Jurawelt

Artikel 284
Ralf Hansen

Bewerbungsstrategie jenseits ausgetretener Pfade?

Rezension zu:

Susanne und Kai Riedel

GUERILLA BEWERBUNG

Der etwas andere Weg des Berufseinstiegs

Campus-Verlag, Frankfurt/Main
Reihe campus concret

http://www.campus.de

Spätestens nach Ende des Studiums stellt sich auch für Juristen das Problem, die erworbenen Kenntnisse auf dem freien Markt zu verwerten und sich selbst zum Produkt zu machen. Rechtskenntnisse allein helfen hier nicht weiter. Ohnehin werden heute etwa auch von wirtschaftsrechtlich ausgerichteten Juristen unter anderem Marketingkenntnisse erwartet. Gelegentlich beklagen Personalberater die Bewerbungen von Juristen wären die schwächsten. Über Maßstäbe läßt sich streiten, nicht aber über ihre Anwendungspraxis. Das neue Buch von Riedel/Riedel richtet sich in erster Linie an Absolventen, die vor dem Einstieg in den Beruf stehen. Vor sich die Aufgabe, im Dschungel des Arbeitsmarktes einen ersten angemessenen Job zu finden. Das Buch ist allerdings nicht auf bestimmte Berufsgruppen zugeschnitten, sondern versucht eine allgemeine Positionsbestimmung. Dies ist fast immer problematisch. Die Autoren gehen dabei von einem Zustand aus, der alte Maßstäbe verblassen läßt, da es in der heutigen Zeit kam noch gradlinig verlaufende Lebensläufe gibt. Der Soziologe Ulrich Beck spricht in diesem Zusammenhang treffend von "Bastelbiographien". Die Autoren vergleichen die notwendigen Strategien für einen Arbeitssuchenden heute im Dschungel postmoderner Arbeitsmärkte mit der Taktik eines "Guerilla", der nur durch besondere Geschicklichkeit an einer beweglichen Front durch Kompensation vorhandener Defizite "überleben" kann. Allgemein macht sich der immer häufigere Einbruch militärischen Jargons in die neue Marketingssprache eher unangenehm bemerkbar.

Angesichts des vorhandenen Überangebots muß der "Anbieter", d.h. der Arbeitssuchende "Alleinstellungsmerkmale" schaffen, um gegenüber der Konkurrenz auch nur die Aussicht einer Durchsetzungschance zu haben. Herkömmliche Strategien setzen allein an der Bewerbung und ihrer Technik an. Die Autoren setzen dagegen an einem früheren Stadium an und empfehlen den Aufbau eines kommunikativen Netzwerkes zu Unternehmen und deren Angestellten, um auf diese Weise - nach Durchführung einer persönlichen Profilanalyse und einer personenbezogenen Arbeitsmarktanalyse - die Grundlegung für eine erfolgreiche Bewerbung bei einem Großunternehmen zu schaffen: "Wichtig ist es, permanent und aktiv Kontaktmöglichkeiten zu suchen". Diese Strategie sollte nicht ganz neu sein, revolutionierend ist sie jedenfalls nicht, wenn auch sicher richtig. Dies setzt selbstredend ausgefeilte Techniken der Informationsbeschaffung voraus. Derartige Kontakte beruhen den Autoren zufolge mehr oder weniger auf "Consideration", also gegenseitigem Geben und Nehmen. Es dürfte nicht ganz einfach sein, solche Netzwerke aufzubauen und aus ihnen heraus den Weg zum qualifizierten Job zu finden, wenn nicht bereits einiges an "Vitamin B" vorhanden ist.

In ein Unternehmen als Neuling hineinzukommen ist heute erst einmal viel. Prinzipiell ist jede erste Stellung ein Sprungbrett, das es über interne Bewerbungsverfahren auszubauen gilt. Allerdings ist das Buch primär auf Großunternehmen ausgerichtet. Im Vollzug der Unternehmensaufspaltung, des "lean management" und vergleichbarer Strategien der Konzernausdifferenzierung, wäre allerdings der Blick auch zunehmend auf solche kleineren Unternehmen zu richten, weshalb die Autoren wohl auch mittelständische Unternehmen in den Blick nehmen, die immerhin die meisten der neuen Arbeitsplätze schaffen. Auch hier gilt wiederum die Priorität dem Ausbau unternehmensinterner kommunikativer Netzwerke. Im Kern steht heute allerdings, wie die Autoren deutlich machen, der Kontaktaufbau zu interessanten Unternehmen durch Praktika während des Studiums. Ein Schwerpunkt des Buches bildet auch die Beschäftigung in Call-Centern, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Ob die Beschäftigung in einem Call-Center gerade einen Grundstein für eine akademische Karriere bedeutet, mag dahingestellt bleiben. Für manchen gerät dieser Weg zur Einbahnstraße (s. FAZ v. 19.06.1999). Viel zu kurz geraten ist aber die Schilderung der Perspektiven der Selbständigkeit und der freiberuflichen Arbeit. Auch die Problematik der Zeitintervalle wird behandelt, da in Zeiten von "Bastelbiographien" biographische Brüche nichts Seltenes sind. Hier kommt es darauf an, diese Zeiten als Bau am eigenen "Gesamtkunstwerk" dem potentiellen Arbeitgeber zu "verkaufen", ohne Lücken zu hinterlassen, die stets negativ wirken. Das Problem der Präsentation längerer Erkrankungsphasen wird allerdings nicht behandelt, doch ist die Praxis blind gegen schicksalhafte Schuldlosigkeit. Rechtsanwälten etwa wird empfohlen, statt als Anwalt als Aushilfskraft (Schreibkraft) in einer Anwaltskanzlei zu arbeiten. Farbe bekennen müssen die Autoren dann im achten Kapitel, in dem sie ihre Bewerbungsstrategie präsentieren. Besonders hervorgehoben wird die Möglichkeit, Lücken im Lebenslauf durch die Arbeit in Zeitarbeitsunternehmen zu überbrücken. Hier wäre der Hinweis zu ergänzen, daß die Bezahlung oft unter den üblichen Tarifen liegt, was gerade auch für den Call-Center-Agent gilt (s. FAZ v. 19.06.1999).

Unter solchen Umständen besteht die "Guerilla-Taktik" zunächst im Informationsvorsprung beim Auffinden offener Stellen unter Einbeziehung der Internet-Recherche. Von Blindbewerbungen wird eher abgeraten, da sie kaum gelesen werden. Sehr nützlich sind die Hinweise zur Bestimmung von Anforderungsprofilen und der Suche nach "keywords" in Stellenanzeigen. Deutlich wird gezeigt, daß es im Kern darauf ankommt, die Wahrnehmungsschwelle der Personalausleser zu überwinden und überhaupt - selbstredend positiv - aufzufallen.. Leider wird auf die zunehmend bedeutendere Rolle von Unternehmens- und Personalberatungen für akademische Berufe in diesem Bereich nicht näher eingegangen. Auch Personalberatungen spezifisch für juristische Berufe sind bereits am Markt, wie etwa Blicke in die "Neue Juristische Wochenschrift" zeigen. Wichtig ist es insbesondere statt viel über eigene Qualitäten zu schreiben, ein Bezug zur Problemlösung durch das Angebot seiner selbst für das betreffende Unternehmen herzustellen, sich also problembewußt zu äußern. Besinnungsaufsätze sind nach der Schulzeit kaum noch gefragt. Musterbewerbungen, wie sie etwa in bestimmten Textverarbeitungsprogrammen enthalten sind, werden schnell aussortiert. Auch in diesem Bereich macht Übung letztlich den Meister.

Das Buch wird abgerundet durch Adressen von Weiterbildungsorganisationen, den Adressen von Veranstaltern von Absolventenkongressen, den maßgeblichen Zeitarbeitsfirmen in Deutschland und den relevanten Jobbörsen im Internet. Auch wenn man sich nach eingehender Lektüre fragt, worin denn nun die angepriesene "Guerilla-Taktik" bestehen soll, ist die Lektüre interessant und sicher hilfreich, zumal das Buch vom Stil her "flott" geschrieben ist.

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