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Oktober 2004: Gedanken zur Käsekuchenkonjunkturkurve
1. Oktober 2004

Gedanken zur Käsekuchenkonjunkturkurve


Immer wenn man 30 wird oder eine Steuerbefreiung wegfällt, denkt man auch mal an den finanziellen Ruhestand. Beides passiert in meinem Umfeld durchaus öfters, wobei die Geburtstage momentan gerade überwiegen, ich komme wohl in ein kritisches Alter. Jedenfalls traf ich kürzlich Jens, 31, mit dem ich ein Büro teile, dabei an, wie er gespannt einem dubiosen Subjekt in einem dunkelorangen Pullover lauschte. Der Mann stellte sich als "Makler, nicht bloŸ so ein Berater, ich bin unabhängig!" vor, hatte aber wohl seinen Namen vergessen. Den restlichen Tag verbrachten Jens und der orange Typ über ein Sammelsurium an Formularen gebeugt, wobei immer wieder von "Volatilitätsminimierung" und "langfristiger Deckung" die Rede war. Zwischendurch wurde ich vom Vermögensberatungsmakler mit den wichtigsten Regeln des Vermögensberatungsmaklerkunden vertraut gemacht, die ich an dieser Stelle auch niemandem vorenthalten will. Erstens gilt nämlich: "Man muss sich informieren." Darauf würde man ja kaum von selbst kommen. Und zweitens muss man aufpassen: "Trau keinem ohne Laptop, die sind nicht flexibel genug!" Von dunkelorangen Pullovern war überraschend nicht die Rede. Ehe ich mich versah, hielt ich schlieŸlich eine vermutlich selbstgemalte Visitenkarte in der Hand, während mir noch ein aufmunterndes "Nur Vertrauen zählt!" in den Ohren klingelte.

Nun, auch ich habe so meine Vorstellungen, wie ich meinen Ertragswinkel steigern könnte. Kennen Sie den Ertragswinkel nicht? Geht mir ähnlich, aber eine groŸe deutsche Bank wirbt mit seiner Steigerung und beweist das mit einem Diagramm, auf dem sich ein weiŸer Balken munter durch die Gegend biegt. Balken biegen sich aber überhaupt gerne mal, wenn eine Bank in der Nähe ist. Da sich groŸe deutsche Geldhäuser auŸerdem generell nicht viel schenken, wirbt ein anderes noch damit, dass es die Wettervorhersage sponsert. Das schafft erst recht Vertrauen.

Jedenfalls dachte ich nach der deprimierenden Geschichte mit Jens, ich könnte mich vielleicht einmal an meinen Freund Björn wenden. Björn ist ein echter Vermögensberater, der sich sogar recht geschmackvoll kleidet, und wenn ich mir sein Leben manchmal so ansehe, muss ich ehrlich zugeben, dass ich ein wenig an meiner Berufswahl zweifle. Es fängt damit an, dass Björn über eine intime Kenntnis aller Cafés der Stadt inklusive deren Bedienungen verfügt. Auf meine Frage hin, wie es dazu komme, meinte er nur, er habe einmal in der Phase einer beruflichen Neuorientierung seine Kunden bei der Stange halten müssen. Da er vorübergehend nicht einmal ein Büro hatte, traf er die Kunden eben im Café, was diese angenehm fanden und problemlos in der nächsten Provisionsabrechnung berücksichtigt werden konnte.

In dieser Zeit hat Björn auch einen feinen Geschmack für die Präsentation von Kuchensorten und die Darreichungsform von HeiŸgetränken entwickelt. Er unterscheidet feinsäuberlich zwischen Hochburgen von Käsekuchen, den er liebt, und "aufgetautem Quark mit Rosinen drin", was er verabscheut. Er spricht verächtlich von "Impulseis", womit er abgepackte Sorten meint, die man nur "aus einem unerklärlichen Impuls bei groŸer Hitze" kaufen könne. Schon deshalb beherrscht er die –ffnungszeiten aller relevanten Eissalons mit offenen Sorten im Schlaf. Das allerwichtigste aber ist für ihn der Kaffee, wobei er vor allen Dingen darauf Wert legt, dass dieser nicht in Gläsern serviert wird. Das hat die praktische Folge, dass er sich weigert, "Latte Macchiato" zu trinken, was die Spesenabrechnungen schon wieder von einem Modegetränk entlastet.

Ich glaube, dass ich Björn wirklich vertrauen kann, denn wenn er sich heute bereits so zielsicher durch die angenehmen Seiten des Lebens bewegt, hat er auf alle Fälle ein gutes Talent für Planung. AuŸerdem wird er mich nicht zugrunde richten, da er von den Provisionen meiner Transaktionen noch länger Tassenkaffee kaufen wollen wird. Sollte ich also einmal reich werden, wissen Sie, wem ich es alleine zu verdanken habe. Falls es anders kommt, werde ich ihre Hinweise auf die Millionäre unter den Käsekuchenbäckern gerne entgegen nehmen.

Mit herzlichen GrüŸen

Ihr
Justus A. Bonus

Kontakt: justus.bonus@jurawelt.com
"Fachanwaltskommentar Arbeitsrecht" von Gregor Dornbusch / Ernst Fischermeier / Manfred Löwisch
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