
Am 10. April 2001 fällte das Thüringer
Landesarbeitsgericht eine Entscheidung, welche mehr Auswirkungen auf die arbeitsrechtliche Praxis der Bundesrepublik haben sollte als viele der im benachbarten
Bundesarbeitsgericht getroffenen Entscheidungen. Das LAG Thüringen beschäftigte sich in seiner Entscheidung auf über 17 Seiten (!) ausführlich und intensiv mit dem Phänomen
"Mobbing" – auch genannt Bossing oder Bullying –, welches seitdem als arbeits- und sozialrechtliches Phänomen gesamtwirtschaftlicher Bedeutung in den Fokus des
öffentlichen Interesses geriet.
Der Vizepräsident des Thüringer Landesarbeitsgerichts und Herausgeber dieses Handbuches, Dr. Peter Wickler, beschäftigte sich in der Folge verstärkt mit dem Thema Mobbing.
Hierbei galt sein besonderes Augenmerk nicht nur der Verbesserung der Rechtsposition der Mobbing-Opfer, sondern insbesondere auch der Sicherstellung der tatsächlichen
Durchsetzung ihrer Rechte. Wie ernst es dem Autor dabei ist, macht er durch seine im Vorwort aufgestellte These, dass angesichts des grundgesetzlich verbürgten Schutzes von
Menschenwürde und Persönlichkeit ein wirksamer Mobbing-Rechtsschutz nicht nur zur Verteidigung der Verfassung geboten, sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit und
Handlungsfähigkeit des Rechtsstaats sei, deutlich.
Das vorliegende Handbuch soll den professionellen Rechtsanwender als umfassendes Werkzeug bei der Behandlung der vielfältigen praxisrelevanten Facetten des
"Mobbing-Rechtsschutzes" unterstützen. Das Werkes ist in 5 Teile aufgegliedert.
Der von Dr. Peter Wickler bearbeitete Erste Teil ist den Grundlagen gewidmet und beschäftigt sich mit der Definition des Mobbings, seiner Abgrenzung zu anderen (negativen)
kommunikativen Verhaltensweisen, den einzelnen typischen Verhaltensweisen und Erscheinungsformen sowie den schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen selbst, die Betriebe,
die Dienststellen und die Gesellschaft. Zudem wird der rechtsstaatliche Handlungsbedarf der bisherigen Rechtsentwicklung gegenübergestellt.
Im Zweiten Teil beschäftigt sich Dr. Peter Wickler mit den gesetzlich eingeräumten Möglichkeiten der juristischen Bekämpfung von Mobbinghandlungen, sowie der tatsächlichen
Durchsetzung dieser Rechte im betrieblichen Alltag. Neben der Darstellung der einzelnen Gesetzesnormen, welche in dieser Vollkommenheit bisher einmalig ist, wurde ein
besonderer Schwerpunkt auf die Beschreibung der einzelnen in einem Schadensersatzprozess vorzutragenden Tatbestandsmerkmale gelegt. Als besonders wertvoll anzusehen sind in
diesem Zusammenhang die Zusammenstellungen bisheriger Rechtsprechung – besonders übersichtlich nach alphabetisch geordneten Stichworten geordnet – sowie die
Prüfungsraster, welche es dem Praktiker erlauben, die Schlüssigkeit einer einschlägigen Klageschrift generalstabsmäßig zu überprüfen. Nicht selten scheitern
Schadensersatzklagen – wenn denn der schwierige Nachweis einer Mobbinghandlung überhaupt einmal gelingt – daran, dass der Kausalzusammenhang zwischen den
Mobbing-Handlungen und den eingetretenen psychischen oder finanziellen Schäden oder ggf. auch die Schadenshöhe nicht schlüssig dargelegt werden. Ein besonderes Augenmerk
legt der Autor auf die Darstellung der prozessualen Klippen, insbesondere im Bereich der Beweisführung.
Der Dritte (Dr. Peter Wickler und Dr. Beate Hänsch) und Vierte (Dr. Hartmut Schwan) Teil des Werkes gehen auf die Besonderheiten des Mobbing-Rechtsschutzes im Arbeits- bzw.
Beamtenverhältnis ein. Hier ergebnen sich aus der Verschiedenheit des zugrunde liegenden Rechtsverhältnisses (Arbeitsvertrag bzw. Ernennung) einige Unterschiede sowohl
hinsichtlich der Begründung von Haftungstatbeständen und Abwehransprüchen, als auch hinsichtlich der Handlungserfordernisse des Dienstherrn.
Der von Pablo Coseriu verfasste Fünfte Teil schlägt die Brücke zu den sozialversicherungsrechtlichen Aspekten des Phänomens Mobbing. Ausführlich werden die Auswirkungen von
Schäden, welche durch Mobbinghandlungen entstehen, auf die Unfall-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung dargestellt.
Gesamteindruck:
Es gibt Bücher, welche mit Fleiß, Sorgfalt und Interesse geschrieben werden – und es gibt solche, bei denen man jeder Zeile entnimmt, dass sie mit reinem Herzblut
verfasst wurden. Dem Herausgeber ist das Thema Mobbing sichtlich zum ganz persönlichen Anliegen geworden, was auch damit zusammenhängen mag, dass diesem im Anschluss an die
Veröffentlichung des wegweisenden Urteils vom 10. April 2001 eine Vielzahl von Dankesbriefen von Mobbing-Opfern zuging. Die Schilderungen der Einzelschicksale haben den
Autor sichtlich geprägt und dazu angespornt, ein Handbuch zu erstellen, welches Rechtsanwendern im Kampf gegen Mobbing erlaubt, die volle Bandbreite der gesetzlichen
Möglichkeiten zu nutzen.
Das Werk drängt sich zunächst den Rechtsanwendern, denen von Gesetzeswegen eine Verpflichtung zur Unterbindung von Mobbing-Praktiken in Betrieb und Dienststelle auferlegt
ist, zur Vermeidung von Schadensersatzansprüchen durch Prävention auf. Daneben ist es als Pflichtlektüre für die Vertreter gesellschaftlicher Institutionen mit
arbeitsrechtlicher und politischer Verantwortung, insbesondere Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Parteien, anzusehen. Daneben dürfte der Erwerb des Werkes auch für
Rechtsanwälte, welche zur prozessualen Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen mandatiert werden, unverzichtbar sein.
Das "Handbuch Mobbing-Rechtsschutz" ist ohne Zweifel mit Abstand das beste Werk zum Thema Mobbing – umfassend und praxisorientiert.
PS: Folgende Aufsätze bieten die Möglichkeit, sich in das Thema Mobbing vertieft einzuarbeiten:
- Reiserer/Lemke: "Verbesserter Rechtsschutz für Mobbingopfer – Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen" in: MDR 2002, Seite 249-254
- Aigner: "Rechtsschutz gegen Mobbing verstärkt, eine Auswertung des Urteils des Landesarbeitsgerichts Thüringen vom 10. April 2001" in: BB 2001, Seite 1354-1356
- Wickler: "Wertorientierungen im Unternehmen und gerichtlicher Mobbingschutz" in: DB 2002, Seite 477-484