Eines der momentan heißdiskutiertesten Themen im Bereich Urheberrecht ist die Frage nach der Zulässigkeit von Privatkopien. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung und damit
der schnellen und kostengünstigen Herstellung von Kopien stellt sich für die Musik- und die Filmbrache dieses Problem grundlegend neu. Auf der einen Seite wird von der
Industrie der Untergang des Film- und Musik-Abendlandes propagiert, auf der anderen Seite berufen sich viele Benutzer in fragwürdiger Weise auf das Grundrecht der
Informationsfreiheit und der Sozialbindung des Eigentums.
In diesem Spannungsfeld liegt die Dissertation von
Krug. Er geht der ebenso einfachen wie zugleich komplexen Frage nach, aus welchen Motiven heraus Menschen CDs
illegal kopieren und ob sie dabei ein Unrechtsbewusstsein entwickeln.
Wie der Titel schon verrät, beleuchtet der Autor das Thema von der kriminologischen Seite her. Stand der Arbeit ist Anfang 2000, also eine Zeit, wo das massenweise
Auftauchen von MP3- und DivX-Dateien im Internet erst begann. Daher ist die Untersuchung umso interessanter, verrät sie doch vieles über die ursprünglichen Beweggründe und
Ursachen, die zum heutigen Massenphänomen geführt haben.
Nach der Darlegung der einschlägigen Straftatbestände und der festzustellenden Begehungshandlungen, stellt
Krug die Entwicklung der mutmaßlichen bzw. registrierten
Kriminalität dar: Welchen Stand sie im Vergleich zu anderen Delikten hat und welche Entwicklung sie rückwirkend betrachtet genommen hat. Ein Schwerpunkt liegt dabei u.a. auf
dem Bereich der Strafverfolgung. Welche Schwierigkeiten es z.B. schon alleine bei der Kenntniserlangung gibt. Wo im Rahmen strafprozessualer Maßnahmen (z.B.
Hausdurchsuchung) in der Praxis Schwierigkeiten auftauchen. So ist insbesondere die technische Ausstattung und das Know How der Strafverfolgungsbehörden nach wie vor einer
der größten Hinderungsgründe.
Außerordentlich interessant und kenntnisreich sind die Ausführungen hinsichtlich der Endverbraucher. Der Autor hat knapp 200 Menschen die verschiedensten Fragen gestellt.
Und es zeigen sich beachtenswerte Ergebnisse.
So z.B. hinsichtlich der Motivation, aus der heraus CDs illegal kopiert oder erworben werden. So sind etwa 60% der Befragten der Meinung, dass Software-CDs zu teuer sind.
Und gar weit über 80% vertreten die Ansicht, dass die Preise für die Musik-CDs zu hoch seien. Ein erheblicher Anteil leitet daraus eine Art "Notwehrrecht" für sich ab.
Zwischen 30 - 50% sind auch der Meinung, dass die Industrie schon bei ihrer Preisbildung von einer gewissen Anzahl von Raubkopien ausgehe und alleine schon deswegen kein
wirklicher Schaden eintrete. Ein gänzlich anderes Ergebnis ergab sich auf die Frage, ob denn auch dem eigentlichen Rechteinhaber (Urheber, Produzenten) ein Schaden entstehen
würde: Hierauf antworteten fast 70% mit "Ja".
Ebenso aufschlussreich sind die weiteren Feststellungen. Z.B. war die Mehrheit der Befragten der Meinung, dass das gewerbliche Handeln bestraft und verfolgt gehörte, während
die rein "private Nutzung" eher als weniger schlimm eingestuft wurde. In dieses Bild passt auch die Tatsache, dass die "private Raubkopiererei" weitestgehend im
Freundeskreis geschieht. Über 80% der Personen erhalten die Kopie unentgeltlich aus dem Freundeskreis.
Insgesamt kommt
Krug zu zwei wesentlichen Aussagen: (1) Ein Unrechtsbewusstsein hinsichtlich der begangenen Delikte existiert so gut wie gar nicht. (2) Die Besitzer
von Raubkopien verteilen sich über alle Alters- und Einkommensklassen.
Nach einem kurzen Exkurs über die Opfer (Urheber, Verwertungsgesellschaften, Industrie) und die in der Praxis angewendeten Schadensberechnungen gelangt der Verfasser zum
zweiten interessanten Bereich der Arbeit: Den praktischen Konsequenzen aus den festgestellten Ergebnissen. Ein Vorschlag ist natürlich technischer Art und betrifft die
Möglichkeit eines effektiven Kopierschutzes. Diesem Wunschtraum hängt ja bekanntermaßen gerade die Musikindustrie in der letzten Zeit hinterher - zum Verdruss vieler
ehrlicher Käufer, die die Musik-CD auf älteren CD-Playern nicht ordentlich abspielen können. Leider schließt sich
Krug diesem Irrglauben an, dass technische
Errungenschaften den Umfang der begangenen Straftaten eindämmen können. Ein historischer Rückblick auf die Anfänge der Software-Geschichte hätte genügt, um zu erkennen, dass
es für die Industrie ein von vornherein aussichtsloser Kampf ist. Gerade durch das Internet hat das Potential der weltweiten Hacker und Cracker noch zugenommen, so dass sich
heute jeder ein x-beliebiges Tool aus dem Netz ziehen kann. Auch steht inzwischen in fast jeder PC-Zeitschrift, wie man Handy-SIMS unlocked, die neueste
Windows-XP-Registrierung umgeht und welche Seiten man besuchen muss, um das neueste PC-Spiel trotz! Herstellerschutz kopiert zu bekommen.
Unterstützenswert dagegen ist der Vorschlag, auf CD-Brenner und ähnliche Vervielfältigungsgeräte eine Nutzungsvergütung zu erheben. Dies wird auch seit längerem zwischen den
betroffenen Parteien (kontrovers) diskutiert. Der
BGH hat dazu vor kurzem für den Bereich der Scanner
ein grundlegendes Urteil gesprochen. Zuzustimmen sind auch den Forderungen von
Krug, das Urheberrecht international mehr aufeinander abzustimmen. Eine solche
Harmonisierung steht mit der Reform des Urheberrechts kurz bevor. Auch ist eine Bewusstseinsschärfung aller betroffenen Kreise notwendig.
Gesamteindruck:
Ein sehr interessantes Werk. Gerade der kriminologische Ansatz dieser Untersuchung bietet neues Anschauungs- und Argumentations-Material. Die Materie, die der Autor
untersucht, ist eine höchst aktuelle. Dies zeigt sich anschaulich bei der gerade im Zuge der Urheberrechtsreform anstehenden Frage nach dem Recht auf die Privatkopie.