Anne-Cathrin Wiesner
Jugendstrafrecht kompakt
Eine Rezension zu:
Bernd-Dieter Meier / Dieter Rössner / Heinz Schöch
Jugendstrafrecht
1. Auflage
C.H. Beck, München 2003, 378 S., 19,50 €
ISBN 3-406-49913-9
http://www.beck.de
Es ist ein ständig wiederkehrendes gesellschaftliches Problem - die Rebellion der jungen Generation gegen die Eltern; häufig testen die Jugendlichen Grenzen aus oder
versuchen sie zu überschreiten. Dieses Phänomen beschäftigt sowohl Psychologen und Soziologen als auch Pädagogen, nicht zuletzt aber auch die
Strafrechtwissenschaftler.
Jugendstrafrecht bildet in der juristischen Ausbildung gemeinsam mit Kriminologie und Strafvollzug eine Wahlfachgruppe, ist mithin nicht Pflichtstoff der Examina. Dies hat
zur Folge, dass das Gebiet in der Ausbildungsliteratur eher ein Schattendasein führt, teilweise in Kriminologielehrbüchern kurz aufgegriffen wird. Hier leisten die Autoren
mit ihrem jetzt in der Reihe "Grundrisse des Rechts" erschienenen Werk Abhilfe, indem sie sich vollständig der Darstellung des Jugendstrafrechts widmen. Das Buch soll
hierbei einen Überblick über die Materie geben und sie besonders unter kriminologischen und kriminalpolitischen Aspekten verständlich machen, aber auch die dem
Jugendstrafrecht eigene Methodik vermitteln, welche sich von jener des allgemeinen Strafrechts wesentlich unterscheidet. Vorrangig wendet sich das Werk an Studenten der oben
erwähnten Wahlfachgruppe und bietet diesen Examensvorbereitungshilfen in den letzten beiden Abschnitten. Allerdings soll auch der interessierte, juristisch nicht
vorgebildete Leser von der Darstellung profitieren können.
Das Buch ist in 16 Paragraphen bzw. Kapitel untergliedert, von denen die letzten beiden wie erwähnt der Wiederholung und Überprüfung der erworbenen Kenntnisse dienen. In den
14 vorangehenden Abschnitten befassen sich die Autoren, logisch strukturiert und aufeinander aufbauend, als Einstieg mit den Grundzügen und der Geschichte des
Jugendstrafrechts. Anschließend beleuchten sie die kriminologisch bedeutsame Frage der Ursachen und Erscheinungsformen der Jugendkriminalität und hierauf basierend
ausführlich die einzelnen Reaktionsmöglichkeiten des Jugendstrafrechts.
Der erste Abschnitt ist weniger der rechtlichen, sondern den soziologischen Grundlagen gewidmet, Jugendstrafrecht wird in diesem Zusammenhang als "ultima ratio" zur
Normerlernung dargestellt, welches nur greift, wenn die soziale Kontrolle versagt. Damit wird gleichzeitig eine Erklärung geboten, weshalb das Jugendstrafrecht nicht
strafen, sondern vordergründig helfen will. Im Folgenden wird eine kurze Einführung in Materie gegeben, wobei besonders auf die Altersorientierung eingegangen wird. Dieser
Teil verdeutlicht viele für Studenten der Rechtswissenschaft bekannte Tatsachen, um den nicht juristisch vorgebildeten Lesern die Systematik verständlich zu machen. Hierbei
als sehr gelungen herauszuheben ist die Darstellung der unterschiedlichen an das Alter geknüpften Rechtsfolgen in Zivil-, Strafrecht und Öffentlichem Recht. Innerhalb der
Darstellung der Geschichte des Jugendstrafrechts wird neben der Entwicklung hin zum heutigen System auch auf die aktuelle Reformdiskussion eingegangen, das Jugendstrafrecht
in der ehemaligen DDR angesprochen und letztlich sogar auf europäische Entwicklungen und Leitlinien verwiesen.
Der Abschnitt zu den Erscheinungsformen und Ursachen von Jugendkriminalität beginnt mit der erneuten Erwähnung des engen Bezugs von Jugendstrafrecht und sozialer Kontrolle.
Im Anschluss wird zunächst das Dunkelfeld beleuchtet und die wichtigsten Kriterien wie die Ubiquität und die Episodenhaftigkeit erläutert. Dem folgt die Darstellung der
registrierten Jugendkriminalität, es wird auf die verschiedenen Untersuchungsmethoden eingegangen und Vor- und Nachteile werden aufgezeigt. Anhand der vorliegenden
Ergebnisse konnte auch eine gewisse Struktur der Jugendkriminalität festgemacht werden, auf die der Autor des Kapitels kurz eingeht. Den Schluss bilden besondere
Erscheinungsformen der Jugendkriminalität wie die Gewaltkriminalität und Betäubungsmittelkriminalität, welche einerseits zwar nicht stark vertreten sind, andererseits aber
von dem als typisch festgestellten Verhalten der Delinquenten zum Teil sehr abweichen. Hier ist nach den Ursachen zu forschen. Die Konsequenzen, die für das Jugendstrafrecht
angesichts von Dunkel- und Hellfeld zu ziehen sind, werden am Ende des Kapitels noch kurz behandelt.
Im folgenden Teil wird auf die Jugendhilfe eingegangen, die schwächste und noch nicht strafrechtliche Interventionsmöglichkeit zum Schutz der Entwicklung der Kinder und
Jugendlichen. Die Verfahren und Aufgaben der Jugendhilfe werden besonders auch im Zusammenspiel mit Familienrecht und Jugendstrafrecht dargestellt. Die nachfolgenden Kapitel
erklären ausführlich die einzelnen Sanktionsmöglichkeiten des Jugendstrafrecht, beginnend mit dem persönlichen und sachlichen Anwendungsbereich. Es wird sowohl auf die
relativ milden informellen Reaktionen auf Jugendkriminalität eingegangen als auch auf die immer schärfere Konsequenzen mit sich ziehenden "Strafen", von Erziehungsmaßregeln
(Weisungen, Erziehungsbeistand, Heimerziehung) über Zuchtmittel (Verwarnung, Auflagen, Jugendarrest) bis hin zur Jugendstrafe. Hierbei folgt die Darstellung auch der
gesetzlichen Systematik, die in den §§ 9 ff. die Reaktionsmöglichkeiten des Jugendstrafrechts regelt. Die letzten drei Kapitel sind vorwiegend dem formellen Recht gewidmet,
die Verfahren und das Jugendgerichtsgesetz (JGG) werden angesprochen.
Gesamteindruck:
Das vorliegende Werk besticht durch eine gut strukturierte Darstellung der Materie. Unter Zuhilfenahme von Fällen wird der Einstieg in das jeweilige Kapitel interessant
gestaltet. Besonders hervorzuheben ist die gelungene Einheitlichkeit in den Schaubildern und Übersichten, was bei mehreren Autoren nicht der Regelfall ist. Das Buch bietet
zudem zur Vertiefung jeweils am Ende eines Abschnitts weiterführende Literaturhinweise, wobei an besonders wichtigen oder streitigen Punkten auch dort die Fundstellen
geboten werden. Die Einleitung ist sehr umfassend, was dem Leser sofort das Verständnis der Systematik verdeutlicht. An manchen Stellen sind die Darstellungen ein wenig
kurz, allerdings sind die Überschneidungen mit der Kriminologie unübersehbar und zu diesem Gebiet existieren ausführliche Abhandlungen.
Zur Erschließung des Jugendstrafrechts ist dieses Buch sehr gut geeignet und bietet anhand der Fragen am Ende eine große Stütze bei der Examensvorbereitung. Ein
empfehlenswertes Werk, man darf auf weitere Zusammenarbeit der Autoren hoffen.
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