise wird heute ja eher der Begriff “Vision” verwendet. Gemeinhin rächt es sich, moderne Begriffsbildungen einfach auf antike Verhältnisse zu übertragen. Ein Umstand, der sich bei der Lektüre der römischen Geschichte von Theodor Mommsen förmlich aufdrängt. Derartige Formulierungen mögen “poppig” sein, deuten aber nicht auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Materie hin und leisten eher Mythenbildung Vorschub, als rationaler und kritischer Auseinandersetzung. Ein Autor der dies unternimmt, setzt sich dem Vorwurf des Manipulationsversuches beim unbefangenen Leser aus. Noch besser wird es bei den wenigen Sätzen zur Stoa, die sich insbesondere unter Nero (gemeint ist wohl der Einfluß Senecas) einer großen Beliebtheit erfreut haben soll (S.60), nachdem sie bereits unter den Scipionen im zweiten Jahrh. vor Chr. ihren Siegeszug in Rom angetreten und das römische Bildungsideal der paidaia in der Republik nachhaltig geprägt hatte, wie etwa die Auseinandersetzungen des Skeptikers Marcus Tullius Cicero mit der Stoa nahelegen. Die Kennzeichnung der Persönlichkeit Neros als vom “Hitlersyndrom” gepackt (vielleicht eher umgekehrt?), dürfte ebenfalls eher untauglich sein, die Problematik der antiken Tyrannis zu erfassen. Dazu paßt, daß Paulus als der “christliche Trotzki” (S.72) bezeichnet wird und ständig kaum Vergleichbares verglichen wird. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, das Ganze gleich als Comic zu präsentieren.

Die Zeit Karls des Großen wird gleich zum Anlaß genommen, dem Problem der deutschen Nationenbildung nachzugehen, obwohl Nationen erst in der frühen Neuzeit sich herausbildeten und Karl der Große sicher gut Fränkisch und Latein sprach, aber sicher kein “Deutsch”. Nichtsdestoweniger zieht der Verfasser aus seinen Betrachtungen zur deutschen Nationenbildung ein “klares” Fazit: “Merke: Wir müssen unseren ethnisch-sprachlichen Nationenbegriff aufgeben und den der anderen annehmen. Also: Deutscher ist nicht der, dessen Eltern deutsch sprechen, sondern der, der hier leben will und sich zum Grundgesetz bekennt, auch wenn er deutsch mit einem Schweitzer Akzent spricht, weil er Gastarbeiter in Zollikhofen war”. Präzise Aussagen, die keiner Auslegung bedürfen, schon gar nicht einer Bestimmung des Nationenbegriffes nach dem geltenden Verfassungsrecht der Bundesrepublik Deutschland, zumal sich der Nationenbegriff übrigens mit der Entwicklung von Nationen selbst verändern kann. Hier nicht von neurechtem “Dahergequatsche” zu reden, fällt schwer. Wer es noch nicht gewußt hat, dem wird der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit klar vor Augen geführt: “Irgendwann im 15. Jahrhundert verliert das Mittelalter die Puste, und als es 1500 wird, hat die Neuzeit begonnen. In der Zwischenzeit hat der Mensch die Schwelle zu einer neuen Dimension überschritten” (S.92). Immer wieder erfolgt der Bezug auf den Thesenanschlag Luthers in Wittenberg und dessen Folgen. Die Wirkung der Reformation, die bekanntlich eine heftige Gegenreformation ausgelöst hat, wird wenigstens ansatzweise vermittelt. Soweit indessen Luthers “Hier stehe ich und kann nichts anders” als historische Wahrheit in Bezug genommen wird, sei erwähnt, daß diese Äußerung durch nichts belegt ist. Legenden aber als historische “Wahrheit” zu präsentieren, ist historisch unredlich. Hier entpuppt sich “Erzählung” als Mythologisierung.

Die Konstitution der Moderne wird auf das Jahr 1763 fixiert (S.150), die dafür aufgeführten Gründe sprechen aber eher gegen eine solche Fixierung auf eine bestimmte Jahreszahl, zumal erst das Zusammenspiel von amerikanischer und französischer Revolution den Bruch mit der absolutischen Ordo herbeigeführt hat, die allerdings in einem langen Ringen mit dem Rückschlag durch das Modell des “Wiener Kongresses” erfolgte. Tatsächlich erfolgen Umbrüche evolutionär (oftmals in Sprüngen) und sperren sich einer einfachen chronologischen Einordnung. Interessant sind auch die Ausführungen zum Hitler-Fachismus, dessen Simplifizierung ein Vorschub geleistet wird, der grundsätzlich nur Kopfschütteln hervorrufen kann. Die Erklärung des Erfolges der deutschen Faschisten ist in ihrer Simplizität unannehmbar. Einmal haben sich die “Serienkiller” nie als “Altruisten” (die Lektüre bereits des ersten Programmes von 1920 beweist dies) hingestellt, sondern - ausweislich ihrer politischen Texte - stets wissen lassen, was die Deutschen mit ihnen zu erwarten hatten. Niemand kann sagen, er hätte es nicht habe wissen können. Zum anderen wird die Vorgeschichte im wilhelminischen Zeitalter des Imperialismus und Militarismus unterschlagen, aufgeheizt durch die erstmalige Benutzung von Massenmedien als Instrument der politischen Indoktrinierung. Die deutschen Eliten hatten zu diesem Zeitpunkt nicht eine Spur jener “politischen Moral”, deren Verlust Schwanitz geltend macht, denn: sie waren nicht demokratisch, sondern weitgehend autoritär sozialisiert. Ihr größter Teil mußte nicht gleichgeschaltet werden, sondern lag auf dem Niveau des braunen Sumpfes, der Deutschland jetzt wieder zum Erschauern bringt, obwohl die Entwicklung seit Jahren absehbar war - und wieder nichts unternommen wurde. Die Geschichte der politischen Justiz in der “Weimarer Republik”, die Schwanitz nicht reflektiert, spricht eine deutliche Sprache. Die politischen Eliten unserer Tage haben jetzt die Gelegenheit ihre Zivilcourage unter Beweis zu stellen. Zum “Händler” zu werden, um mit Erich Fried zu sprechen, und die Opfer des Hitler-Faschismus in billiger Weise gegen die Opfer des Stalinismus auszuspielen, besteht kein Anlaß (S.199). Schwanitz ist der Umstand einer antikommunistischen und antistalinistischen Linken und einer liberalen Bürgerrechtsbewegung im Nachkriegswesten wohl entgangen. Und daß wir jetzt endlich in der Moderne angekommen sind? Ja, wer hätte das nicht gewußt!

V.

Wesentlich lesenswerter ist das Kapitel über die europäische Literatur, die erst einmal eine Formenlehre bietet. Ob allerdings die Romantik als Literaturform von Bürgern, die von Gleichheit und Freiheit träumten richtig charakterisiert wird, scheint überaus zweifelhaft, war doch der Gleichheitstopos in der Romantik gegenüber der Literatur der Aufklärung wesentlich zurückgedrängt. Die wesentliche Funktion der Romantik war die Entbindung von Individualität, die den Autor zum originären Schöpfer des Eigenen machte, wie Schwanitz durchaus verdeutlicht. Goethe wird aber ebenfalls gleich zum Romantiker erklärt, da seine Form von Weltliteratur, da er sich mit der (“romantischen”, tatsächlich?) Geschichtsphilosophie Hegels in Übereinstimmung befand, der allerdings nichts anders verallgemeinert haben soll, als die Herausbildung menschlicher Identitätsfindung, wie sie Goethes Literatur maßgeblich beherrscht. Vielleicht findet sich jemand, den dieser Ansatz überzeugt. Immerhin läßt Schwanitz seine “Geschichtserzählung” der Literaturgeschichte mit Dantes “Göttlicher Komödie” gewinnen. Die Biographie Skakespeares (und er selbst als Autor) werden auch gleich für bare Münze genommen, obwohl der Autor hinter dem Autor immer greifbarer wird. Nichtsdestoweniger ehrt die Verehrung für Skakespeare den Autor. Was “sprachliche Kernfusion” bei Skakespeare ist, wird aber wohl für immer sein Geheimnis bleiben, da sich Literaturkritik kaum mit sprachlichen Mitteln der Kernreaktionsforschung angemessen durchführen lassen dürfte. Die deutschen Klassiker werden angemessen gewürdigt, selbstredend auch der “Faust”, den jeder für sich selbst neu entdecken kann. Der Roman allerdings, heute die vorherrschende Literaturgattung, wurde in Deutschland des 19. Jahrh. wenig gepflegt. Gewagt scheint es, Stendhal auf “Rouge et noir” zu reduzieren, der mit der “Kartause von Parma” und dem Romanfragment “Lucien Leuwen” einen waghalsigen Gang über das Seil der Trennung von Realismus und Romantik ging, die insbesondere die französische Literatur tief geprägt hat. Bezeichnend ist auch die Behandlung des “Ulysses” von Joyce ohne Erwähnung von “Finnegans Wake”. Ob man über das eingeflochtene “Theaterstück” lachen oder weinen soll, in dem sich “Dr. Godot” mit einigen “Großliteraten” dieses Jahrhunderts trifft, mag jedem einzelnen überlassen bleiben. Peinlich wirkt es allemal.

Auch die Kunst findet ihre Darstellung, geordnet nach den üblichen gewordenen “Schubladen”. Hier erfährt der Leser allerdings wirklich Grundlegendes über die Epochen der bildenden Kunst. So werden etwa die Unterschiede zwischen Rubens und Rembrandt - die größer nicht sein könnten - vertraut gemacht. Auch auf Velàsquez wird eingegangen, selbstredend anhand der Interpretation der “Hoffräulein” durch Michel Foucault, die mal eben im Vorbeigehen widerlegt wird, obgleich Foucault im Kontext von ”Les mots et les choses” dieser Interpretation eine Funktion zuwies, die dem Verfasser entgangen sein muß. Ein Rundgang durch die Geschichte der Musik will uns die Kostbarkeiten der “Klassik” wieder nahebringen. Die großen Ähnlichkeiten zwischen Beethoven und Brahms, die dort behauptet werden,  müssen dem Rezensenten aber bisher entgangen sein. Die “Belcanto-Kultur” wird mit einem Satz gestreift, Wagner ausführlich gewürdigt (möglicherweise wegen seiner deutschen “Tiefe“). Ein wenig Jazz ist auch dabei.

Die Geschichte der Philosophie bietet Kurzreferate zu den bedeutendsten Philosophen der Neuzeit, beginnend mit dem Philosophen des “Cogito”, also Descartes. Spinoza bleibt unerwähnt, dafür finden sich Einschätzungen zu Leibniz, über die sich streiten ließe, zumal die “nationalen” Einflüße, in einer Zeit, die erst die Geburt der Nationen vorbereitete, überbetont werden, wie sich auch an der Darstellung über Rousseau zeigt, der ja - nach Schwanitz - eigentlich ein Deutscher sein müßte, der ja die Deutschen erst möglich gemacht hat, als “Kompromiß” zwischen einem Deutschen und einem Franzosen, als Schweitzer. Die Ausführungen über Kant, lassen vom revolutionären Potential dieses Denkens kaum etwas ahnen. Gespannt sein durfte man auf die Conference zu Hegel, der nach der Auffassung von Schwanitz Geschichte und Philosophie zu einem Roman gemacht hat, wenigstens der Form nach. Ob es Ideologien aber erst seit Hegel gibt, mag mit Fug und Recht bezweifelt werden. Wir kommen zu Marx, der überaus “kenntnisreich” auf einer Dreiviertelseite vorkommt, um dann gleich zu Schopenhauer zu wechseln, dessen zentrale Rolle für den Diskurs der Existenzphilosophie ansprechend gewürdigt wird, um allerdings dann Nietzsche in einer Oberflächlichkeit abzuhandeln, die ihresgleichen sucht. Heidegger wird auf den Heidegger von “Sein und Zeit” reduziert, seine Rolle als nationalsozialistischer Philosoph kurz angesprochen, um damit zu schließen, daß, wenn Hannah Arendt ihm verziehen hat (auf die nicht weiter eingegangen wird), wir dies auch können. Der philosophische Diskurs zielt indessen nicht auf Verzeihung, sondern auf hermeneutische Auseinandersetzung mit Texten, auch denen des späten Heidegger. Amerikanischer Pragmatismus und englischer Utiliarismus kommen ebensowenig vor, wie etwa die Existenzphilosophie Sartres. Im Grunde ist dies alles überflüssig, da sich derartige Theorien am “Theoriemarkt” für Schwanitz ohnehin nur durch ihre zeitgenössische “Trendfähigkeit” auszeichnen, also beliebig austauschbar sind, weshalb die “Ismen” einer kurzen ideologiekritischen Betrachtung ohne wissenschaftlichen Irrtumsvorbehalt unterworfen werden, wobei übersehen wird, daß der politische Liberalismus in Deutschland durchaus wieder an Boden gewonnen hat und sowohl Sozialdemokraten als auch Konservative erhebliche Anleihen beim politischen Liberalismus machen, der weltweit im Vordringen befindlich ist, wie die Geschichte der Menschenrechte (sie kommt nicht vor) nahelegt. Anders wäre die Erfolgsgeschichte des deutschen Grundgesetzes nicht erklärbar. Eigentliches Anliegen des Verfassers ist es aber, seine “Haßtiraden” auf “alte 68er” endlich einmal loszuwerden und sich (endlich?) zu “Frankfurter Schule” und “Neostrukturalismus” zu äußern, wobei lediglich die Frage offen bleibt, ob Adorno oder Marcuse, Foucault oder Derrida Anspruch auf den Ehrentitel eines “Sokrates des 20. Jahrhunderts” haben, denn Adorno “hat (...) die politische Urteilskraft einer ganzen Generation ernsthaft beschädigt. Die Sprache der kritischen Theorie ist >mega-out<. An ihr erkennt man die alten 68er. Freilich sitzen diese in vielen Chefsesseln des Kulturbetriebs; und wer da hinein möchte, sollte den Frankfurter Dialekt lernen”. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Positionen unterbleibt indessen erwartungsgemäß. Die ihnen unterstellte Emphase wird lediglich umgekehrt und für sich selbst in Anspruch genommen. Irrtum ausgeschlossen, auch auf Karl Popper wird nicht näher eingegangen. Habermas wird in einem Satz erwähnt, er ist ja nicht weiter wichtig. Ein paar Worte fallen über Foucault, um dann bei dem “unverständlichen” Jacques Derrida zu landen, dessen Philosophie in den USA heute übrigens oft als “critical theory” bezeichnet wird. In diesem Kurzreferat finden sich schwere Fehler, so wird etwa völlig übersehen, daß die Grundannahmen von Saussure bereits dem Nominalismus des späten Mittelalters (Bacon, Ockham) vollständig geläufig waren und den Kern der linguistischen Kritik am metaphysischen System des Aquinaten ausmachten. Die Struktur des assertorischen Satzes war bereits den mittelalterlichen Grammatikern durchaus vertraut. Die Semiotik von Eco ist dem Verfasser keine Erwähnung wert, obwohl gerade er der Literaturtheorie erhebliche Anstöße gegeben hat. Derrida bezieht sich übrigens bei seiner inzwischen geläufigen Trennung des Signifikanten vom Signifikat maßgeblich auf Roland Barthes. Tatsächlich ist die Annahme kaum verfehlt, daß der Sinn nicht da ist, wo man ihn vermutet: in der Anwesenheit des Wortes, daß auf einen abwesenden Sinn verweist, der erst “dekonstruiert” werden muß, um den Diskurs von Sprache und Herrschaft aufzubrechen. Für wen das ein “Karneval des Sinns” ist, mag dies so sehen, überzeugend dargelegt wird es nicht. Wie an einem Fallbeispiel werden diese “Weisheiten” schließlich auf die „Geschichte der Geschlechterdebatte” angewandt, der wenigstens ein paar positive Seiten abgewonnen werden, da die Durchsetzung der Gleichberechtigung von Mann und Frau/Frau und Mann ja doch irgendwie berechtigt ist, zumal der “verstärkte Einfluß der Frauen auf die Kultur das zivilisatorische Niveau einer Gesellschaft jedenfalls erheblich erhöht hat”. Zu einer Analyse der Unterdrückung der Feminität konnte sich der Verfasser indessen doch nicht recht durchringen.

Adorno hätte - um ein Urteil über dieses Buch gebeten - sich wohl dahingehend geäußert, daß Weisheiten eines Halbwissens verbreitet werden, die nicht einmal eine Vertiefung des hier angezeigten Halbwissens erlauben würden, so daß der Intention, die Bildungsmisere zu beenden, wenn auch ungewollt, gerade entgegengewirkt wird. Dies mag übertrieben sein, aber der Verfasser vermittelt das notwendige Wissen nur durch seine “Brille”, was es erleichtert, seine Argumentationsschablonen als überaus einseitig zu entlarven. Alles, was man wissen muß, wird hier nicht geboten und kann auch nicht geboten werden, da es an einem solchen Maßstab bereits fehlt. Es werden ein paar Häppchen in lockerer Sprachverpackung serviert, die beim Leser vortäuschen, ihm würde Wissen vermittelt. Tatsächlich handelt es sich um eine arg modische, ziemlich oberflächliche, aber den Geist der Zeit treffende Conference über einen Bildungskanon, durchsetzt mit den üblichen Klagen über die Misere unserer Kultur. Nichts sonderlich Originelles also. Das Buch mag ein Bestseller sein, lesen muß man es nicht unbedingt.
 

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