Die Werke der Süd-Nord-Reihe des Lamuv-Verlages wollen einen Einstieg in Problemkreise bieten, die sich durch die Entwicklungsunterschiede zwischen Industrienationen und
Dritte-Welt-Ländern ergeben. Wie auch das
Buch „Menschenrechte“ erfordert die Lektüre von
„Kinderrechte“ keinerlei Vorkenntnisse und dringt dennoch so weit in die Materie ein, daß der Leser gepackt wird und sich weiter mit der Thematik beschäftigen
will.
Der Autor Uwe Pollmann ist freier Journalist und hat schon mehrere Bücher zu entwicklungspolitischen Themen geschrieben. Er verfolgt eine klare Gliederung und geht nach
einer Einleitung zunächst auf Formen der Kinderarbeit ein, einerseits in Städten, andererseits auf dem Land. Der nächste Teil des Buches beleuchtet die Auswirkungen von
Kinderarbeit, sowohl für die Kinder als auch für die Menschen, die von Kinderarbeit profitieren. Schließlich findet sich ein Abschnitt über Lösungsansätze und Tips zum
Weiterlesen.
Sivakasi (Südindien). In den Hallen der vielen Zündholzfabriken ist es stickig und über 40 Grad. Kinder zwischen fünf und 14 Jahren, meistens Mädchen, kleben
Schachteln und tränken Hölzer in heißem Wachs und Schwefel. Im Akkord und bis zu zwölf Stunden am Tag. Ab vier Uhr morgens werden sie aus entfernt entlegenen Dörfern in die
Stadt transportiert. – Mit sechs solchen Beispielen startet Uwe Pollmann seine Einleitung, zunächst ohne weiteren Kommentar. Anschließend beschreibt er die
Schwierigkeiten, konkrete Daten über die Anzahl der Kinderarbeiter zu ermitteln. Aufgrund von sehr unterschiedlichen nationalen Statistiken werden viele gar nicht erfaßt,
hinzu kommt, daß Kinderarbeit nicht einheitlich definiert wird. Eine UN-Studie geht derzeit von etwa 375 Millionen Kindern aus, die einer Arbeit nachgehen. Im weiteren
Verlauf der Einführung versucht der Autor herauszuarbeiten, was Kinderarbeit ist und welche Ursachen sie hat.
Im ersten Abschnitt des Hauptteils geht Uwe Pollmann auf Kinderarbeit in ländlichen Regionen ein. Hier ist es meist so, daß die Familien so arm sind, daß sie ohne die Arbeit
der Kinder nicht überleben könnten. „Wenn sie aufhören zu arbeiten, dann sterben wir vor Hunger!“, wird eine brasilianische Mutter zitiert. Die Folge ist, daß
ein Schulbesuch für die Kinder unmöglich ist, und ohne Ausbildung geraten sie weiter in den Teufelskreis aus Armut und Kinderarbeit. Besonders beeindruckend ist in diesem
Kapitel ein Interview mit einem 10jährigen Jungen aus Guatemala, der täglich sieben bis acht Stunden auf einer Kaffeeplantage arbeitet.
Die Situation in den Städten ist nicht besser, hier sind es zwar andere Tätigkeiten, jedoch ist die Armut die gleiche. Einen Ausweg gibt es kaum, ein peruanischer Junge
sagt: „Wenn ich hier rauskommen will, muß ich Profifußballer werden.“ Eine typische Situation ist die Arbeit in Müllbergen, die ebenfalls dargestellt wird.
Schließlich geht der Autor auf die besonderen Formen der Mädchenarbeit ein, die einerseits im Haushalt, andererseits in der Prostitution (Sextourismus) angesiedelt
ist.
Anschließend ist von den Folgen der Kinderarbeit die Rede. Da sind vor allem die gesundheitlichen Auswirkungen zu nennen, oft leiden die Kinder in jungen Jahren an
Rückenkrankheiten o.ä., aufgrund mangelnder Bildung wissen sie auch nicht, wie sie Arbeitsschutzmaßnahmen vornehmen könnten. Außerdem ist ohne Schulbildung auch eine spätere
hochwertigere Anstellung undenkbar. Verdienen tut daran die Weltwirtschaft. Nur durch Kinderarbeit ist oft das Bestehen im Konkurrenzkampf gesichert, so ist der mit Hilfe
von Kinderarbeit hergestellte Orangensaft aus Brasilien nicht teurer als einheimischer Apfelsaft. In einer Studie des Kinderhilfswerks UNICEF, die im vorliegenden Buch
vorgestellt wird, wurde ermittelt, daß auch deutsche Unternehmen das Thema Kinderarbeit nicht ernst genug nehmen, etliche Firmen äußerten sich nicht zu den Fragen oder
überprüfen nicht, ob die Zulieferfirmen Kinderarbeiter beschäftigen. Doch das Buch zeigt auch gute Beispiele, wie z.B. die Bemühungen von C&A und terre des hommes, die
sich gegen Kinderarbeit einsetzen, u.a. durch den Bau eines Berufsbildungszentrums.
Mit diesem Beitrag leitet der Autor über zum Abschlußkapitel. „Was tun?“ – Anhand eines geschichtlichen Abrisses über Schutzgesetze gegen Kinderarbeit
zeigt Uwe Pollmann, daß Verbote allein im Kampf gegen Kinderarbeit nicht ausreichend sind. Vielmehr müßten Maßnahmen zur Bildung ergriffen und Kinder über ihre Rechte
aufgeklärt werden. Neben einem Auszug aus der UN-Kinderrechtskonvention berichtet der Autor von einer Kindervertretung, in der sich die Kinder gegenseitig helfen, um dem
Kreislauf der Kinderarbeit zu entkommen. Gemeinsam können sie es den Arbeitgebern schwer machen, sie auszubeuten. Den Abschluß bildet die Erklärung des Ersten
Internationalen Treffens von Kinderarbeitern in Kundapur/Indien 1996.
Dieses Werk der Süd-Nord-Reihe überzeugt ebenso wie „Menschenrechte“ durch die Fähigkeit, dem Leser ein Thema nahezubringen, ohne daß dieser sich bisher näher
damit beschäftigt hat. Die zahlreichen Beispiele ermöglichen ein lebendiges Lesen, die Zahlen dienen dem besseren Verständnis des Hintergrundes. Für den ersten Einstieg in
die Thematik „Kinderrechte“ ist es daher außerordentlich zu empfehlen, zum Weiterlesen stehen am Ende des Buches Literaturhinweise bereit.
Wer dieses Buch liest, wird unweigerlich die Aussage von UNICEF, die auf der Titelseite geschrieben steht, zum Anlaß nehmen, näher über die Ausbeutung von Kindern
nachzudenken:
Das Leben eines Kindes ist nicht unbezahlbar. Es ist weniger als 100 Dollar wert.