Ralf Hansen
Ein praxisbezogener Blick auf die Kriminologie
Eine Rezension zu:
Hans-Dieter Schwind
Kriminologie
Ein praxisorientierte Einführung mit Beispielen
Reihe: Grundlagen Kriminologie
12. , völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage
Kriminalistik - Verlag, Heidelberg 2002, 682 S., 27,- €
ISBN 3-7832-0003-2
http://www.huethig.de
Die Einführung von Schwind besticht seit je durch ihre Praxisnähe. Dies zeigt sich u.a. darin, daß die kriminalpolizeiliche und staatsanwaltschaftliche Praxis in diesem Buch
regelmäßig nach Anregungen sucht und dieses Werk in hohem Grade beachtet. Es dürfte gegenwärtig keine andere Darstellung geben, die in dieser Kompaktheit das gesamte
Spektrum der kriminologisch relevanten “inneren Sicherheit” unter Auswertung des erreichbaren Datenmaterials (Gesetze, Statistiken, Rechtsprechung, Literatur)
allgemeinverständlich darstellt, ohne nur den Spezialisten ansprechen zu wollen, sondern etwa auch Sozialarbeiter, Mitarbeiter kommunaler Verwaltungsbehörden und auch
interessierte Bürger. Das Buch ist überaus lesbar geschrieben, eingestreute Zeitungsmeldungen und Karikaturen erhöhen zudem das Problembewußtsein des Lesers für aktuelle
Entwicklungen und erhöhen die Aufmerksamkeit des Lesers. Die neue Auflage ist jetzt auf dem Stand von November 2001. Zahlreiche Kapitel hat der Verfasser erheblich ergänzt
und neu überarbeitet, ohne daß die Seitenzahl erhöht wurde.
Die Neuauflage steht unter dem Vorzeichen der wissenschaftlichen Erfassung eines kriminalgeographischen Raumes “Europa”. Das Europakapitel wurde denn auch ganz
erheblich überarbeitet. Gut dargestellt werden hier etwa Institutionen wie “EUROPOL” und “EUROJUST”. Reflektiert werden auf hohem Niveau auch die
wahrscheinlichen Folgen der Osterweiterung für die “innere Sicherheit” insbesondere der Bundesrepublik Deutschland. Der Verfasser nennt etwa Argumente aus
soziologischer Sicht die gegen einen frühzeitigen Beitritt der Türkei sprechen und beruft sich insbesondere auf den dort herrschenden Auswanderungsdruck, der durch Freigabe
der Freizügigkeit noch erhöht würde. Ob dieser “Sauerstoff für Ausländerfeindlichkeit” neben menschenrechtlichen Bedenken ausreicht, steht angesichts des seit
langem geltenden Assoziationsabkommens auf einem anderen Blatt. Immerhin wird dies Problem hier aber aus kriminologischen Perspektiven wenigstens andiskutiert. Politische
“Diskussionsverbote” rächen sich spätestens dann, wenn man die Augen vor Mißständen nicht mehr verschließen kann, zumal der in Bezug genommene Bewegungsdruck mit
seinen strafrechtlichen folgen sehr realistisch ist.
Ein interessanter Überblick über die Geschichte der Kriminologie zeigt, wie eng diese Wissenschaft mit der Heraufkunft der Aufklärung im 18. Jahrh. verwoben ist. Auf
psychologische und sozialpsychologische Kriminalitätstheorien geht der Verfasser ebenso ein wie auf soziologische Theorien, wobei monokausale Erklärungsansätze wenig
erfolgversprechend sind, so daß es eigentlich nur noch um das Verhältnis der Methoden bei der praktischen Klärung von Phänomenen gehen kann. Dies ist auch der Ansatz des
Verfassers, der die Integrationskonzepte auch thematisiert, deren theoretische Konsistenz indessen noch offen und wenig geklärt ist. Ob sich indessen zwischen primären und
sekundären Sozialisationsinstanzen noch hinreichend unterscheiden läßt, in einer nahezu völlig mediatisierten Welt, wie es die beiden nachfolgenden Kapitel suggerieren, ist
fraglich, aber analytisch sinnvoll, zumal nach der diesbezüglichen Funktion von Familie und Schule gefragt werden muß. Hier geht der Verfasser auch die soziologischen
Hintergründe der unterschiedlichen Erziehungsstile ein. Der Verfasser greift das Problem der Zerstörung von “Sozialisationsagenturen” nach arbeits- und
freizeitkriminologischen Erörterungen im Kapitel über Massenmedien und Kriminalität auf, einem der interessantesten des Buches, erst in der Vorauflage eingeführt. So
umstritten die Medienwirkungen sind, so sicher ist die Wirkung von Medien auf das Bewußtsein und damit die Existenz des Problems. Die einzelnen Theorien werden gruppenweise
vorgestellt. Der Verfasser folgt selbst einem integrativen Ansatz, dessen Aufgabe es ist, die Wahrscheinlichkeit der Wirkungen abzuschätzen, um mögliche Gegenmaßnahmen zu
treffen und ist damit gleich bei der umstrittenen Medienverantwortlichkeit. Das Internet als neues Problemfeld wird nunmehr etwas vertiefter angerissen, auch im Hinblick auf
die “Medienkonvergenz”. Der Verfasser setzt sich in einem eigenen Teil des Buches auch in sehr anregender Weise mit dem Opfer im Mitverursachungsprozeß der
Straftat auseinander.
Sehr verdienstvoll sind die Darlegungen zu den “Kriminologischen Aspekten der Wohnungslosigkeit, die sich nach eingehenden Erörterungen kriminalgeographischer
Forschungsansätze finden. Der Verfasser nimmt die zutreffende Differenzierung zwischen Obdachlosigkeit und Nichtseßhaftigkeit als freiwilliger Obdachlosigkeit vor, da sonst
die gesamte Diskussion in der Tat verfälscht würde. Es bedarf auch kaum näherer Darlegungen, daß Obdachlosigkeit - immer einhergehend mit Pauperisierung - den Boden zu
erhöhter Kriminalitätsbereitschaft bereitet, schon in einer vom schönen Schein beherrschten Glitzerwelt, die allerorten als real suggeriert wird. Die sich hier angesichts
weitergreifender Pauperisierungen großer Bevölkerungsteile infolge von Massenarbeitslosigkeit und ihrer Folgen sich stellenden Probleme thematisiert Schwind maßgeblich unter
dem Aspekt der kommunalen Kriminalprävention als neuer gesamtgesellschaftlicher Aufgabe. Gerade dieses Kapitel wurde erheblich überarbeitet, indem etwa auch Aspekt der
“Verödung der Innenstädte” aufgegriffen werden, denen kommunalpolitisch energisch entgegenzutreten wäre, etwa auch mit flankierenden bauplanungsrechtlichen
Mitteln. Sowohl die Verwahrlosung der Städte als auch eine Verschlechterung der Situation der “inneren Sicherheit” sind Fakten, denen sich
Polizeirechtswissenschaft, Strafrecht und Kriminologie zu stellen haben. Kriminalität primär als kommunales Problem zu sehen, erschiene indessen angesichts um sich
greifender Makrokriminalität und nicht kommunaler Ursachen problematisch, die sich global und überörtlich entwickelt haben, wenn sie sich nicht stets in kommunalen
Strukturen niederschlagen würden und dort auch bewältigt werden müssen. Schwind trennt durchaus zwischen der objektiven Bedrohungslage und den Bedrohungsgefühlen. Er will
deren Verharmlosung argumentativ entgegenwirken. In diesem Kapitel werden Ansätze entwickelt, mit denen Kommunalpolitiker sich intensiv auseinandersetzen sollten, auch wenn
sie zu anderen Ergebnissen kommen sollten, da die einzelnen Konzepte einzelnen durchdiskutiert werden. Eigentlich wäre hier der richtige Ort das “Modell New
York” zu erörtern, daß der Verfasser bei der Raumstruktur erörtert. Zwar steht er diesem Modell überaus aufgeschlossen gegenüber, sieht aber dessen Grenzen und spricht
diese auch überzeugend an. An der “broken-windows-theory” hält er jedoch nicht zuletzt aufgrund eigener empirischer Forschungen fest, da die “signs of
incivility” Unsicherheitsgefühle und Bedrohungserwartungen steigern wie sich etwa anhand “offener Drogenszenen” zeigen läßt.
Diese Ansätze werden bei der Darstellung der einzelnen Kriminalitätsarten vertieft. So setzt sich der Verfasser sehr differenziert mit “Ausländerkriminalität”
auseinander, auch unter dem Aspekt des Kriminalitätsimports, allerdings ohne unnötigen “Stammtischparolen” Raum zu geben. Diese Probleme offen anzusprechen, kann
nicht als Diffamierung von “Minderheiten” betrachtet werden. Sehr informativ - auch für Strafrichter und Sozialarbeiter etwa - ist das Kapitel über die
Drogenkriminalität, zumal “Junkies” heute zum Stadtbild gehören, so daß die Drogenproblematik “vor Ort” jederzeit stellt, allerdings strafrechtlich
nicht zu bewältigen ist. Mag man am heutigen Drogenstrafrecht mit Recht einiges kritisieren, so stellt sich doch objektiv das Problem des Kriminalitätspotential, das von
diesen Personengruppen ausgeht. Das Kapitel bezieht nunmehr die kriminologischen Erkenntnisse deutlicher auf die Sanktionspraxis. Die “coffee-shop-Mentalität”
lehnt der Verfasser deutlich ab und äußert auch Bedenken gegen die Heroinabgabe an Schwerstabhängige, die letztlich den Weg in der Drogentod nur ebnet. Statt dessen setzt er
sich für eine Doppelstrategie ein, die Kontrollstrategien, mit Aufklärungskampagnen, Immunisierungsversuchen und Hilfen nach dem “Osnabrücker Modell” verbindet.
Im Zusammenhang mit der Kriminalität von Jugendbanden finden sich interessante Erörterungen zur Skinhead- und Hooligan-Kriminalität, wobei der Zusammenhang mit dem Erstarken
des Rechtsradikalismus in Deutschland nunmehr deutlicher akzentuiert wird, etwa im Zusammenhang mit den “Fascho-Skins”. Das geplante
“Aussteigerprogramm” für Neonazis wird ohnehin bereits im Vorfeld ad absurdum durch “Aussteiger” geführt, deren “Ausstieg” etwas
plötzlich und wohltaktiert erscheint, auch wenn es gelegentlich sogar auf Theaterbühnen geschieht. Sehr lesenswerte Ausführungen finden sich nicht zuletzt zu
“OK”. Hier wird die “Globalisierung der internationalen Kriminalität” deutlich nachvollzogen. Nicht zuletzt finden sich hier auch interessante
Bemerkungen zur Korruptionsprävention.
Das Kapitel über den Terrorismus reflektiert selbstredend auch die Folgen des 11.09.2001 und geht auch auf das “Al-Quida-Netzwerk” ein. In Kenntnis der
begrenzten Möglichkeiten des Einsatzes militärischer Gewalt gegen die tieferen Ursachen des Terrors, setzt der Verfasser dem ein vielschichtigeres Lösungsmodell entgegen,
das aber nur angerissen werden konnte.
Auch wer mit dem Verfasser in der ein oder anderen Hinsicht nicht übereinstimmt, findet in dieser schlicht herausragenden Einführung den Text und die Daten mit denen sich
eine intensive Auseinandersetzung wirklich lohnt, zumal eine Kultur des Gespräches in der Demokratie allemal lohnenswerter erscheint, als ideologische
“Frontenbildung”. Das Buch des Verfassers trägt auch unter rechtspolitischen Aspekten zu einem solchen Dialog entscheidend bei und ist überaus lesenswert und
anregend, zumal jede Auflage intensiv überarbeitet wird.
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