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Artikel 4659
Martin Bahr

Ein wahres Glanzlicht

Eine Rezension zu:

Martin Henssler / Friedrich Graf von Westphalen (Hrsg.)

Praxis der Schuldrechtsreform


ZAP-Verlag, Berlin u.a. 2002, 920 Seiten, 97,- €
ISBN 3-89655-088-8

http://www.zap-verlag.de


7 Autorinnen und Autoren haben an diesem Werk mitgearbeitet. Vom Richter über den Universitäts-Professor bzw. wissenschaftlichem Mitarbeiter bis hin zum Rechtsanwalt ist jeder der klassischen juristischen Berufe dabei. Und das hat dem Buch außerordentlich gut getan.

Praxis der Schuldrechtsreform ist eine Mischung aus Lehrbuch und Kommentar. Von der Gliederung her ist es systematisch aufgebaut; 6 Teile, die sich jeweils mit den unterschiedlichen Schwerpunkten der Reform beschäftigen: (1) Verjährung, (2) Allg. LeistungsstörungsR, (3) Integration VerbraucherschutzG, (4) KaufvertragsR, (5) WerkvertragsR und (6) Darlehen / Sachdarlehen. Die einzelnen Teile wiederum sind dann chronologisch durchkommentiert.

An diesen Aufbau muss man sich erst einmal gewöhnen, da man anfangs in gewohnter Manier vor- oder zurückblättert, um einen höheren oder niedrigeren Paragraphen zu finden. Innerhalb kürzester Zeit gewöhnt man sich aber an dieses System. Diese Gliederung ist insbesondere deshalb vorteilhaft, weil sie eine zusammenhängende Darstellung der einzelnen Bereiche ermöglicht.

Das Buch ist - wie gewohnt vom ZAP-Verlag - außerordentlich praxisbezogenen. Mit welcher Prämisse die Verfasser an dieses Werk gegangen sind, umschreibt am besten ein Zitat aus dem Vorwort: "Ein Kommentar über neues Recht ist auch immer ein Wagnis (...). Aber es kommt (...) darauf an (...) eine kommentierende Antwort zu geben. Nur ein entschiedenes Wort ist in Zeiten des Umbruchs für die Praxis eine Hilfe." Diesem Anspruch wird das Werk voll und ganz gerecht. Hier wird nicht bloß einfach der neue Gesetzestext und die dazugehörige Begründung lauwarm wiedergegeben, sondern es finden zahlreiche neue Denkansätze, Interpretationen und kritische Würdigungen.

Besonders lobenswert sind die grafisch hervorgehobenen Hinweise, die sich durch das ganze Buch ziehen. Es werden für den Praktiker (Richter, Rechtsanwalt usw.) wichtige Tipps gegeben, welche Änderungen zukünftig zu erwarten oder welche Besonderheiten nunmehr zu beachten sind.

Das Buch ist von durchgehend sehr guter inhaltlicher Qualität. Eines der neuen Probleme nach der Schuldrechtsreform ist die Abgrenzung von faktischer bzw. wirtschaftlicher Unmöglichkeit (§ 275 BGB) zum Wegfall der Geschäftsgrundlage (§ 313 BGB). Bei den bisher veröffentlichten Büchern ist - bis auf "Das neue Schuldrecht - Fälle und Lösungen" von Dauner-Lieb - dieser Punkt kaum oder nur sehr gering beachtet worden. Praxis der Schuldrechtsreform dagegen widmet sich diesem Bereich ausführlich und nennt vorbildlich zahlreiche weiterführende Aufsätze. Zudem werden die Erörterungen durch mehrere Beispiele veranschaulicht.

Die AGB-Praktiker wird erfreuen, dass Graf von Westphalen u.a. auch die AGB-Kommentierung (§§ 305a - 310 BGB) übernommen hat. Somit liegt - soweit ersichtlich - zum ersten Mal eine ausführliche Erörterung der großen Lichtgestalt des deutschen AGB-Rechts vor. Waren seine bisherigen Äußerungen eher dogmatischer Natur (NJW 1/2002, S. 12), zeigt Graf von Westphalen hier erneut, warum er zu den führenden Vertretern in diesem Bereich zählt.

Den Wertungen, die die Autoren aussprechen, sind durchgehend zuzustimmen. Z.B., dass auch zukünftig eine Differenzierung zwischen Schäden und Mangelfolgeschäden bzw. dem berühmt-berüchtigten "weiterfressendem Schaden" für bestimmte Fälle notwendig sein wird.

Sehr lobenswert ist auch die ausführliche Kommentierung zum neuen Darlehensrecht von Schmidt. In zahlreichen Werken reduziert sich die Darstellung auf die blanke Wiedergabe des Gesetzestextes. Dies ist hier anders: Auf fast 80 Seiten finden sich qualitativ hochwertige Anmerkungen. Dieser gute Eindruck wird durch zahlreiche Beispiele und tabellarische Übersichten abgerundet.

Die Sprache ist durchgehend leicht verständlich. Die Verfasser verzichten dankenswerter Weise auf zähe, langatmige Ausführungen und kommen immer schnell zum Kern des Problems. An den Stellen, wo es angebracht ist, erläutern sie aber nicht nur die Neuerungen, sondern fassen noch einmal kurz die bisherige Rechtslage mit zahlreichen Rechtsprechungs- und Literaturnachweisen zusammen.

Der Band ist auch drucktechnisch gelungen. Die Seitengestaltung ist sehr augenfreundlich und die Kommentierung ist durchgehend mit Randnummern versehen. Ein leichtes (Wieder-) Auffinden ist daher kein Problem.

Auch die Tatsache, dass das Stichwortverzeichnis über 45 Seiten groß zeigt, wie solide und fundiert hier gearbeitet wurde.

Gesamteindruck:
Ein Glanzlicht unter den Schuldrechtsreform-Büchern. Uneingeschränkte Kaufempfehlung. Vor allem der AGB-rechtliche Teil mit der Kommentierung von Graf von Westphalen ist - neben dem "Anwaltkommentar: Schuldrecht" von Dauner-Lieb und der "Schuldrechtsreform 2002: Das neue Vertragsrecht" von Marx / Wenglorz - die momentan wirklich einzig brauchbare Hilfe.





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