Jurawelt

Artikel 3342
Thilo Schulz

Ist Reden nur Silber?

Eine Rezension zu:

Norbert Franck

Rhetorik für Wissenschaftler


1. Auflage, Verlag Franz Vahlen, München 2001, 139 S., 39,-DM
ISBN 3-8006-2613-6

http://www.vahlen.de


Mancher Leser wird die in der Überschrift gestellte Frage sicher spontan und aus tiefstem Herzen mit “ja“ beantworten. Jeder Student kann ein Lied davon singen, wie langweilig manche Professoren ihre Lehrveranstaltungen abhalten. Auch viele Seminarbeiträge sind ein wirksames, weitgehend nebenwirkungsfreies Schlafmittel. Nachwuchswissenschaftlern ergeht es häufig nicht anders. Die durch langweilige Redebeiträge ausgelösten Frustrationen und Aggressionen können – proportional abhängig von der Ausdauer des Redners - ein beträchtliches Ausmaß erreichen. Wer einschläfernden, unstrukturierten oder ausufernden Reden mehr oder weniger wehrlos ausgesetzt ist, wird so manches Mal bedauert haben, daß Zeitdiebstahl nach deutschem Recht nicht strafbar ist.

Steht man auf der andere Seite des Redepults, hat man mit anderen Problemen zu kämpfen. Zur Nervosität, die jeden befällt, gesellen sich schnell kleine Pannen, Zwischenrufe aus dem Publikum oder unfaire Fragen in der anschließenden Diskussion. Man möchte dann am liebsten die Flucht antreten.

Muß das immer so sein (rhetorische Frage!)? Natürlich nicht. Die Redekunst hat eine lange Tradition. Im Laufe der Geschichte wurden so viele Reden gehalten, daß man daraus die wichtigsten Merkmale einer guten Rede destillieren konnte. Wenn man nur einige dieser Regeln bei Vorträgen berücksichtigt, hat man einen gewaltigen Vorteil gegenüber rhetorisch unbeschlagenen Rednern. Es gelingt dann meist erheblich besser, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu wecken, und diese Aufmerksamkeit auch bis zum Ende des Vortrags wach zu halten. Die Rhetorik ist damit kein Instrument der Publikumsmanipulation, sondern ein Mittel zu dem Zweck, den Inhalt des Vortrages heil zum Empfänger zu transportieren.

Im Wissenschaftsbetrieb steht man der Rhetorik trotzdem oft skeptisch gegenüber. Es wird oft genug davon ausgegangen, daß “die Sache für sich selbst sprechen müsse“. Die Ergebnisse kennt jeder, der schon einmal einen längeren Fachkongress besucht hat: Man freut sich aufrichtig, wenn mancher Vortrag zu Ende ist. Um das zu ändern, hat Norbert Franck das vorliegende Buch geschrieben.

Es geht ihm allerdings nicht nur darum, Hinweise für einen inhaltlich sinnvollen Aufbau einer Rede zu geben. Er will die Aufmerksamkeit auch auf Fähigkeiten wie selbstsicheres Auftreten oder den gelungenen Einsatz von Präsentationsmitteln lenken. Schließlich soll der Umgang mit unsachlicher Kritik und unfairen Fragen erleichtert werden.

Eine gute Rede ist untrennbar mit dem Redner verbunden. Die Rede mag inhaltlich noch so brillant sein: sie wird niemals ihre volle Wirkung entfalten können, wenn der Redner nicht den Eindruck macht, voll hinter seinen Worten zu stehen. Diesen Eindruck zu vermitteln fällt vielen schwer, weil sie nervös sind und sich selbst blockieren. Deshalb versucht Franck zu Beginn des Buches, die Angst vor dem Reden zu nehmen. Kurz gesagt: Von einer Rede hängt selten das Schicksal der Welt ab. Das gibt die nötige Gelassenheit, einen Vortrag überzeugend zu halten.

Selbstbewußtsein allein macht allerdings auch noch keine gute Rede. Wichtig sind klare Strukturen, die dem Zuhörer immer wieder explizit vermittelt werden müssen. Der Hauptteil des Buches ist deswegen dem Aufbau eines Vortrages und den Bedingungen gewidmet, unter denen er gehalten wird. Hier findet der Leser viele Selbstverständlichkeiten, aber auch hilfreiche Hinweise für den Aufbau einer gelungenen Rede. Gut sind die Formulierungsvorschläge, die man immer wieder findet. So fällt es leichter, einen gelungenen eigenen Anfang oder einen prägnanten Schluß zu Stande zu bringen. Da aufgeregte Redner, die verzweifelt am Overheadprojektor herumschrauben, das Publikum oft unfreiwillig zum Lachen bringen, hat Franck dem Umgang mit Präsentationsmitteln einen eigenen Abschnitt gewidmet. Man findet an dieser Stelle Hilfestellung bei Fragen nach dem geeigneten Medium oder der Darstellungsweise. Da auch im Wissenschaftsbereich Rede nicht gleich Rede ist, rundet ein Abschnitt mit Ausführungen zu den Besonderheiten verschiedener Anlässe wie Kongresse, Tagungen oder populärwissenschaftlicher Vorträge den Hauptteil des Buches ab.

Wie man mit Kritik und unangenehmen oder unsachlichen Fragen umgeht, ist Thema des letzten Kapitels. Franck empfehlt, nicht gleich mit dem “Kritik-Ohr“ auf Fragen zu achten. Er gibt konkrete Hinweise, wie man sich auch in schwierigen Fragesituationen, etwa vor einer Berufungskommission, verhalten kann. Auch einige “Hausrezepte gegen Vielredner und Sticheleien“ sind an dieser Stelle zu finden.

Das Buch hinterläßt einen guten Eindruck. Wer sich bereits vertieft mit Rhetorik beschäftigt hat, wird das Buch unwissenschaftlich finden. Franck verzichtet bewußt auf Fachbegriffe. Allerdings ist das kein Schaden. Er vermittelt überzeugend Strategien für gelungenen Vorträge, die sich relativ schnell und einfach umsetzen lassen.





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