Jurawelt

Mai 2004: BWL ? Blondie wants love
1. Mai 2004

Blondie wants love


Es ist eine Binsenweisheit, dass zu den natürlichen Hauptfeinden des Juristen ganz unweigerlich der BWLer als solcher zählt. Wir wählen hier ganz bewusst die unemanzipierte, männliche Form, da sich das Verhältnis zu den weiblichen Vertretern der Spezies durchaus ambivalent gestaltet, aber dazu gleich mehr.

Der BWLer versteckt sich gerne auch in Studiengängen mit lustigen Bezeichnungen, die in bunter Mischung Schlagworte wie "business", "management", "Medien", "e-commerce" "finance", "strategic development" und "human resource" aneinander reihen. Die Tarnung fliegt aber spätestens in dem Moment auf, wo der zukünftige "Junior Manager of New Technology Systems" zum ersten Mal das auf volle Lautstärke geschaltete Handy in der Bibliothek vergisst, während er bei einem "informal meeting" (früher: Kaffeetrinken) weilt.

Es ist sowieso interessant, mit welcher Geschwindigkeit sich offene und getarnte BWL-Studenten kurz vor Prüfungen über fremde Lesesäle verteilen. Dabei würde man meinen, dass aufgrund des geringen Buchbestands in ihrer eigenen Bibliothek genug Platz für alle sein müsste. Dabei vergisst man nur, dass sich dort schon Mitglieder aller anderen Fakultäten breit gemacht haben, die die Ruhe und Leere auŸerhalb der Prüfungszeiten schätzen. Der typische Lerntag des BWLers beginnt dann normalerweise damit, dass er einen Tisch mit einem Stapel Skripten belegt und erst mal einen Kaffee trinken geht. Nach ein bis zwei Stunden kommt er zurück, um zu schauen, ob womöglich jemand anderer an seinem Tisch sitzt. Wenn ja, wird dieser mit viel Empörung verscheucht. Das ist so anstrengend, dass unbedingt eine Pause nötig ist. Falls niemand dort sitzt, kann es sich leicht ergeben, dass ein hübsches Mädchen vorbeikommt, was zwar weniger anstrengend ist, aber trotzdem eine Pause erforderlich macht. Kurz nach der Mensa und anschlieŸendem Kaffeetrinken stellt sich eine unerklärliche Müdigkeit ein, die rasch in ein Mittagsschläfchen abgleitet. Um wieder richtig wach zu werden, empfiehlt sich eine groŸe Tasse Kaffee. Und dann ist es ohnehin Abend geworden, so dass man nach einem erfüllten Tag zur "After Study Lounge" schlendern und sich ein paar Cocktails hinter die Binde kippen kann. Zwei Tage vor der Prüfung setzt dann plötzlich Panik ein, und man nervt alle Nachbarn, die Jura studieren so lange, bis sie einem einen Schnellkurs "BGB in drei Stunden" geben, mit dem man die Klausur locker besteht.

Besonders traumatisch ist jedoch das Verhältnis zwischen Juristen und dem weiblichen Anteil der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. Denn an sich ergibt sich die Interessenverteilung recht leicht aus folgenden Vergleichswerten: Hohen Studentinnenzahlen stehen sehr niedrige Frauenquoten in höheren Management-Positionen gegenüber. Dafür steigt der Quotient brilliant-verzierter Verlobungsringe an Frauenhänden abhängig von der Nähe der Diplomfeier exponential an. Soweit also die Theorie. Leider zeigte schon die erste Unifete (Motto: "BWL = Blondie Wants Love"), dass die Umsetzung gewisse Tücken aufweist. Zu gut wissen wir, dass die attraktive Blondine, die man unter Einsatz bisher ungekannter Charmereserven einerseits und Aufgabe ungeahnter Finanzmittel andrerseits an der Bar festgesetzt hat, dass dieses schamlose Wesen im nächsten unbeaufsichtigten Moment mit dem Typen im Muskel-Shirt durchbrennen wird. Dabei hat dieser den ganzen Abend nichts weiter zustandegebracht, als ein dämliches Grinsen mitten in seinem feisten Gesicht. Es bleibt uns also die Wahl, uns auf diejenigen Damen zu konzentrieren, die nicht einmal von Männern mit Muskel-Shirts entführt werden, oder den Gedanken lieb zu gewinnen, dass eine fleiŸige Juristin ? mit langärmeligem Cashmere-Pulli über blauer Bluse zu jeder Jahreszeit ? in einer partnerschaftlichen Beziehung wenigstens ein hohes MaŸ an Sicherheit bietet.

Am Ende des Studiums landet der BWLer schlieŸlich in einer netten mittleren Management-Position, in der er seine Zeit damit verbringt, strategische Entscheidungen in blumige Worte zu fassen und die Personalabteilung zur Aussprache anfechtbarer Kündigungen zu veranlassen, wobei er sich konsequent über die Bedenken der Hausjuristen hinwegsetzt. Letztere lässt er auch sonst jeder Zeit gerne spüren, dass ihre ständige Skepsis der baldigen Beherrschung des Weltmarkts sehr abträglich und generell ein Zeichen für einen Mangel an Visionen ist, ohne die man bekanntlich in der Wirtschaft nichts erreicht.

Ich hoffe, es tröstet Sie, dass wir Juristen wenigstens mehr Stil haben.

Mit herzlichen GrüŸen

Ihr
Justus A. Bonus

Kontakt: justus.bonus@jurawelt.com

Zur Forumsdiskussion über diese Kolumne: Jurawelt-Forum "Rund ums Studium"


Reaktionen zu dieser Kolumne:

J. L. aus Hamburg:

"Zu Ihren zutreffenden Anmerkungen möchte ich jedoch noch ergänzen:

1. Die mir bekannten BWLer behaupten fälschlicherweise stolz, dass Sie ebenfalls "ein Examen" bestanden hätten. Das ist allerdings ein TrugschluŸ. BWLer machen keine Staatsexamina; hierbei handelt es sich lediglich um Diplomstudiengänge.

2. Woran erkennt man einen BWL-Studenten zu Beginn eines Semesters? Er ist regelmäŸig braun gebrannt und kommt just aus dem Ski-Urlaub. Der Jura-Student hingegen hat die Semesterferien für mind. zwei Hausarbeiten genutzt, dicke Augenringe und eine Kaffeevergiftung gratis. Er will ja unbedingt den FreischuŸ machen."

Unki im Jurawelt-Forum:

"Also ganz ehrlich, selbst beim zweiten Mal lesen dieses Textes tritt bei mir eine starke emotionale Reaktion auf. Ich bin BWL Student und muss wirklich sagen..... dass vieles da sogar untertrieben ist. So eine Tasse Kaffee einen ziemlich aus der Bahn werfen. (...)
Der Text ist klasse und der oder die Autoren/Autor/Autorin ist schuld dass mich die PCPool-Aufsicht ganz merkwuerdig beim Lachen angesehen hat."

Baron von Igidor im Jurawelt-Forum:

"Der liebe Herr Justus A. Bonus mag vielleicht ein toller Jurist sein... was aber Bescheidenheit und netter Umgang mit "Nicht-juristen" angeht, sollte er evtl. noch ein Bisschen lernen.
Die Glosse 1 ist zwar ganz lustig.... das mit den BWLern ist aber wirklich voll peinlich und unter aller Sau....
Auch wenn das lustig gemeint ist, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Juristen allgemein als arrogant und bessewisserisch abgestempelt werden."
"Fachanwaltskommentar Arbeitsrecht" von Gregor Dornbusch / Ernst Fischermeier / Manfred Löwisch
Bremen
Kaiser Skripten
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