Sebastian Walter
Von Frau Fenchel, ihrer Katze Sylvester und anderen Dingen
Eine Rezension zu:
Carl-Theodor Olivet
Juristische Arbeitstechnik in der Zivilstation
Reihe Jurathek Praxis
2. Auflage
C.F. Müller Verlag, Heidelberg 2002, 272 S., € 18,-
ISBN 3-8114-2362-2
http://www.cfmueller-verlag.de
Die Reihe "Jurathek Praxis" des C.F. Müller Verlages ist bekannt für praxisnahe, den tatsächlichen Bedürfnissen von Studenten und Referendaren angepasste Literatur. Hier
möchte sich das vorliegende Werk einreihen, und durch Wechselspiel von Theorie und praktischer Umsetzung das Lernen selbst und die Anwendung des Erlernten ermöglichen - es
soll Lehrbuch, Leitfaden und praktische Arbeitshilfe zugleich sein.
Das Buch ist inhaltlich - wie sich schon aus dem Titel entnehmen lässt - auf Referendare in der Zivilstation ausgerichtet. Der Autor Carl-Theodor Olivet war selbst lange
Jahre Leiter verschiedener Arbeitsgemeinschaften und konnte diese Erfahrung verwenden und einbringen.
Das gut 270 Seiten starke Werk ist nicht nach wissenschaftlichen Gebieten aufgeteilt, sondern in zwei große Fälle nebst einem Anhang. Innerhalb dieser zwei großen Fälle -
die materiellrechtlich eigentlich ganz klein sind - werden die zivilprozessualen Themen abgehandelt. Dies geschieht in der Reihenfolge, in der sich ein solcher Fall in der
Praxis entwickeln würde.
Im ersten großen Kapitel kommt Frau Fenchel zum Rechtsanwalt, da ihr Nachbar ihre Katze Sylvester mit dem Luftgewehr beschießt. Somit entwickelt sich der Fall aus
Anwaltssicht und dreht sich um die komplette Problematik vom ersten Mandantengespräch bis zur Vollstreckung des Urteils. In den Gang der Dinge eingestreut sind beinahe
überall mehr oder weniger lange Ausführungen zu anderen denkbaren Fallkonstellationen oder zur Erläuterungen der Rechtslage. Diese sind mit vielen Beispielen versehen, um
das Verständnis zu vereinfachen. So gelingt es dem Autor, in einem Fall zahlreiche Themen unterzubringen und diese umfassend zu beschreiben. Zulässigkeit der Klage,
Zustellung, Prozessführungspflicht des Richters, Beweiserhebung und Beweislastverteilung, Gang der mündlichen Verhandlung oder auch Erstellung des Urteils sind nur einige
der angesprochenen Punkte. Angemerkt sei, dass man den Aufbau - Hauptfall mit Abwandlungen - nun nicht mit einem "großen Fall" eines Repetitorium verwechseln darf: Es wird
nicht unter Einschluß aller möglichen Konstellationen ein Sachverhalt einfach abgearbeitet, vielmehr bildet sich der Fall erst im Laufe des Lesens vollständig, und parallel
entwickelt sich die Lösung.
Der zweite Fall handelt von den "höheren Weihen des tiefern Wissens": Die relevanten Themen aus Sicht des Gerichts werden hier behandelt. Besonders interessant gestaltet ist
das Kapitel über den Sachvortrag des Referendars: Ein gute erste Einführung in eine Thematik, die den meisten bis zum Examen unbekannt ist. Im übrigen finden sich auch hier
wieder zahlreiche, mit Beispielen versehene Einschübe und Abwandlungen, die eine Abdeckung der gesamten Stoffbreite gewährleisten.
Während des Lesens oder auch lange danach hilft ein ausnahmsweise wirklich ausführliches Inhaltsverzeichnis, spezielle Themen gezielt zu finden. Erfreulich ist auch, dass
der Autor auch sonst oft vernachlässigte Gebiete wie den gerichtlichen Vergleich, das Mahnverfahren, das Votum oder den Beweisbeschluß erläutert und am Ende des Buches ein
Verzeichnis lateinischer Ausdrücke anfügt.
Stilistisch geht der Autor für deutsche Referendare neue Wege: Mit offenbar einer Affinität zum Stil amerikanischer Lehrbücher beschreibt der Autor seine Fälle beinahe schon
mit einer romantischen Verliebtheit in das - auch außerjuristische - Geschehen. Wenn er in seinem Vorwort für den Leser die Lust am Lesen erhofft, so hat er dies ohne
Zweifel geschafft. Es gibt kaum ein juristisches Buch, das sich mit so viel Charme, so herrlich flüssig und witzig zugleich liest wie das vorliegende. Zugegeben, diese
Beschreibung vermutet man eher bei einem Roman, denn bei einem Lehrbuch, aber frappierenderweise passt sie hier trefflich. Olivet schafft es sogar, in seine beiden Fälle
eine Spannungskurve einzubauen, die das Zuklappen ernstlich schwer macht. So etwas kennt man nicht von normalen Lehrbüchern, und ohne Zweifel liegt auch hier ein Lehrbuch
vor. Trotz oder gerade wegen der vielen Details des Lebens, die der Autor einstreut, wird die juristische Problematik lebendig und bleibt gut im Gedächtnis. Durch das
skizzierte "Leben" empfindet man die Fälle fast wie selbst durchlebt - natürlich bleibt das "Buch" ein "Buch", aber näher an echte und eigene Erfahrung kann man kaum kommen.
Weiterhin ist die Sprache klar und eingängig, der Satzbau unkompliziert, das Lesen also auch in dieser Hinsicht angenehm.
Als Fazit bleibt festzuhalten: Ein spannendes Buch, das Wissen auf besondere Art vermittelt. Es kann die Klassiker wie Anders/Gehle oder Knöringer natürlich nicht ersetzen,
als zusätzliches Werk um die Materie zu erlernen ist es aber nicht nur perfekt, sondern auch angesichts des vernünftigen Preises uneingeschränkt empfehlenswert. Somit wird
das Werk wird dem Anspruch des Autors gerecht: Es ist in der Tat Lehrbuch, Leitfaden und praktische Arbeitshilfe zugleich - und noch einiges mehr!
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