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Artikel 169
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Ralf Hansen
Arbeitsgesellschaft und Weltbürgergesellschaft:
Zur Zukunft von Arbeit und sozialer Demokratie
Eine Literaturkritik zu:
Ulrich Beck
Schöne neue Arbeitswelt - Vision: Weltbürgergesellschaft
Reihe: EXPO 2000, Band 2
Frankfurt/Main: Campus-Verlag, 1999, 255 S, DM 49,80
ISBN 3-593-36036-5
I.
Bereits der Titel dieses vieldiskutierten Buches des kreativen Münchner Soziologen Ulrich Beck (http://www.soziologie.uni-muenchen.de; http://www.lrz-muenchen.de/~Soziale_Welt/) enthält eine
vieldeutige Anspielung: Er zielt auf eine Art Antithese zur "negativen Utopie" der "Brave New World" des Aldous Huxley (Huxley, 1982) über eine totalitäre
Weltgesellschaft, in das einzelne Individuum zum Funktionsträger einer nicht mehr politischen, aber in jeder Hinsicht "fordistischen", Ordnung verkommt, in der Widerstand
nicht mehr möglich ist, Staaten aber durch die Herrschaft eines Weltkonzerns rationalisiert ist. Ein derartiges "System" ist auf staatliche Macht nicht mehr angewiesen.
Niemand kann diese Ordo mehr in Frage stellen. Mit der Gegenvision "Weltbürgergesellschaft" werden Auswege aus dem postmodernen Versuch des Einrichtens in der Krise, geradezu
unterstellt. Es ist der Versuch eines Entwurfes für eine Weltbürgergesellschaft, die weder einem neoliberalen Marktabsolutismus mit der Folge der "Brasilianisierung des
Westens", noch einer nach "1989" obsoleten postsozialistischen Romantik huldigt. Ein solcher Ansatz bewegt sich notwendig zwischen Skylla und Charbidis zweier
"Konservatismen": Eines linken Strukturkonservatismus, der auf die Erneuerung eines staatlich wenigstens angeleiteten Kollektivismus setzt und andererseits eines neurechten
Konservatismus, der die politische Regulation von den Imperativen eines blind operierenden Marktes abhängig macht, um mit neoliberalen Politikansätzen eine verheißungsvolle
"Fusion" einzugehen (Giddens, 1997, S. 27 ff, 64 ff, 84 ff).
Ein derartiger Ansatz, muß sich damit auseinandersetzen, was die Moderne im gesellschaftlichen Kern auszeichnet: Genese, Konstitution und Zerfall einer bürgerlichen
Arbeitsgesellschaft. Der Bürger der Moderne ist, wie Beck es treffend ausdrückt, ein "Arbeitsbürger". Mit dem Zerfall der Arbeitsgesellschaft geht eine deutliche
Identitätskrise der "postindustriellen Gesellschaft" (Bell) einher, die entweder in vergangenheitsorientierten Beschwörungen mehrerer Lesarten, in einem "postmodernen
Einrichten" in der Krise oder mit deren Bewältigung hin zu einer neuen Art von Gesellschaftsformation hin überwunden werden kann. Letztere Alternative ist die "Vision", die
Ulrich Beck entwirft. Er will nach der Beschwörung des Endes, nach dem Anfang fragen, der in jedem Ende verborgen ist (Beck, Das Zeitalter der Nebenfolgen und die
Politisierung der Moderne, in, Beck/Giddens/Lash, 1996, S. 19).
II.
Es ist kein Geheimnis, das die Internationalisierung der Wirtschaft, die jenes Phänomen maßgeblich ausgelöst hat, das man "Globalisierung" nennt, die Grundlagen der
Arbeitsgesellschaft des sog. "postfordistischen Regulationstyps" erheblich erschüttert hat (eingehend, Rifkin, J., 1997). Becks Vision der "Weltbürgergesellschaft" (da
der Begriff der Utopie nach ihrer Erschöpfung nachhaltig diskreditiert ist, greift man wieder zum säkularisierten, weil verheißungslosen "Eschaton" der "Vision") setzt eine
Theorie der Globalisierung voraus. Konsequent setzt Beck daher mit einer Argumentation ein, die sein wichtiges Buch über die Globalisierung (Beck, 1997b) abschließt:
Die These von der "Brasilianisierung des Westens" (ebd., 266 - 268), die auf dem Ansatz einer "Politischen Ökonomie der Unsicherheit" beruht. Sie zu entwickeln, ist kaum
jemand berufener als der "Vater der Risikogesellschaft" (Beck, 1986), dessen "Soziologie des Risikos" zahlreiche internationale Debatten in allen Disziplinen angestoßen
hat, wenn auch in der Rechtswissenschaft nur zaghaft (Winter, 1998, 518 - 528). Diese "politische Ökonomie der Unsicherheit" geht von einer noch nicht völlig
ausgearbeiteten Theorie der Globalisierung aus, die Ulrich Beck für die internationale Debatte zahlreiche Ansätze verdankt (Beck, 1998 a und 1998 b, einige bereits
angekündigte Bände sind noch nicht erschienen).
Seine Auffassung von Globalisierung als Zivilisationsprozeß, der nicht auf "wirtschaftliche Internationalisierung" verkürzt werden kann, heißt die Kernfrage der gegenwärtigen
Soziologie zu entfalten: "In welcher Gesellschaft" leben wir?". Einer Frage der Beck bereits in seinem vieldiskutiertem Vortrag auf dem 25. Deutschen Soziologentag (1990)
nachgegangen ist (Beck, 1995, S. 11 - 30). War die erste Moderne noch durch Territorialisierung, Nationalstaat, nationalem Industrialismus und national orientierter
Politik und Kultur gekennzeichnet, haben sich demgegenüber die Akzente in der zweiten Moderne erheblich verschoben. Soziales und politisches System sind durch eine
Enträumlichung der Kommunikation gekennzeichnet, der eine Virtualisierung der Kommunikationsprozesse korrespondiert, die jeder "Verörtlichung" widerstreitet. Früh schon hatte
Niklas Luhmann angesichts der Entgrenzung gesellschaftlicher Kommunikation, die im Kern Gesellschaft ausmacht, den Terminus der "Weltgesellschaft" geprägt (s. zuletzt 1997,
145 ff; Ders., in, Beck, 1998 b, S. 345 ff). Eine Globalisierungtheorie muß letztlich kommunikationstheoretisch ansetzen, um eine Theorie er sozialen Differenzierung zu
entfalten, die komplex genug ist, diese evolutionären Entwicklungen kritisch aufzunehmen. Selbstredend lassen sich Strukturen von Globalisierung bereits in der von Beck so
genannten "Ersten Moderne" ausmachen, die sich am Anwachsen wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Interdependenzen festmachen läßt und damit auf Kommunikation beruhen.
Beck spricht in diesem Zusammenhang von "additiver Globalisierung", wohingegen die "substitutive Globalisierung" der "Zweiten Moderne" vorbehalten ist. Diese Form von
Globalisierung ist eine Folge reflexiver Modernisierungsprozesse, die über die Herausbildung von Nebenfolgen die bisherige funktionale Differenzierung in Frage stellt
(näher: Beck, 1996, S. 64 ff). Der Terminus der "Zweiten Moderne" enthält eine deutliche Antithese zur "Postmodernität" (begriffsbildend, Lyotard, 1986), da sie
ein "nach-der-Moderne" deutlich verneint. Das additive Verständnis führt zu einem "Aufprall" der Globalisierung auf ein territorial fixiertes Gesellschaftsverständnis, das mit
einer Mythisierung der nationalen Herkunft einhergeht, die ausschließlich moderner Natur ist (S. 29 f; näher, Münch, 1993, S. 42 ff).
Unter Geltung des Paradigmas der "Zweiten Moderne" werden diese territorialen Fixierungen fragwürdig, da das (ohnehin stets fragwürdige und ideologieverdächtige)
Deckungsverhältnis von Staat und Gesellschaft kaum mehr auszumachen ist, ohne das sich klare Grenzen zwischen Staat und Zivilgesellschaft schon deutlich bestimmen ließen. Im
Vollzug der Deterritoralisierung des Sozialen, drängen Wirtschaft, Politik und Kultur zunehmend über nationale Grenzen hinweg und machen die "Grenze" vollends zu einem rein
virtuellen Ereignis: "Dem globalen Kapitalismus entspricht ein Prozeß kultureller und politischer Globalisierung, welcher Territorialität als Ordnungsprinzip von Gesellschaft
- und als Ordnungsprinzip des kulturellen Wissens, auf dem die vertrauten Selbst - und Weltbilder beruhen - aufhebt" (S.30). Souveränitätsverluste der Staaten liegen ohnehin
offen zutage, auch wenn darauf mit Renationalisierungen reagiert werden kann (Giddens, A., 1995, S. 84 ff). Der völkerrechtliche Souveränitätsbegriff unserer Tage ist
von dieser Unsicherheit bereits geprägt (s. nur Oeter, S., 1998, S. 329 - 360). Jedenfalls ist unter derartigen Bedingungen keineswegs klar, wohin die Reise geht
(eingehend, Albrow, 1998, S. 121 ff, 189 ff, 253 ff). Auch physikalisch ist der Übergang eines Zustandes zu einem anderen stets von Unsicherheit geprägt. Die
entscheidende Komplexitätsleistung von Gesellschaft in der Krise, ist die Ausarbeitung von Regeln zu ihrer Bewältigung.
III.
Diese Entwicklung hat im Verhältnis von Kapital und Arbeit fundamentale Veränderungen herbeigeführt, indem insbesondere mit der Expansion der Finanzmärkte Kapital immer
mobiler wird (näher Menzel, U., 1998, S. 178 ff), die Arbeit aber lokal verwurzelt bleibt, selbst wenn sie in reiner Kommunikation besteht. Die Virtualisierung der
Arbeitswelt hat Folgen auch für den Arbeitsbegriff. Mit Robertson (1998, S. 192 - 220) liest Beck Globalisierung daher immer auch als "Glokalisierung". Unter diesen
Bedingungen ist der regulierende Handlungsspielraum der Staaten eng begrenzt (Habermas, 1998, S. 91, 105 ff). Technik und Wissenschaft, sind heute "erste
Produktivkraft" (Habermas). Mit dem technologischen Fortschritt geht ein zunehmend deutlicher werdendes, geringeres Maß an vornehmlich industrieller Arbeit einher, so daß
gleichzeitig mit der Expansion der Finanzmärkte eine erhebliche Steigerung der Arbeitslosigkeit einher geht, da zur Steigerung der Kapitalrentabilität und der industriellen
Produktivität eine Steigerung der industriellen Arbeitsproduktivität nicht mehr erforderlich ist. Automatisierte Herstellungsverfahren benötigen nur wenige qualifizierte
Überwacher des Produktionsablaufes. Eine Entwicklung, die Friedrich Pollock bereits 1959 in seiner - leider weithin vergessenen - Studie "Die Automation" prognostiziert hat.
Soweit Beck davon spricht, daß von dieser Entwicklung alle Erwerbsformen betroffen sind, enthält der Text allerdings gewisse Friktionen. Zwar nimmt die gesellschaftlich
notwendige Industriearbeit (auch unter dem Aspekt etwa des verstärkten Robotereinsatzes in der industriellen Fertigung) zunehmend ab. Andererseits bestehen aber im
Dienstleistungsbereich erhebliche Überkapazitäten, die nur teilweise abbaubar sind, aber (unter Rentabilitätskriterien) nur teilweise der Wertschöpfung zugänglich sind. So
kann kaum ein freiberuflich tätiger Mensch, sich auf eine 35 Stunden - Woche zurückziehen. Die zu leistende Arbeit wird flexibel nach Anfall verteilt. Damit ist hinsichtlich
der Verteilung der Arbeit eine Ungleichzeitigkeit verbunden, die es unmöglich macht, ein Lösungsmodell für alle Sparten aufzustellen. Dieses Problem durchzog bereits die
Diskussion über die Einführung der 35 - Stunden Woche in den achtziger - Jahren und setzt sich gegenwärtig in der (ideologisch verbohrten) Diskussion über eine "Rente mit 60"
fort (interessante Kritik bei Giddens, A., 1999, S. 138 ff). Einem "Modell von alten Männern für alte Männer", das die Probleme der Frauenerwerbsarbeit weitgehend
ignoriert. Richtig ist aber an dieser These, daß die geschaffenen Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor keineswegs den Abbau im industriellen Sektor abfangen können, da
Vollbeschäftigung insgesamt letztlich nicht mehr erreichbar ist, es sei denn um den Preis einer erheblichen Ausdehnung des "Working Poor" mit allen fatalen Folgen.
Arbeit wird damit prekär. Um es mit den Worten eines anderen Soziologen zu formulieren: "Prekarität hat bei dem, der sie erleidet, tiefgreifende Auswirkungen. Indem sie die
Zukunft überhaupt im Ungewissen läßt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allen Dingen jenes Mindestmaß an Hoffnung und
Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist" (Bourdieu, Pierre, Prekarität ist überall,
in, 1998b, S. 96, 97).
IV.
Die Institutionen des "Modell Deutschland" sind eindeutig noch auf "Vollbeschäftigung" orientiert, da sie um eine Strukturierung der Moderne als "Arbeitsmoderne" hin
organisiert sind. Damit wird eine bestimmte Art gesetzlich typisierter Arbeitsbiographie vorausgesetzt (Beck, 1996, S. 87 ff). Es ist bisher nicht gelungen, diese
Institutionen auf die veränderten Arbeitsbedingungen "umzuprogrammieren". Gegen Ende des "Modell Deutschland" sind daher auch die sozialen Sicherungssysteme in eine Krise
geraten, die sich systemimmanent kaum noch bewältigen lassen wird. Mit der wachsenden Arbeitslosigkeit, die zahlreiche Armutsfaktoren mit sich zieht (nicht zu vergessen eine
erhebliche Kinderarmut), werden die Grundlagen des Sozialstaats erheblich erschüttert. In diesem Zusammenhang steht auch die Krise des Steuerstaates, dem mit der
Entnationalisierung der Produktion und des Kapitalverkehrs insoweit auch wenigstens teilweise der finanzielle Boden entzogen wird (Habermas, J., Der europäische
Nationalstaat, in, Ders.,,1997, S. 146 f). Eine "Reform" folgt der anderen. Kuriert wird am Symptom. Die Ausgangslage wird unter "Sachzwang" verbucht. Nichts anderes
ergibt sich, wenn ein Abbau der Arbeitslosigkeit mit "Working Poor" erkauft wird, wie in den angelsächsischen Ländern. "Vollbeschäftigungsbiographien" werden immer seltener,
was sich insbesondere auf die Rentenversicherung auswirkt und Altersarmut programmiert.
Beck geht in diesem Buch eingehend auf die US-amerikanischen Verhältnisse ein, die für die westliche Welt paradigmatischen Charakter haben (s. aber auch den interessanten
Beitrag von Mutz, ebd. S. 190 - 207). In den USA wird allerdings nicht primär dem Staat zugewiesen, soziale Ungleichheiten zu "begradigen", die der entbändigte Markt
erzeugt hat (S.113). Vielmehr herrscht dort - die inzwischen durchaus erschütterte (s. Kleinsteuber, 1999, S. 536 - 540). Überzeugung vor, daß in der Ausdifferenzierung
freier Marktstrukturen der alleinige Schlüssel zur Lösung der sozialen Probleme liegen kann. Allerdings wurde der Welfare State durch den Personal Responsibility and
Work Opportunity Reconciliation Act von 1996 (dem Republikanischen Entwurf von 1995 angesichts der Mehrheitsverhältnisse im House of Congress weitgehend folgend) wirksam
dereguliert (Murswieck, 1999, S.698 - 705). Das Modell des US-amerikanischen Kapitalismus ist allerdings von tiefen Widersprüchen gekennzeichnet. Die Steigerung der
Arbeitsproduktivität ist mit einem "Niederstlohnprinzip" erkauft, dessen Preis soziale Exklusionen sind, flankiert von erheblichen Inhaftierungsquoten, die die
Arbeitslosenquote deutlich verzerren (Wacquant, 1997). Andererseits sind Verbesserungen der sozialen Situation unter der Clinton-Administration unbestreitbar. Parallel
dazu bestehen angesichts einer "35-Prozent-Demokratie" erhebliche Delegitimationen des politischen Systems, die aber zu einem nicht unerheblichen Teil aufgefangen werden durch
privates Engagement für die Gesellschaft, auch unterfedert durch ein kommunitaristisches Verständnis von Gemeinschaft (sehr breitenwirksam waren: Etzioni, A., 1996; Ders.,
1998). Die Verhältnisse in den USA sind von sozialer Unsicherheit geprägt, die längst auf Europa übergegriffen haben (Münch, R., 1993, S. 182 ff), allerdings noch
kaum strukturell vergleichbar sind. Es fragt sich durchaus, ob angesichts dieser strukturellen Unterschiede "französische Zustände", nach einer Formulierung von Pierre
Bourdieu, nicht "amerikanischen Verhältnissen" vorzuziehen sind.
Die neoliberalen "Patentrezepte" der "Chicago-Methode" haben, wie Beck zutreffend ausführt, versagt und sind von unauflösbaren Widersprüchen dieses Paradigmas gekennzeichnet:
"Die Macht des Staates und seiner Institutionen wird skrupellos erobert und ausgespielt, um sie zu brechen. Dies aber in einer Welt, in der der Zusammenbruch
nationalstaatlicher Instititutionen in den 90er Jahren zu den wirklich schweren menschlichen Tragödien und Bürgerkriegen geführt hat - in Somalia, Westafrika, Jugoslawien
sowie Teilen der ehemaligen Sowjetunion; ähnliches droht nun auch mit der Finanzkrise Südostasiens, beispielsweise in Indonesien. Auch wenn die Schwächung staatlicher
Zentralmacht nicht alleine auf die neuen Einflüsse globaler Märkte zurückgeführt werden kann, so zeichnet sich doch ab, daß auf diese Weise ein verdecktes staatliches Macht -
und Legitimationsvakuum verschärft und offen hervorbrechen kann" (S.121). Dies ändert aber nichts daran, daß auch dieses Modell an einem minimalen Repressivstaat festhalten
wird, um eben dieses Regulationsmodell soweit notwendig zu sichern, wenn es nicht gelingt Alternativen politisch umzusetzen. Beck sieht den Widerspruch allerdings insofern
treffend, als der Siegeszug der Demokratie langfristig kaum noch aufzuhalten ist und ein weniger an Demokratie auf keine nachhaltige Akzeptanz stößt. Politische Ordnungen aber
stets an Legitimation rückgekoppelt sind. Die Heraufkunft eines neuen (oder vormodernen) Legitimationstypus ist unterdessen aber gegenwärtig nicht auszumachen. "Die Utopie des
Neoliberalismus ist eine Art Marxismus ohne Marx. Sie verwirklicht nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Marxsche Diagnose der Spaltung und Zerstörung der Gesellschaft
ohne jegliche Hoffnung auf Befreiung im Sozialismus. Sie begünstigt damit umgekehrt einen Neo-Marxismus der Hoffnungslosigkeit aus eben demselben Grund: weil der
gesellschaftliche Zusammenbruch ohne politische Alternative droht" (S.122). Bereits der Begriff "Sozialismus" ist durch die Geschichte der "sowjetisch-leninistischen"
"Alternative" allerdings derart diskreditiert, daß sich gut überlegen sollte, wer noch meint, ihn positiv verwenden zu müssen (insoweit ähnlich, Giddens, A., 1999, S13 ff;
Ders., 1997, S.84 ff), In einer Rückkehr auf verlassene Reflexionsstufen liegen selten sinnvoll aktive Lernprozesse. Die Negierung der obsoleten "sozialistischen
Alternative" ist nicht das Ende des Politischen. Nicht die Kapitulationserklärung vor dem neoliberalen Paradigma. Das Auseinanderdriften von Kapitalismus und Demokratie
fordert eine Soziologie heraus, die versuchen muß hier Lösungen zu entwickeln, der eine Strategie der "Versöhnung" zugrundeliegt, deren Vision in einem regulierten
Kapitalismus liegt und nicht in der Resurektion verblichener kollektivistischer Modelle (instruktiv jetzt, Schöler, 1999).
Nichts anderes versucht Ulrich Beck mit seiner Vision von der Weltbürgergesellschaft in einem sehr anregenden Diskussionsbeitrag zu leisten. Es geht daher um ein neues
Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, dessen Ausgangssituation in einer Reflexion darauf besteht, wie der "Verlust an Sicherheit umgemünzt werden kann
in eine Entfaltung sozialer Kreativität, wie jenseits der Vollkasko-Gesellschaft Sicherheit und politische Freiheit neu aufeinander abgestimmt werden können" (S.75).
V.
Die Analysen und Langzeitprognosen fast aller seriöser Wirtschaftsinstitute zeigen deutlich auf, das Vollbeschäftigung kurz-, mittel- und langfristig eine Illusion bleiben
wird. Weltweit sind mit dieser Entwicklung erhebliche Migrationsströme verbunden, denen "Festungsstrategien" nicht mehr Herr werden können und denen Beck eine deutliche Absage
erteilt (S. 35 f., 134 ff). Ein solche Situation erfordert globale Regulationen (Habermas, 1998, S. 156 - 169). Mit Vollzug der Globalisierung ziehen in die
postindustriellen Industriegesellschaften des Westens Strukturen (insbesondere Armutsszenarien) ein, die bisher nur aus der "Dritten Welt" vertraut waren (ausgezeichnet
analysiert in, Bourdieu et. Al, 1997). Nichts anderes meint die These von der "Brasilianisierung des Westens" als Metapher für die Durchsetzung eines konsequent
neoliberalen politischen Paradigmas. Nach der Lesart von Beck vollzieht sich die Durchsetzung der westlichen Arbeitsgesellschaft keineswegs als universeller Prozeß einer
materiellen Rationalisierung auch der Sozial - und Kultursysteme, sondern kann in durchaus andere kulturelle - und soziale Lebenswelten eingepaßt werden (S. 96 f), wie etwa
die Entwicklung in Asien oder im arabischen Sprachraum zeigen. Die Globalisierung nimmt Einfluß auf die soziale Strukturierung der Gruppen im sozialen Raum, die in
Globalisierungsgewinner, Prekäre Hochqualifizierte, Working Poor und lokalisierte Arme der "Underclass" differenziert werden kann (S.108 f). Eine Strukturierung, die
vermutlich noch präziser gefaßt werden muß und insofern nur heuristischen Wert hat. Jedenfalls aber hat sich die Arbeitsgesellschaft derartig verändert, das von einem Ende des
"Modell Deutschland" sicher gesprochen werden kann.
Teilt man die Ausgangspunkte dieser Analyse (und es kommt in der Sache nicht darauf, ob man von "entfalteter Moderne", "radikalisierter Moderne" oder von "Zweiter Moderne"
spricht), kommt es auf die Folgerungen an, die man daraus zieht. Eine Folgerung ist der Versuch, Vollbeschäftigung wieder her zu stellen und das System zu "reparieren"
(eingehend, Giddens, A., 1999). Etwa indem eher "konservativ" an den Institutionen des nationalstaatlichen "Welfare State" festgehalten wird und "der Staat" als Bastion
gegen die Durchsetzung des neoliberalen Paradigmas verstanden wird (eine derartige Lesart legt der Ansatz von Pierre Bourdieu, Der Neoliberalismus. Eine Utopie grenzenloser
Ausbeutung wird Realität, 1998b, S. 109 - 118, nahe). Eine andere Folgerung wäre die fatalistische Unterwerfung unter das neoliberale Diktat des Marktradikalismus unter
Inkaufnahme der sozialen Disparitäten und ihrer ggf. repressiven Regulation durch einen starken Minimalstaat (s. dazu kritisch, Hansen, 1999, S. 231 ff). Beck versucht
zwischen diesen Extremen hindurch zu steuern, indem er ein neues Modell, das der Weltbürgergesellschaft zu entwerfen versucht.
Sein Modell geht von der durchaus realistischen Annahme aus, daß Vollbeschäftigung (die ohnehin nur während einer kurzen Phase annähernd erreicht wurde) sich nicht mehr
herstellen läßt und die Arbeitsgesellschaft hergebrachter Prägung der Vergangenheit der "Ersten Moderne" angehört. Damit ist weder der Abschied von der Erwerbsarbeit
eingeläutet, sondern das Ende der Vollbeschäftigungsutopie (S. 42). Es setzt aber deutlich eine Reflexivität der Moderne voraus (s. dazu die Kontroverse bei
Beck/Giddens/Lash, 1996). Damit hat Beck auch klargestellt, daß dem Kapitalismus nicht die Arbeit ausgeht, wie er eine Zeitlang etwas mißverständlich formuliert hat (s.
nur das Kapitel "Kapitalismus ohne Arbeit", in, Beck, 1997, S. 105 - 114, in der der betreffende, viel gescholtene, "Spiegel"-Artikel eingearbeitet wurde), sondern daß
Arbeit im Modell der globalen Bürgergesellschaft eine andere Funktion erhält, durch "aktive Arbeitsmarktpolitik, Teilzeitarbeit, radikale Verbilligung der Arbeitskraft, auch
Sparmaßnahmen - immer aber durch kollektive Vereinbarungen, also durch das, was man den europäischen Weg des Neokorporatismus nennen kann" (S. 49).
Die bisher verfolgten Ansätze einer immanenten Problemlösung innerhalb der Strukturen der Arbeitsgesellschaft werden zwar einer eingehenden Analyse unterzogen, jedoch
insgesamt verworfen, weil sie das Grundproblem nicht erfassen, geschweige denn beseitigen können, da die europäische Moderne, "Seinsvergessen" wie sie stets war, den
"Wertimperialismus der Arbeit" (S.69) in das Zentrum ihrer kollektiven Identitätsbildungsprozesse stellte: "Es ist der Wunderglaube der Arbeit, des Arbeitsbürgers an sich
selbst, an dem sich die Einsicht in die fortschreitende Erosion der Normalarbeit bricht. Der Bürger, der seinen Glauben an Gott verloren hat, glaubt an die Gottähnlichkeit
seiner Hände Arbeit, die alles, was ihm heilig ist, schafft: Wohlstand, gesellschaftliche Stellung, Persönlichkeit, Lebenssinn, Demokratie, politischen Zusammenhalt. Man nenne
mir einen Wert der Moderne, und ich mache mich anheischig nachzuweisen, daß er voraussetzt, was er verschweigt: Teilhabe an bezahlter Arbeit" (S.69).
Im Paradigma einer politischen Ökonomie der Unsicherheit ist die Arbeitsgesellschaft (auch) zur Risikogesellschaft im Vollzug der Folgen und Nebenfolgen des hegemonialen
american way in je spezifischer Weise geworden (S. 72 ff). Er konkretisiert dieses These dahingehend, daß am Beginn der Umstrukturierung eine bereits von Keynes ins
Auge gefaßte Arbeitszeitverkürzung stehen muß, die aber ihrerseits weitgehend nur auf die Industriearbeit zugeschnitten ist (S.66 f). Entsprechend gibt es heute so viele
Arbeitszeitmodelle wie Unternehmen (S.80). Indessen sind alle diese Modelle letztlich auf größere Unternehmen zugeschnitten und setzen auf rechtlicher Ebene tarifvertragliche
oder wenigstens betriebsverfassungsrechtliche Regulationsformen voraus. Ein Umstand, der von Beck nicht angemessen berücksichtigt wird. Überhaupt wird der rechtlichen
Umsetzung noch wenig Aufmerksamkeit zugewendet. Beck erzeugt hinsichtlich der sozialen Folgen der Arbeitszeitverkürzung keinerlei Ilusionen: Ihre Durchsetzung wird nicht
aufkommensneutral erfolgen können (S.82). Der "persönliche Souveränitätsgewinn" hingegen, ist bisher wenig gewollt, da der Lebensstandard - und damit die soziale Anerkennung -
entsprechend sinkt, obwohl manche Tendenzen für einen Wandel sprechen, der aber letzt bisher nur zu einer Ergänzung des Hauptarbeitsverhältnisses durch
Nebenarbeitsverhältnisse geführt hat. Ein Aspekt der leider keine nähere Beachtung findet. Längst aber ist der Normalarbeitsvertrag beinahe schon zur Ausnahme geworden.
Vorherrschend bei neueren Vertragsschlüssen sind Zeitverträge, Arbeit auf Abruf, Leiharbeit, in geringerem Ausmaße Job-Sharing und selbstredend (oft mehrere) geringfügige
Beschäftigungsverhältnisse und Scheinselbständigkeit (S.84 f).
Unter diesen Bedingungen sieht Beck drei Möglichkeiten: Augen zu-Politik, Kriminalisierung und Kanalisierung. Hatte sich die alte Koalition weitgehend der ersten Alternative
verschrieben, versucht die neue eine Kombination der beiden letztgenannten Möglichkeiten (arbeitsrechtlich: Lembke, NJW 1999, 1825 - 1830; Bengelsdorf, NJW 1999, S. 1817 -
1825). Beck sieht die Widersprüche dieser Strategie sehr klar: "Die Preisfrage lautet: Wie kann Arbeit billiger werden, damit mehr Arbeitsplätze entstehen, zugleich die
Solidargemeinschaft der sozialen Sicherheit erneuert und die Kosten (oder Einsparungen) sozial gerecht verteilt werden können? Was liegt näher, als endlich die
Sozialversicherungspflicht einzuführen" (S. 89 - s. auch Hanau, Peter, unter http://www.juramail.de/aufsatz). Bekanntlich hat dies die paradoxe Folge
ausgelöst, das sich diese Jobs weder für betroffene Arbeitgeber, noch für betroffene Arbeitnehmer mehr rentieren, die Sozialsysteme kaum besser darstehen als zuvor und die
"Ummünzung" in Teilzeit - oder Vollzeitarbeitsplätze nicht in der erhofften Größenordnung eingetreten ist. Statt dessen erhebliche staatliche Mittel aufgewendet werden müssen,
um "Schwarzarbeit" aufzudecken. Es ist tatsächlich die von Ulrich Beck aufgeworfene Frage zu stellen, warum geringfügig Beschäftigte bei voller Sozialversicherungspflicht für
einen Schutz zahlen sollen, den sie zwar potentiell brauchen (anders Beck), der aber kein Schutzniveau schafft, zumal da
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