RA Stefan Zeidler
23.01.2005
Kostenlose Bürosoftware?!
Eine Rezension zu:
Michael Kofler
Linux im Büro
Office-Aufgaben einfach und sicher unter Linux meistern
Verlag Markt+Technik, München 2004, 429 Seiten, 24,95 €
ISBN 3-8272-6782-X
http://www.mut.de
Noch herrscht in den Büros der Software-Gigant Microsoft. Doch die Linux-Entwicklergemeinde rüttelt bereits kräftig am Monopol. Das vorliegende Buch will über den aktuellen
Stand der Technik informieren und Hilfe zum Umstieg bieten. Es richtet sich an den fortgeschrittenen Computernutzer, der bereits erste Erfahrung mit Linux gesammelt
hat.
Wer mit diesem Buch den Linux-Rechner soweit einrichten will, damit die Software für die gängigsten Büroaufgaben funktioniert, sollte zumindest Linux fertig installiert
haben. Nur wenn der Einsatz der Bürosoftware spezielle Konfiguration benötigt, wird im Buch am Rand darauf eingegangen. Für denjenigen, der die Installation von Linux
gemeistert hat, sollte dies aber kein Problem sein.
Moderne Linux-Distributionen (Softwarepakete, die aus Betriebssystem und Anwenderprogrammen bestehen) sind recht einfach zu installieren. Viele Installationen laufen
automatisch ab. Was dann jedoch den weiteren Betrieb betrifft, unterscheiden sich die Distributionen teilweise erheblich. Konfigurationseinstellungen sind beispielsweise mit
"SUSE" (kommerzielle deutsche Distribution) anders als mit "Debian" (freie internationale Distribution) vorzunehmen. Da aber die Anwenderprogramme letztlich gleich aussehen
und gleich funktionieren, ist die Wahl der eingesetzten Distribution freigestellt. Der Autor des Buches setzt "SUSE Professional 9.1" ein.
Ist Linux installiert, muss der Benutzer mit KDE arbeiten können. KDE ist quasi die Windows-Oberfläche unter Linux. Von nun an können die Tipps im Buch umgesetzt
werden.
Das Buch beginnt mit einer kurzen Einführung zu Linux als Betriebssystem und KDE als Benutzeroberfläche. Hier finden sich zahlreiche Tipps, wie man das System effizient
einrichten und benutzen kann. Dazu gehören zum Beispiel wichtige Tastaturkürzel, die eine tägliche Arbeit beschleunigen können.
Im 3. Kapitel erfährt der Leser, der bisher mit Microsoft Windows gearbeitet hat, welche Programme nun Ersatz für die Windows-Programme sind. Hier können sich je nach
eingesetzter Linux-Distribution die ersten kleineren Abweichungen ergeben, die aber die weitere Arbeit mit dem Buch nicht weiter stören. Wesentlich wichtiger ist der
Abschnitt, in dem das für den Windows-Nutzer ungewohnte Dateisystem oder das System der Benutzerrechte kurz erklärt wird.
Die effiziente Dateiverwaltung ist Thema des 4. Kapitels. Der Umgang mit Dateien, Verzeichnissen und deren Benutzerrechten wird hier ausführlich erläutert. Das
Komprimieren von Daten und die Anzeige der Platzverteilung auf der Festplatte sind wichtige Vorgänge, die unmittelbar die Datensicherheit betreffen. Denn der
Linux-Einsteiger ist oft alleingelassen bei der Frage: welche Daten soll ich eigentlich sichern? Das führt häufig zu unnötigen Komplettsicherungen.
In diesem Zusammenhang sind die Kapitel 5 und 6 zu lesen, die den Umgang mit "modernen" Speichermedien erklären. Gerade das Brennen von CD oder DVD stellt für viele
Büros eine günstige Sicherungsmethode dar. Denn fast jeder Computer verfügt heute über ein CD- oder DVD-Laufwerk und die beschreibbaren Medien sind dank ihrer massenhaften
Verbreitung relativ günstig.
Aber im modernen Büro arbeitet man nicht mehr allein. Eine Zusammenarbeit mit einem Netzwerk ist schon Standard und "es geht nicht mehr ohne". Mit Linux in einem Netzwerk zu
arbeiten ist nicht schwer. Vorausgesetzt, der Betriebssystemteil der Linux-Distribution ist bereits in das Netzwerk integriert. Das ist nicht immer so leicht, wie es
eigentlich sein sollte, letztlich aber eine Frage der Installation. Daher geht der Autor des Buches richtigerweise von einem funktionierenden Netzwerk aus und erklärt
anschaulich die Arbeit mit Netzverzeichnissen und Freigaben sowie den Berechtigungen dafür. Für größere und vielleicht überregionale Büros interessant: Der Datenaustausch
per "ftp" und "ssh" wird ebenfalls angeschnitten.
In Kapitel 8 kommt das Drucken zur Sprache. Die Konfiguration eines Druckers wird hier kurz vorgestellt. Mehr und mehr wichtig ist das Thema "Dokumente im
PDF-Format". Dabei handelt es sich um ein Druckformat, das unabhängig vom Betriebssystem und von der Anwendersoftware ist. Da das Layout solcher Dokumente auf jedem Computer
immer gleich aussieht, ist das PDF-Format für den Austausch von Dokumenten, beispielsweise über E-Mail, sehr geeignet. Linux unterstützt das Format an vielen Stellen und hat
dabei im Vergleich zu Microsoft Windows die Nase vorn. Wie solche Dokumente entstehen und gedruckt werden, wird im Buch ausführlich erläutert.
Mit den Audiofunktionen in Kapitel 9, die in vielen Büros zu vernachlässigen sind, schließt der Teil II des Buches, der eine Einführung in das Thema Linux ist.
In Kapitel 10 geht es weiter für "Fortgeschrittene". Techniken der besonderen Konfigurationen und des Softwareupdates werden erklärt. Ebenso die Arbeit mit der
Konsole, um die kaum ein Linux-Anwender herumzukommen scheint.
In Teil III widmen sich die folgenden Kapitel dem Thema Kommunikation. Als Webbrowser wird der "Konqueror" vorgestellt. E-Mails werden mit "KMail" verwaltet. Für
Termine und Kontaktdaten steht "Kontact" zur Verfügung. Diese Programme sind Teil der KDE-Oberfläche. Sie werden in den Kapiteln 11 bis 13 sehr ausführlich
besprochen. Da es in vielen Distributionen weitere – oft leistungsfähigere – Programme für diese Aufgaben gibt, werden diese anschließend ebenfalls erklärt. Dazu
zählen "Mozilla" als Browser und E-Mail-Client (Kapitel 14 und 15) und das Programm "Evolution" für E-Mails, Termine und Kontaktdaten (Kapitel 16). Letzteres
ist gut Vergleichbar mit dem Programm Microsoft Outlook. Da es aber nicht speziell für die Benutzeroberfläche KDE geschrieben wurde, steht es nicht in allen Distributionen
sofort zur Verfügung. Eine spätere Installation ist aber grundsätzlich möglich.
Sehr gelungen ist das Thema "E-Mails signieren und verschlüsseln" in Kapitel 17. Der Autor führt leicht verständlich in das Thema ein und stellt den Stand der Technik
dar. Insbesondere das Signieren der E-Mails wird in Zukunft mehr an Bedeutung gewinnen. Da es (noch) unterschiedliche Verfahren gibt, ist eine ausführliche Darstellung
notwendig, die hier gelungen vorliegt. Ausgeklammert ist lediglich der Umgang mit qualifizierten Signaturen, denn diese setzen in der Regel besondere Hard- und Software
voraus.
Teil IV des Buches behandelt die Themen Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation und verschiedene Zusatzmodule. Als Programmpakete werden "StarOffice" und
"OpenOffice" vorgestellt. Beide sind grob gesagt der Ersatz für Microsoft Office (Word, Excel, Powerpoint). Für die Mehrzahl der Linux-Anwender ist "OpenOffice" das Paket
der Wahl, da es kostenlos zur Verfügung steht. Wichtig für den Linux-Anwender ist, dass schnell ansehnliche Ergebnisse erzielt werden, denn die Zeit für das Erlernen neuer
Software ist knapp. Dank der großen Ähnlichkeiten zu Produkten von Microsoft fällt der Umstieg auf ein Office-Paket unter Linux nicht schwer.
In Kapitel 18 wird die Textverarbeitung "Writer" vorgestellt. Erklärungen zu den Formatvorlagen und Formatierungen erleichtern den Einsteigt. Tipps und Tricks
steigern den effizienten Umgang. Sehr wichtig und daher auch hier besprochen, ist das Thema der Kompatibilität zu Programmen wie Microsoft Word.
Der Fortgeschrittene liest in Kapitel 19 etwas über den Umgang mit Grafiken in Textdokumenten, mehrspaltigem Text und Textumrandungen. Als Praxisbeispiele werden ein
Serienbrief und ein strukturiertes Dokument (mit Überschriften, Querverweisen und einem Inhaltsverzeichnis) erstellt. Wer mit Word-Vorlagen (Dateiendung ".dot") gearbeitet
hat, findet wertvolle Hinweise am Ende des Kapitels.
"Calc" als Tabellenkalkulation wird in Kapitel 20 vorgestellt. Texteingabe und Formate ähneln dem Bruder "Excel" von Microsoft. In Praxisbeispielen werden auch hier
typische Büroaufgaben gelöst, wie zum Beispiel eine Adresstabelle, der Umgang mit Prozenten, einer Kostenaufteilung nach Schlüsseln und einer Rabattrechnung (die beliebte
WENN-DANN-Formel). Themen wie Diagramme, Ausdruck und Kompatibilität mit Excel schließen das Kapitel.
Mit "Impress" werden Präsentationen erstellt. Das Kapitel 21 zeigt den Umgang mit dem Programm und schafft die Grundlage zu einer "beeindruckenden" Präsentation. Der
Umgang mit Objekten, Grafiken, Animationen und Notizen fehlt an dieser Stelle nicht. Nützlich sind die Hinweise auf den PDF-, HTML- und FLASH-Export. Wie schon die
vorangegangenen Kapitel wird der Ausdruck und die Kompatibilität zu Powerpoint besprochen.
Unter den Zusatzmodulen in Kapitel 22 werden Programme wie "FontWork" (zur Logo- und Textgestaltung) und "Draw" (ein Zeichenprogramm) kurz angesprochen. Ebenso das
Erstellen von HTML-Dokumenten. Sehr nützlich und leicht verständlich ist der Datenbankzugriff mittels SQL erklärt. Obwohl das Thema an sich nicht trivial ist, kann so ein
guter Ersatz für das Programm Microsoft Access geschaffen werden.
Teil V rundet die Besprechung von Anwenderprogrammen ab und geht auf Themen ein, wie Anschluss einer Digitalkamera und eines Scanners sowie die Bearbeitung und
Verwaltung von Bildern. An dieser Stelle ist das besonders gelungene Kapitel 26 zu nennen, das sich der professionellen Bildbearbeitung mit "Gimp" widmet. In vielen
Praxisbeispielen wird die Bedienung des Programms erklärt und erspart dem interessierten Einsteiger der digitalen Fotobearbeitung ein spezielles Buch.
Nicht zu verschweigen ist, dass es in vielen Büros spezialisierte Software gibt. Ob es nun die Anwaltssoftware zur Aktenbearbeitung und zum Kanzleimanagment ist, die
Abrechnungssoftware der Arztpraxis oder weit verbreitete Buchhaltungsprogramme sind; sie alle setzen meist eine Windows-Installation voraus. Um auch sie anwenden zu können,
bedient man sich eines Trickes: ein Linux-Programm wie "Wine", "CrossOver Office" oder "VMware" kann eine virtuelle Microsoft-Windows-Umgebung schaffen, so dass die
spezialisierte Software ein geeignetes Betriebssystem vorfindet. Im letzten Teil VI des Buches wird diese Technik vorgestellt. Doch dieses Thema bleibt dem
fortgeschrittenen Bastler vorbehalten, da eine Umsetzung oft sehr knifflig ist.
Fazit:
Dass Linux erwachsen geworden ist, kann niemand verleugnen. Die Installation gelingt auf dem Einsteiger. Jetzt fehlt noch der Schritt in die Anwenderfreundlichkeit, damit
sich Linux als kostengünstiger Ersatz auch im Büroalltag durchsetzt. Diese Entwicklung wäre zu begrüßen und eine Hilfe dazu bietet das besprochene Buch in jedem Fall. Durch
die vielen praktischen Hinweise können die meisten der Büroaufgaben leicht mit Linux-Programmen erledigt werden. Das gilt besonders für kleine bis mittelständige Unternehmen
oder die große Zahl der sog. "Ich-AGler", der Einzelunternehmer. Dank Linux können die Kosten für Softwarelizenzen gegen Null gehalten werden. Kosten sparend wirkt sich der
flüssige und leicht verständliche Sprachstil des Buches aus, dank dessen ein schneller Erfolg fast schon garantiert ist.
Wer es sich leicht machen will und wie der Autor SUSE einsetzt, um die Konfigurationsbeispiele 1:1 umzusetzen, muss aber in den sauren Apfel beißen und zumindest für die
SUSE-Distribution eine Gebühr bezahlen. Daher muss in Frage stehen, ob es sich wirklich "kostenlose Bürosoftware" handelt.
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