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Artikel 9891
Thilo Schulz
20.12.2004

Hilfe zur Selbsthilfe

Eine Rezension zu:

Andreas Lutz

Ich-AG und Überbrückungsgeld


2. Auflage

Linde-Verlag, Wien 2004, 208 Seiten, 14,90 €
ISBN 3-7093-0054-1

http://www.lindeverlag.de
http://www.ueberbrueckungsgeld.de


Hartz IV wurde vor wenigen Tagen zum Wort des Jahres 2004 gewählt. Es handelt sich dabei um eine der größten Sozialreformen der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Ob die erhofften Wachstumsimpulse wirklich kommen werden, sei dahingestellt. Für viele Menschen ist der Begriff stark angstbesetzt, da sie befürchten, durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe starke Einbußen hinnehmen zu müssen.

Allerdings gibt es schon seit mehreren Jahren staatlich geförderte Anreize zur Selbständigkeit, die helfen sollen, (dauerhafte) Arbeitslosigkeit zu vermeiden: Ich-AG und Überbrückungsgeld. Die Angst ist also nur teilweise begründet. Der Ansturm auf die Arbeitsagenturen in den letzten Monaten hat gezeigt, dass diese Instrumente gerade durch die bevorstehenden Änderungen zum Jahreswechsel verstärkt nachgefragt werden. Allerdings herrschen Unkenntnis und Unsicherheit, welche Möglichkeiten der staatlichen Förderung bei Existenzgründungen genau bestehen und was die konkret beste Lösung ist.

Dr. Andreas Lutz war selbst in dieser schwierigen Situation. Obwohl gut ausgebildet (Studium der Betriebswirtschaftslehre) und mit fester Anstellung, wurde er von einem Tag auf den anderen arbeitslos. Das zwang ihn dazu, sich intensiv mit Wegen aus der Arbeitslosigkeit und den Einzelheiten der staatlichen Existenzgründerförderung auseinanderzusetzen. Sein Sprung in die Selbständigkeit erwies sich schließlich in enorm kurzer Zeit als Erfolg. Seine Erkenntnisse und Erfahrungen aus diesem Prozess hat er im vorliegenden Buch verarbeitet. Er will damit künftigen Existenzgründern Mut machen und das notwendige Werkzeug an die Hand geben, damit auch sie ihr Vorhaben erfolgreich in die Tat umsetzen.

Sein Ratgeber hebt sich von Beginn an wohltuend von anderen Büchern dieser Art ab. Lutz begnügt sich nämlich nicht mit einer nüchternen Darstellung der Voraussetzungen, Chancen und Risiken von Ich-AG und Überbrückungsgeld. Er setzt vielmehr in einem ersten Schritt bei der Person des (potentiellen) Existenzgründers an. Gleich zu Beginn stellt er überraschenderweise "Sieben Merkmale erfolgreicher Selbständigkeit, die Sie ignorieren sollten" vor. Diese zunächst paradox klingende Anweisung ist durchaus sinnvoll: Da die Zeiten der Industriegesellschaft längst vorbei sind, stimmt es eben einfach nicht mehr in jedem Fall, dass erfolgreiche Selbständigkeit immer eine 50-60 Stunden-Woche voraussetzt, nur eine originelle Geschäftsidee zum Erfolg führt oder fast zwangsläufig hohe Anfangsinvestitionen unbedingt notwendig sind. Lutz möchte den Leser dazu bringen, sich von den gängigen Klischees zu lösen und anschließend den eigenen Kopf einzuschalten. Denn dies ist wohl das wahre Geheimnis erfolgreicher selbständiger Tätigkeit.

Es folgt eine Bestandsaufnahme, die unter der Überschrift steht: "Habe ich das Zeug zum Unternehmer?". Hier hält Lutz zu einer Analyse persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten wie Ausdauer, eine gewisse Stressresistenz, Frustrationstoleranz und Gesundheit an, die für den wirtschaftlichen Erfolg eine große Rolle spielen. Auch das persönliche Umfeld bezieht er dabei mit ein. Denn ein missgünstiges Umfeld kann durch ständige Zweifel zum Scheitern des Projekts führen. Eine positive Umgebung, die ab und an auch kritische Anmerkungen macht, kann dagegen ein wesentlicher Faktor für die eigene Zielkontrolle und Standortbestimmung sein. Auch die möglichen Auswirkungen auf eine Partnerschaft werden kurz angesprochen.

Nach diesem "allgemeinen Teil" stellt Lutz in einem zweiten Schritt die sog. Ich-AG und das Überbrückungsgeld in ihren Einzelheiten dar. Zunächst muss jeder Gründer für sich eine Grundsatzentscheidung treffen: Ist die Ich-AG oder das Überbrückungsgeld für mich günstiger? Da die Antwort auf diese Frage von vielen Faktoren abhängt, gibt Lutz Hilfestellung bei der Abwägung in der konkreten Situation. Dazu findet sich unter seiner Website http://www.ueberbrueckungsgeld.de ein Rechenprogramm, das die finanziellen Unterschiede darstellt.

Nachdem die Entscheidung gefallen ist, geht es an die korrekte Anmeldung des neuen Geschäfts. Anschließend ist ein Unternehmenskonzept (neudeutsch: Businessplan) zu schreiben. Dieses Konzept dient nicht nur der Beurteilung des Vorhabens durch fachliche Stellen wie IHK oder Banken bei der Kreditvergabe, sondern wird wohl auch Anfang nächsten Jahres wie schon beim Überbrückungsgeld Voraussetzung für die Förderung der Ich-AG sein. Daneben dient der Businessplan natürlich auch der eigenen Ziel- und Erfolgskontrolle.

Steht der Businessplan, geht es ans Rechnen. Die Umsatzplanung für die ersten ein bis drei Jahre muss erstellt werden. Auch hier gibt Lutz wertvolle Hinweise, welche Faktoren in die Berechnung einzustellen sind und welche formalen Anforderungen es gibt.

Anschließend listet Lutz die "sechs Schritte zur Ich-AG" bzw. "elf Schritte zum Überbrückungsgeld" auf. Hier wird der Leser praktisch vom Gang zur Arbeitsagentur bis zum Ausfüllen der jeweiligen Anträge an die Hand genommen. Hier nimmt das Buch dem Leser viel Recherchearbeit ab und stellt sicher, dass man nichts Wichtiges vergisst.

In einem Abschlussteil finden sich die häufigsten Fragen zu Themen wie Anspruchsgrundlage der Förderung (diese sind im SGB III tatsächlich recht versteckt), zum Timing der Gründung, zur Gründung mit Partnern, Gesellschaftsformen wie GmbH oder Limited und vieles mehr.

Gesamteindruck:
Das Buch kann jedem Existenzgründer nur empfohlen werden. Es ist vor allem für arbeitslose Juristen nach dem zweiten Staatsexamen von großem Wert, da es das Dickicht lichtet und den Leser mit seinen Fragen ernst nimmt. Zwar ändern sich ständig Details der staatlichen Förderung. Das Buch kann damit also niemals in allen Einzelheiten auf dem neuesten Stand sein. Wer sich ernsthaft selbständig machen möchte, spart durch die Lektüre aber viel Zeit und Frust, da zumindest der Kernbestand wohl seine Gültigkeit in nächster Zeit behält. Die 14,90 € sind auf jeden Fall eine lohnende Investition in die eigene Zukunft.
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