Jurawelt

Artikel 10301
Dr. Giorgio Decker
10.06.2005

Aufbau, Praxis, Probleme und Tücken des Strafverfahrens in einem Band

Eine Rezension zu:

Klaus Haller / Klaus Conzen

Das Strafverfahren

Eine systematische Darstellung mit Originalakte und Fallbeispielen

3. Auflage

Reihe Jurathek Praxis

C.F. Müller, Heidelberg 2003, 490 Seiten, 32,- €
ISBN 3-8114-3301-6

http://www.cfmueller-verlag.de


Ziel dieses in der dritten Auflage erschienenen Bands ist es vor allem, Probleme und Tücken des Strafverfahrens anschaulich darzustellen. Daneben wollen aber die Autoren, beide Richter und damit erfahrene Praktiker, grundlegende Prinzipien des gesamten Strafverfahrens vermitteln. Das Werk richtet sich vornehmlich an Referendare und junge Assessoren, kann aber ohne weiteres auch von Berufsanfängern als Staatsanwalt, Richter oder Verteidiger genutzt werden.

Haller/Conzen bedienen sich dabei eines überaus hilfreichen, interessanten und spannenden Mittels: Eine optisch durch graue Seitenrandmarkierungen hervorgehobene sogenannte "Originalakte" führt den Leser am Beispiel einer Trunkenheitsfahrt durch die verschiedenen Stationen des Strafverfahrens, angefangen bei der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsakte mit der Anzeige der Polizei inklusive Beschuldigten- und Zeugenvernehmungen sowie Blutalkoholgutachten, über Antrag und Erlaß eines § 111a StPO-Beschlusses über den vorläufigen Entzug einer Fahrerlaubnis, bis hin zur Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, Zwischenverfahren, Hauptverhandlung und schließlich zum erstinstanzlichen Urteil. Auf diese Weise kann man auf anschauliche Weise den Gang des Strafverfahrens mitverfolgen, wobei mit Sicherheit viele Leser – so wie im übrigen der Rezensent – vor ausführlicher Lektüre des Buchs zunächst den Fall zuende lesen werden wollen, so interessant stellen die Autoren die strafrechtliche Geschichte des "Hans Lellmann" dar, die in einer Verurteilung wegen Trunkenheit im Verkehr in Tatmehrheit mit Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung mündet. Daß die Originalakte ihren Schauplatz in Nordrhein-Westfalen hat und damit die verschiedenen landesspezifischen Besonderheiten z.B. bei Formulierung der Anklage außer Acht läßt, ist daneben kaum störend.

Nach einem kurzen, einleitenden Abschnitt über die Grundlagen des Strafverfahrens, der Ausführungen zu "Strafjustiz und Gesellschaft", zu den "gesetzlichen Grundlagen des Strafverfahrens" sowie zu den "tragenden Verfahrensprinzipien/Unterschieden zum Zivilverfahren" enthält, wird im zweiten Kapitel das Ermittlungsverfahren (interessant vor allem für Staatsanwälte oder alle, die dies werden wollen) dargestellt. Die Autoren zeigen den Weg von der Straftat über die Strafanzeige und die Ermittlungen durch Polizei und Staatsanwaltschaft (insbesondere Beschuldigten- und Zeugenvernehmung) bis hin zur staatsanwaltschaftlichen Abschlußverfügung. Die überaus praxisrelevanten Einstellungsmöglichkeiten gem. §§ 153 ff. StPO werden dabei ebenso behandelt wie die zentrale Abschlußverfügung in Examen und Praxis, die Anklageschrift. Als weiterer Schwerpunkt des Buchs folgt im dritten Kapitel die Schilderung des gerichtlichen Verfahrens erster Instanz, also dessen Beteiligten und Ablauf, sowie im vierten Kapitel "Einzelheiten der Hauptverhandlung". Nach Darstellung des Urteils im ersten Rechtszug (Kapitel 5) schließen sich im sechsten Kapitel Ausführungen über besondere erstinstanzliche Verfahrensarten (beschleunigtes Verfahren, Strafbefehlsverfahren und sonstige besondere Verfahrensarten) an. Der Abschnitt über die Rechtsmittel im Strafverfahren (Kapitel 7) mit Schwerpunkt im Revisionsverfahren dürfte vor allem für Examenskandidaten interessant sein, die typische Problemfelder der Revisionsklausur einüben wollen. Praxis- wie auch examensrelevant sind auch die "verfahrenssichernden Maßnahmen und Zwangsmittel im Strafverfahren" wie z.B. die Haft, Durchsuchung oder Beschlagnahme, welche im achten Kapitel beschrieben werden.

Die Verfasser orientieren sich bei ihrer Darstellung erfreulicherweise an die Lösungsmodelle der Rechtsprechung und halten sich nicht unnötig mit Streitständen in der Literatur auf, kann doch weder der Refendar noch der Praktiker hier einen Schwerpunkt setzen; gleichwohl wird an geeigneter Stelle auf abweichende Meinungen hingewiesen. Darüber hinaus geben die Autoren zahlreiche Fundstellen und weiterführende Hinweise an, so daß interessierte Leser das Werk auch als Nachschlagewerk nutzen können. Veranschaulichend sind auch zahlreiche Beispielsfälle, Formulierungs- und Entscheidungsmuster, die für die Zielgruppe gewinnbringend verwendet werden können.

Fazit:
Ein Werk, das sich dank der "Originalakte" und damit des hohen Praxisbezugs wohltuend abhebt von Lehrbüchern klassischen Stils, ohne daß die Qualität darunter leidet. Insgesamt also eine lohnenswerte Investition für die Zielgruppe der Referendare und jungen Praktiker!





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