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Artikel 5224
Ralf Hansen

Schuld und Alkohol

Eine Rezension zu:

Frank Schneider / Helmut Frister (Hrsg.)

Alkohol und Schuldfähigkeit

Entscheidungshilfen für Ärzte und Juristen

Erstauflage

Heidelberg: Springer - Verlag, 2002, 221 S., € 39,95,-
ISBN 3-540-41924-1

http://www.springer.de


Ein erheblicher Anteil von Straftaten wird unter massiven Einfluß von Alkohol begangen, von illegalen Drogen ganz zu schweigen. Nicht erst in der Hauptverhandlung, sondern schon im Ermittlungsverfahren stellen sich daher die Fragen der §§ 20, 21 StGB, die für den Juristen ohne fachkundige medizinische Hilfe in aller Regel kaum lösbar sind. So werden in aller Regel spätestens im Vorverfahren Gutachten medizinischer Sachverständiger aus rechtsmedizinischen Instituten angefordert. Die in diesem Sammelband enthaltenen Texte wollen Grundlagen schaffen für eine angemessene Interaktion zwischen Sachverständigen; Gericht, Staatsanwaltschaft und Anwaltschaft. Dabei werden alle praxisrelevanten Bereiche abgedeckt. Burscheidt und Schneider untersuchen aus medizinischer Sicht in einem sehr lesenwerten Beitrag die Grundlagen der Alkoholkrankheit unter dem Blickwinkel verschiedener medizinischer Forschungsansätze, wobei ihr Augenmerk insbesondere auch toxikologischen Fragestellungen gilt.

Habel und Schneider widmen ihren hochinteressanten Beitrag der Diagnostik und Symptomatik von Alkoholintoxikationen. In diesem Rahmen erörtern sie zunächst einmal die verschiedenen Rauschphasen, mit Blick auf deren forensische Bedeutung. Um anschließend eine wissenschaftlich abgesicherte Typologie der Alkoholabhängigkeit zu entwerfen. Besonders interessant ist hier die Darstellung der Folgen chronischen Alkoholmißbrauchs, wobei die Verfasser ein Höchstmaß an Differenziertheit entwickeln, um Formen lediglich schädlichen Alkoholmißbrauchs von chronischer Alkoholabhängigkeit abzugrenzen. Diese Abgrenzungen sind auch strafrechtlich von hohem Interesse, da sie auf die Tatbestandsmerkmale der §§ 20, 21 StGB letztlich bezogen werden müssen.

Foerster und Leonhardt untersuchen anschließend die Beurteilung der Schuldfähigkeit bei akuter Alkoholintoxikation und Alkoholabhängigkeit, indem sie eben die genannten medizinischen Befunde auf die Schuldfähigkeitsbeurteilung beziehen und dabei selbstredend auch kriminologische Aspekte miteinbeziehen. Haffner und Blank widmen sich Fragen der BAK-Berechnung, die für die Gutachtenspraxis von höchstem Belang sind. Dieser Beitrag ist gerade für Richter und Strafverteidiger von höchstem Interesse, da die verschiedenen Methoden hier ausgezeichnet referiert werden. Juristen kann nicht erspart werden, sich mit diesen Grundlagen vertraut zu machen, um diese Gutachten angemessen verstehen zu können. Schmelz untersucht die gesetzlichen Grundlagen der Blutentnahme, die insbesondere auch Krankenhausärzten weitgehend vertraut sein müssen, da sie regelmäßig zwecks Durchführung von Maßnahmen nach § 81 a StPO aufgesucht werden. Die Pflichten des durchführenden Arztes und seiner Rechte werden derartig plastisch dargestellt, daß die Lektüre dieses Beitrages potentiell betroffenen Ärzten sehr empfohlen werden kann. Einen weiteren Höhepunkt dieses interessanten Bandes bietet der Beitrag von Rissing-van Saan zur Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit bei der Begehung von Straftaten und deren strafrechtlichen Folgen. Im Zentrum des Beitrages steht die empirische Ausfüllung der normativen Kriterien der §§ 20, 21 StGB und die Folgen der Bejahung dieser Normen, die statt Strafe zu einer Verhängung von Maßregeln führen kann, deren Eingriffsintensität hoch ist, etwa bei Hangtätern.

Deiters beleuchtet in einem sehr kritischen Beitrag die äußerst umstrittene Rechtsfigur der actio libera in causa, deren Verfassungsgemäßheit zunehmend angezweifelt wird. Auch die Angemessenheit des "Ausnahmemodells" zieht er mit interessanter rechtspolitischer Kritik in Zweifel. Der Weg von der actio libera in causa zum Vollrauschtatbestand ist nicht weit, weshalb Renzikowski gleich anschließend das Labyrinth der Dogmatik des § 323a StGB eingehend untersucht und auch rechtspolitische Ansätze seiner Reform erfreulicherweise gleich mitbehandelt. Stetter widmet sich Fragen der angemessenen Therapie von Alkoholerkrankungen. Schalast und Leygraf untersuchen in einem sehr lesenswerten Beitrag die Möglichkeiten der Unterbringung und Behandlung im Maßregelvollzug gemäß § 64 StGB.

Der gut konzipierte Sammelband bietet eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich mit den Fragen der Schuldunfähigkeit bei Alkoholmißbrauch kritisch und fundiert in interdisziplärer Weise auseinanderzusetzen.
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